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Einheitliche Corona-Software: Große Chance, großes Risiko? | BR24

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Für die Kontaktnachverfolgung sollen künftig alle bayerischen Gesundheitsämter die gleiche Software nutzen. Für diese Entscheidung gibt es zwar Lob, am Zeitpunkt aber deutliche Kritik. Die bayerische Eigenentwicklung "BaySIM" steht damit vor dem Aus.

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Einheitliche Corona-Software: Große Chance, großes Risiko?

Für die Kontaktnachverfolgung sollen künftig alle bayerischen Gesundheitsämter die gleiche Software nutzen. Für diese Entscheidung gibt es zwar Lob, am Zeitpunkt aber deutliche Kritik. Die bayerische Eigenentwicklung "BaySIM" steht damit vor dem Aus.

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Von
  • Maximilian Heim
  • Katharina Pfadenhauer

Am Sonntag erklärte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), dass Bayerns Gesundheitsämter unverzüglich eine einheitliche Software für die Corona-Kontaktnachverfolgung nutzen sollen. "Etwas Kleineres, aber Wichtiges" sei diese Entscheidung, betonte Söder, als er am Nikolaus-Tag die neuen Corona-Maßnahmen für Bayern verkündete. Und Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) hofft, dass man durch die Umstellung in den Ämtern Zeit einsparen kann, "um eben auch weitere Kontaktpersonen zu kontaktieren".

Die Hoffnung trägt den Namen "SORMAS" - entwickelt vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, erprobt während der Ebola-Seuche in Afrika, bundesweit in vielen Ämtern zur Corona-Bewältigung bereits im Einsatz. Dass die Software bei der Kontaktnachverfolgung hilfreich ist - da sind sich die meisten Experten einig. Aber es gibt auch eine große Herausforderung: Die Umstellung in Bayern soll sehr schnell ablaufen. "Es ist so, dass das jetzt umgehend begonnen wird - und dann zügig umgesetzt wird", sagt Huml. Auf BR-Nachfrage präzisiert ein Sprecher des Gesundheitsministeriums: "Aus technischer Sicht sollen die für die Gesundheitsämter arbeitserleichternden Schnittstellen von SORMAS im Januar 2021 flächendeckend funktional sein."

Opposition zur Umstellung: Ja, aber...

Die Reaktion der Opposition auf die Umrüstung ist zweigeteilt. "Es ist wichtig, dass die Staatsregierung den Gesundheitsämtern endlich auch eine leistungsfähige und erprobte digitale Möglichkeit zur Kontaktnachverfolgung zur Verfügung stellt", sagt Benjamin Adjei, digitalpolitischer Sprecher der bayerischen Grünen-Fraktion. "Wir nutzen zum Teil noch Faxe und Excel-Listen. Ich glaube nicht, dass man so langfristig jetzt auch im schweren Winter die Pandemie bekämpfen kann."

Höchste Zeit für eine gewinnbringende Vereinheitlichung - das sagen neben den Grünen auch SPD und FDP im Landtag seit Monaten. Den Zeitpunkt der Umstellung halten viele Beobachter aber für heikel. Man hätte das im Sommer erledigen können, findet Adjei von den Grünen. "Jetzt muss das Ganze in einer heißen Phase der Pandemie gemacht werden, wo die Gesundheitsämter eh schon mit Wochenend- und Nachtschichten beschäftigt sind", kritisiert er. "Da kann natürlich dann vieles passieren."

Huml: "Sehr intuitiv" und leicht erlernbar

Bayerns Gesundheitsministerin Huml wiederum betont, bei SORMAS seien erst kürzlich die Schnittstellen zum Robert Koch-Institut geklärt worden, das Produkt habe sich weiterentwickelt. Deshalb ist nach ihren Angaben jetzt der richtige Zeitpunkt für die Umstellung gekommen. Dennoch bleiben wichtige Fragen wie diese: Wer schult die Mitarbeiter, zumal in einer akuten Überlastungssituation vieler Ämter? "Sehr intuitiv" sei die künftig verpflichtende Software, versichert die Ministerin. Es sei daher "sehr leicht möglich, sie zu erlernen."

