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Die Tagespflege ist tabu, Kurzzeitpflege kaum möglich, Pflegeheime nehmen Bewohner nur nach Quarantäne – für Familien mit pflegebedürftigen Angehörigen ist die Coronakrise eine enorme Belastung.

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Ein Kraftakt: Betreuung von Demenzkranken in der Coronakrise

Die Tagespflege ist tabu, Kurzzeitpflege kaum möglich, Pflegeheime nehmen Bewohner nur nach Quarantäne – für Familien mit pflegebedürftigen Angehörigen ist die Coronakrise eine enorme Belastung. Wenn dann der Pfleger ausfällt, ist das der Super-Gau.

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Von
  • Karin Goeckel

Seit sechs Wochen ist Paula Mitterer aus Stein bei Nürnberg fast pausenlos mit ihrem Mann Ludwig zusammen, Tag und Nacht. Ludwig Mitterer ist stark dement. Seine Frau ist sein Anker. Sie muss immer in der Nähe sein, sonst wird er nervös. Nur in die Tagespflege geht er gern, an drei Tagen in der Woche. Für Paula Mitterer sind das die Tage, an denen sie mal Luft holen konnte. Doch die Tagespflege darf ihr Mann wegen der Coronakrise nicht mehr besuchen. Wann das wieder möglich wird, ist ungewiss. Einige wenige Tagespflegen in Bayern haben Notgruppen, die von Ludwig Mitterer aber nicht.

Höhepunkt: Der Kuchen am Nachmittag

Und so verbringen die Mitterers die Tage zusammen in ihrer Wohnung im ersten Stock über der Backstube. Die Konditorei Mitterer ist in Stein bekannt für gute Torten und feines Gebäck. Sohn Thomas und Schwiegertochter Susanne führen sie in vierter Generation. Kaffee und Kuchen am Nachmittag ist für Ludwig Mitterer noch immer der Höhepunkt des Tages. Ansonsten interessiert er sich kaum noch für die Dinge, die ihm früher Freude gemacht haben, erzählt seine Frau Paula. Selbst für seine geliebten Vögel nicht.

Kaum Sozialkontakte: Demenz schreitet schnell fort

Für Ludwig Mitterer ist es nicht gut, dass er nicht in die Tagespflege kann. Die Demenz ist in den vergangenen Wochen enorm fortgeschritten, hat Schwiegertochter Susanne beobachtet. In der Tagespflege haben sie gemeinsam gesungen, geredet, Gedächtnistraining gemacht. Das alles fehlt jetzt. "In den Wochen, in denen die Tagespflege ausgefallen ist, habe ich das Gefühl, dass er unheimlich abgebaut hat, ob es Treppensteigen ist oder einfach mal eine Unterhaltung aushalten. Das war vorher besser", sagt sie.

Verzweiflung bei Pflegenden ist groß

Ohne Anregungen verkümmern Menschen mit Demenz regelrecht. Das kann Sabine Kirchdörfer bestätigen. Kirchdörfer ist qualifizierte ehrenamtliche Helferin. Sie besucht Demenzpatienten, um die Angehörigen zu entlasten. So wie in der Tagespflege macht sie Übungen mit ihren Schützlingen, liest vor, macht Brettspiele. Eigentlich. Seit Wochen aber läuft der Kontakt nur über Telefon. "Eine Frau war sehr verzweifelt, weil der Mann enorm abgebaut hat", erzählt sie. Da sei sie in großer Sorge gewesen und habe häufig angerufen. Erst in dieser Woche hat Sabine Kirchdörfer erfahren, dass sie endlich wieder zu ihren Demenzpatienten darf.

Beratungsstellen sind telefonisch erreichbar

Ein ganz großes Problem haben aber die Familien, in denen der pflegende Angehörige ausfällt. Der Unfall eines pflegenden Angehörigen – eine echte Katastrophe in der Coronakrise. Kurzzeitpflege bieten bisher nur einige wenige Heime in Bayern an, und dann auch nur für zwei Wochen. Pflegeheime dürfen nur nach Zustimmung durch das Gesundheitsamt aufnehmen. Voraussetzung: Sie isolieren die neuen Bewohner für zwei Wochen. Demenzkranke akzeptieren das aber meist nicht. Bleibt für die Betreuung also nur die Familie. "Das ist wirklich ein Kraftakt für alle, weil die meisten Leute ja berufstätig sind" meint Angelika Bleicher von der Caritas in Fürth. Den Angehörigen neben dem dem Homeoffice zu betreuen sei keine Option, denn die meisten forderten fast pausenlose Aufmerksamkeit. Ein kleiner Lichtblick: Die Beratungsstellen, auch die von der Caritas in Fürth, sind nach wie vor geöffnet, auch wenn die Hilfe im Moment nur über Telefon möglich ist.

"Soziale und kommunikative Not" der Betroffenen

Die Coronaregeln in der Pflege müssen unbedingt gelockert werden, fordert Michael Bischoff, Geschäftsführer der Fürther Caritas. Für die Senioren, für die Demenzkranken, für die Familien wachse sonst die Belastung ins Unermessliche. Bei den Betroffenen herrscht eine "soziale und kommunikative Not", sagt Bischoff. Das hat auch das Gesundheitsministerium erkannt. Derzeit werde geprüft, ob trotz Besuchsverbot in Seniorenheimen einzelne Besuche von festen Kontaktpersonen gestattet werden sollen, teilte ein Sprecher mit.

💡 Hier bekommen Sie Unterstützung

Für pflegende Angehörige sind die Beratungsstellen in Bayern auch in der Coronakrise ansprechbar. Sie bieten ihre Unterstützung am Telefon an. Hier eine Auswahl:

  • Caritas Fürth: 0911/74 050 31
  • Pflegestützpunkt Nürnberg 0911/ 53 989 53
  • AWO Pflegeberatung: 0800/60 70 110
  • Pflegeservice Medizinischer Dienst der Krankenkassen (MDK): 0800/772 1111
  • Diakoneo – Dienste für Senioren: 09874/84 659

Ob ein Pflegebedürftiger wegen eines Notfalls stationär im Pflegeheim aufgenommen werden darf, entscheiden die Gesundheitsämter.