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Einer der Letzten: Schuster Brandl hört mit 83 Jahren auf | BR24

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114 Jahre lang haben sich die Schuster der Familie Brandl in Offenstetten im Landkreis Kelheim um das Schuhwerk ihrer Kunden gekümmert. 69 Jahre davon hat Josef Brandl die Schuhe seiner Kunden repariert - jetzt hört er für immer auf.

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Einer der Letzten: Schuster Brandl hört mit 83 Jahren auf

114 Jahre lang haben sich die Schuster der Familie Brandl in Offenstetten im Landkreis Kelheim um das Schuhwerk ihrer Kunden gekümmert. 69 Jahre davon hat Josef Brandl die Schuhe seiner Kunden repariert – jetzt hört er für immer auf.

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Noch wirft Schuster Josef Brandl jeden Tag die große Schleifmaschine in seiner Werkstatt in Offenstetten im Landkreis Kelheim an, schleift und poliert die Absätze von Schuhen. Die Werkstatt wirkt als wäre die Zeit stehen geblieben: Zwei Nähmaschinen, die guten alten Holzleisten -es gibt viel zu entdecken in der Werkstatt. Doch natürlich ist auch hier die Zeit nicht stehen geblieben.

Industrielle Fertigung brachte das Ende für viele Schuster

1951 ging Josef Brandl für drei Jahre bei seinem Vater in die Lehre. Damals hatte die Familie sogar noch ein Schuhgeschäft. Das war zunächst noch im Elternhaus, ab 1963 dann im neu gebauten Haus von Josef und seiner Frau Else. Bis 1981 verkauften sie dort auch Schuhe. "Aber wie halt die Zeit so ist: Die Leute wurden mobil. Dann sind sie zum Schuhe kaufen nach Regensburg gefahren", sagt Brandl. Die industrielle Schuhfertigung brachte nach und nach das Ende für viele Schuster.

© BR / Axel Mölkner-Kappl

Schuster Josef Brandl in seiner Werkstatt

Zwei Jobs, um leben zu können

Brandl hatte deshalb in seinem Leben lange zwei Jobs. Schuster zuhause und bei einem Automobilhersteller baute er Sitze. Denn von neuen Absätzen und Sohlen allein kann man nicht mehr leben. Deshalb versteht der 83-Jährige auch, dass junge Leute nicht mehr Schuster werden wollen.

In diesen letzten Tagen kommen noch einmal viele treue Stammkundinnen vorbei, um ihre Schuhe neu besohlen zu lassen. Monika Steinsdörfer hat auch noch eine Lederhose dabei und bittet Josef Brandl, ihr einen neuen Knopf festzunähen. Natürlich ist sie traurig, dass er schließt: "Sehr schade, aber steht ihm zu in seinem Alter", merkt sie mit einem Lächeln an.

Letzte Aufträge werden noch abgearbeitet

Josef Brandl zieht ein altes Fotoalbum heraus und kramt in Erinnerungen. Ein altes Schwarz-Weiß-Foto zeigt die Werkstatt, in der sich Schuhe bis zur Decke türmen. Denn früher waren Schuhe teuer und so stapelten sich in Kriegszeiten die Reparaturen. "In der schlechten Zeit ist das ganze Jahr über aufgeschrieben worden. Und nach Neujahr hat man eine Rechnung geschrieben und ist zu den Leuten hingegangen. Bei den meisten hast es gekriegt. Bei anderen steht heut' noch was aus", sagt Brandl. Heute zahlen die Kunden natürlich sofort, aber das, was ein Schuster wirklich für sein Handwerk verlangen müsste, das würden die Kunden vermutlich nicht zahlen.

Josef Brandl will noch seine letzten Aufträge erledigen, dann sperrt er sein Geschäft zu - für immer. Fortan kümmert er sich um seinen Garten, seine vier Kinder und die neun Enkel. Langweilig wird ihm also nicht werden.

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