Der gesundheitspolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Dominik Spitzer, hat sich das Programm in der Testversion genauer angesehen. SORMAS mache einen "strukturierten, nachvollziehbaren und einfach einzusetzenden Eindruck" und könnte die Kontaktnachverfolgung "auf ein neues Niveau bringen", sagt er. Doch auch Spitzer findet: Bayern habe hinsichtlich einer Umrüstung "den Sommer verschlafen". Niedersachsen beispielsweise nutze diese Software bereits seit August.

Umstellung: Einige Ämter offenbar überrumpelt

Der angekündigte Software-Wechsel in Bayern ist ambitioniert: Von den 76 Gesundheitsämtern in Bayern nutzte laut einer Grünen-Anfrage Ende November nur ein einziges die künftig verpflichtende Software. In den anderen kamen verschiedene Programme zum Einsatz, teils noch die erwähnten Excel-Tabellen, teils Eigenentwicklungen vor Ort.

Nun also die große Umstellung: Aus einigen Ämtern ist zu hören, man sei von Söders Ankündigung überrumpelt worden - und plane jetzt erstmal eine parallele Nutzung zusammen mit der bisher verwendeten Software.

Und es stellt sich noch eine wichtige Frage: Wie wird sichergestellt, dass die Daten aus den bisher genutzten Programmen zur Nachverfolgung reibungslos in die neue Datenbank übertragen werden? Auch hier ist die Ministerin zuversichtlich. Der Bund habe mitgeteilt, "dass man versucht, dass möglichst viel eben auch transportiert werden kann", sagt Huml. Das gelte auch für die Gesundheitsämter in Bayern, die laut Huml bisher mit der im Frühjahr eigens entwickelten Software "BaySIM" arbeiten.

Bayerische Software "BaySIM" damit vor dem Aus

Tatsächlich steht "BaySIM" durch die Umstellung auf SORMAS vor dem Aus. Die Software sollte die Ämter im Freistaat bei der Kontaktnachverfolgung digital unterstützen, Doppelarbeit in mehreren Gesundheitsämtern vermeiden und es Infizierten selbst ermöglichen, Daten an die Behörden zu übermitteln. Tatsächlich kam "BaySIM", dessen Nutzung freiwillig ist, zwar in mehreren Ämtern zum Einsatz. Von fehlenden Schnittstellen und nicht ausreichenden Funktionen ist aber zu hören. Die Software ist bislang nicht an die Meldesysteme des Bundes angeschlossen, laut Bayerns Gesundheitsministerium hat der Bund die technischen Möglichkeiten dafür erst vor rund zwei Wochen geschaffen.

Das Ministerium bewertet "BaySIM" positiv: An 35 Gesundheitsämtern hat sich die Software laut einem Sprecher "bewährt". Allerdings haben nach BR-Informationen mehrere Ämter zwar Implementierung und Schulungen durchgeführt, das Programm letztlich aber nicht genutzt. Immerhin rund 700.000 Euro hat "BaySIM" gekostet - für die Landtags-Grünen war dieser bayerische Sonderweg laut ihrem digitalpolitischen Sprecher Adjei von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Laut dem Gesundheitsministerium gab es zu Beginn der Pandemie "weder kommerzielle noch vom Bund zu Verfügung gestellte Lösungen", daher sei "BaySIM" als notwendige Lösung wichtig gewesen. Jetzt aber ist laut Gesundheitsministerin Huml die Zeit für eine bundesweit einheitliche Lösung gekommen.

© pa/dpa/Peter Kneffel

23.04.20: Gesundheitsministerin Huml (l.) und Digitalministerin Gerlach bei der "BaySIM"-Vorstellung - nun soll eine andere Software kommen.

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