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Ein Stück Normalität beim Kicken: "Fußballverrückt"
© Petr Jerabek
© Petr Jerabek

Ein Stück Normalität beim Kicken: "Fußballverrückt"

Es wird für ihn der erste Kinobesuch seit etlichen Jahren. "Früher war ich regelmäßig im Kino, aber seit meiner Krankheitszeit halte ich bewusst ein bisschen Distanz", sagt Manfred Bauer. "Weil das oft zu intensiv für mich ist." Denn der 67-Jährige leidet seit vier Jahrzehnten an einer schweren Angststörung, war viele Jahre in stationärer Behandlung und nahm starke Medikamente.

Die Premiere des Dokumentarfilms "Fußballverrückt" am Freitag in München will er sich aber nicht entgehen lassen. Er selbst wird da auf der Leinwand zu sehen sein: zusammen mit seiner Fußballmannschaft - einem Team von Psychiatrie-Patienten.

"Ein therapiefreier Raum"

Das Team Regenbogen wurde 1997 vom jungen Psychologie-Studenten Stefan Holzer gegründet, der zuvor am Bezirkskrankenhaus Haar seinen Zivildienst geleistet hatte. Die Psychiatrie-Patienten seien ihm in dieser Zeit ans Herz gewachsen, "mit ihrer ganz speziellen Verlorenheit der Welt gegenüber", schildert Holzer. Also sei er wieder nach Haar gefahren und habe gesagt: "Lasst uns eine Fußballmannschaft gründen."

Holzers Idee: Er wollte für die Männer ein Freizeitangebot jenseits der betreuten Wohn- und Arbeitseinrichtungen schaffen, jenseits von Therapiegruppen. "Einen therapiefreien Raum. Eine Mannschaft. Etwas, wo die Jungs dazugehören“, sagt der 43-Jährige. Jeder darf mitkicken und dabei Geborgenheit erfahren. "Fußball hat eine wahnsinnige Integrationskraft", betont Holzer, der das Team 21 Jahre lang ehrenamtlich Woche für Woche trainierte.

Eine bunt gemischte Truppe

Manfred Bauer gehört seit schon fast 20 Jahren zum Team. Ans Aufhören denkt er trotz seiner 67 Jahre noch nicht. "Ich liebe Fußball, ich liebe die Bewegung und das Mannschaftsspiel. Und ich renne einfach gern", betont er. Doch auch die Gemeinschaft ist ihm wichtig: Das Besondere am Regenborgen-Team sei, "dass wir so unterschiedlich sind, aus ganz verschiedenen Lebensbereichen und auch Kulturen".

Wie gut die einzelnen Spieler am Ball sind, ist dabei zweitrangig, wie der Trainer erklärt. "Das ist vielleicht das, worauf ich am meisten stolz bin: Dass es gelungen ist, für alle einen Platz zu schaffen", sagt der Psychologe. Alter und Diagnose spielen keine Rolle, zum Regenbogen-Team gehören talentierte Fußballer genauso wie Spieler, die laut Holzer "nirgends hätten Fußball spielen können".

"Fußballverrückt" feiert Premiere

Wie diese ungewöhnliche Fußball-Truppe und die einzelnen Spieler Höhen und Tiefen durchleben, ist auf dem Internationalen Dokumentarfilmfestival München (DOK.fest) zu sehen. Ein Jahr lang hat der Münchner Regisseur Manuele Deho für seinen Film "Fußballverrückt" das Team mit der Kamera begleitet – nicht nur beim Fußball-Spielen, sondern auch im Alltag, den oft die Krankheit dominiert: Depressionen, Ängste, Schizophrenie oder Persönlichkeitsstörungen.

"Ich interessiere mich für Themen im Grenzbereich, und das Tabuthema psychische Krankheit gehört da sicher hinein", erläutert der Dokumentarfilmer. Als er auf einer Feier zufällig Stefan Holzer kennenlernte, der ihm von seinem Regenbogen-Team erzählte, war Dehos Interesse geweckt. "Mich hat an dieser Geschichte gereizt, dass ein Thema, das gesellschaftlich eine sehr hohe Akzeptanz hat, nämlich Fußball, zusammenstößt mit einem der am stärksten tabuisierten Themen – der psychischen Krankheit."

Einblick in den Alltag von Psychiatrie-Patienten

Der Film ist nah dran an den Protagonisten. Er zeigt sie bei sehr persönlichen Gesprächen über ihre Krankheit, fängt Krisen ein, folgt den Patienten nach Hause in ihre Wohneinrichtungen. Während Manfred seit 20 Jahren ohne Therapie und Medikamente auskommt und in einer christlichen Selbsthilfe-WG wohnt, muss beispielsweise Peyman im Psychosozialen Wohnverbund mühsam lernen, seinen Alltag zu meistern - seine Socken richtig zusammenzulegen, seine Tablettenbox mit Medikamenten zu befüllen. Über das Regenbogen-Team bekommt der Zuschauer Einblick in den Alltag von psychisch kranken Menschen, der sich meist im Verborgenen abspielt.

Gelähmt durch Krankheit und Medikamente

Zu sehen ist in "Fußballverrückt" auch, wie die Erkrankung seiner Spieler den Trainer immer wieder vor besondere Herausforderungen stellt. An manchen Samstagen muss Holzer zum Beispiel damit leben, dass es nur ein oder zwei Spieler zum Training geschafft haben - zu sehr lähmen Erkrankung oder Tabletten den Rest des Teams. Das bereitet dem Trainer durchaus Sorgen, schließlich organisiert er das 20. Turnier der Psychiatrien in Haar, zu dem er 15 Teams aus mehreren europäischen Ländern eingeladen hat. Wird ausgerechnet sein Team nicht mitspielen können?

Niederlage um Niederlage

Zum Regenbogen-Cup kommen die meisten aber dann doch - und messen sich nicht nur mit deutschen Teams, sondern auch mit Mannschaften aus Tschechien und Wales. Manfred rennt so viel er kann, Torwart Andreas gelingt die eine oder andere Parade, und auch Torjubel der Mannschaft ist im Film zu sehen.

Und doch reiht sich Niederlage an Niederlage. Anschließend wird trotzdem ausgelassen gefeiert. Denn letztlich haben sie alle gewonnen - durch ihr ungewöhnliches Hobbyteam, in dem sie Gemeinschaft und ein Stück Normalität erleben.

"Fußballverrückt" ist im Rahmen des DOK.fests am Freitag (18.00 Uhr) im Rio Filmpalast und am Sonntag (14.00 Uhr) im Neuen Maxim in München zu sehen.