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Anfang Januar 2022 outeten sich Mitarbeiter der katholischen Kirche im Rahmen der Initiative „#OutInChurch. Für eine Kirche ohne Angst“.

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Ein Jahr #outinchurch: Was hat sich seitdem getan?

Vor einem Jahr outeten sich 125 katholische Kirchenmitarbeiter als Teil der "LSBTIQ+"-Community. Und: Die Kirche bewegte sich. Schwule Angestellte der Kirche müssen etwa keine Kündigung mehr fürchten. Doch ein Kernproblem bleibt für viele bestehen.

Es war ein kollektives Coming-Out innerhalb der katholischen Kirche: Heute vor einem Jahr haben sich 125 "LSBTIQ+"-Personen geoutet, die haupt- oder ehrenamtlich in der katholischen Kirche in Deutschland tätig sind. Die Aktion geschah seinerseits im Rahmen der Initiative "#OutInChurch. Für eine Kirche ohne Angst" und der ARD-Dokumentation "Wie Gott uns schuf". Unter den Geouteten sind Priester, Gemeindereferentinnen, Religionslehrende, Kindergärtnerinnen, Sozialarbeiter, Ärztinnen und viele andere.

Viele hatten ihre sexuelle Orientierung oder Identität bis dahin geheim gehalten, aus Angst vor arbeitsrechtlichen Konsequenzen. Sie forderten unter anderem eine Revision der katholischen Sittenlehre und eine Änderung der Grundordnung des kirchlichen Dienstes. Darin hieß es damals noch, dass eine eingetragene Lebenspartnerschaft als "Loyalitätsverstoß" gelte und eine Kündigung nach sich ziehen könne. Heißt konkret: Wer in einer homosexuellen Partnerschaft lebte, konnte seinen Job verlieren.

Kirche änderte Arbeitsrecht

Seit November 2022 sind geschlechtliche Identität und Orientierung, kurz: die private Lebensführung, für die katholische Kirche in Deutschland kein Kündigungsgrund mehr. Auch dann nicht, wenn sie der katholischen Sittenlehre nicht entspricht. Die deutschen Bischöfe haben bei der Sitzung des Ständigen Rats der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) in Würzburg ein neues Arbeitsrecht beschlossen. Das gilt seitdem für die rund 800.000 Beschäftigten der katholischen Kirche und der Caritas in Deutschland.

Wörtlich heißt es: "Der Kernbereich privater Lebensgestaltung unterliegt keinen rechtlichen Bewertungen und entzieht sich dem Zugriff des Dienstgebers." Erstmals müssen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer der katholischen Kirche in Deutschland, die sich scheiden ließen und neu heiraten, die in einer schwulen oder lesbischen Beziehung leben, nicht mehr um ihren Job fürchten.

Aktivisten sehen weiter Veränderungsbedarf

Einer, der beim Coming Out vor einem Jahr dabei war, ist der Würzburger Hochschulpfarrer Burkhard Hose. Die Änderung des kirchlichen Arbeitsrechts betrifft ihn nicht, da er zölibatär lebt und er seine sexuelle Orientierung als schwuler Mann nicht auslebt. Seine Freude darüber, dass queere Mitarbeitende in der katholischen Kirche keine Angst mehr vor einer Kündigung haben müssen, ist zudem etwas getrübt, sagt er. Denn die praktische Erleichterung beim Arbeitsrecht sei eine Sache – "aber wir haben es grundlegend mit einer kirchlichen Lehre zu tun, die diskriminiert". Und das lasse ihn an dem tatsächlichen Sinneswandel der Bischöfe zweifeln. Er glaube nicht, dass ein Unrechtsbewusstsein da sei, sondern es nur zur Änderung des Arbeitsrechts kam, weil der politische und rechtliche Druck so groß war.

Ähnlich sieht es die Initiative #outinchurch: "Die Änderung des kirchlichen Arbeitsrechts ist sicherlich der sichtbarste Erfolg. Von dem wir selbst überrascht waren. Und den wir uns nicht alleine auf die Fahne schreiben können", sagt Initiator Jens Ehebrecht-Zumsande im Gespräch mit BR24. Er arbeitet selbst als schwuler Mann fürs Erzbistum Hamburg. Vor allem die öffentliche Diskussion und damit der öffentliche Druck habe einige der deutschen Bischöfe zu dieser Entscheidung bewegt, sagt er.

Kulturwandel innerhalb der Kirche steht noch aus

Was sich allerdings nicht geändert habe, sei die kirchliche Lehre. "Im kirchlichen Arbeitsrecht haben die Bischöfe jetzt etwas erlaubt, das diametral zur kirchlichen Lehre steht", so Ehebrecht-Zumsande. Denn als schwuler Katholik sei er nach katholischer Sittenlehre nach wie vor Sünder. Ein Kulturwandel zu einer queerfreundlichen Kirche sei noch lange nicht abgeschlossen.

Um die Forderungen von #outinchurch weiter zu verfolgen, ist geplant, einen Verein zu gründen. Am Wochenende findet dazu ein erstes analoges Treffen in Köln statt. Auf der Homepage von #outinchurch seien mittlerweile etwa 300 Profile veröffentlicht, Gläubige aus ganz Deutschland, die sich als queer outen. Das Netzwerk umfasse aber weitaus mehr – doch noch immer wollen sich einige nicht öffentlich zu ihrer sexuellen Orientierung oder Identität bekennen. Die einzige Berufsgruppe, die nicht vertreten ist, seien die Bischöfe.

Würzburg preschte vor, Regensburg lehnt weiter ab

Schon einige Tage nach #outinchurch hatten zahlreiche Bischöfe in Deutschland versichert: In unserem Bistum habt ihr nichts zu befürchten. Als erster gab der Würzburger Bischof Franz Jung Anfang Februar 2022 eine sogenannte Selbstverpflichtungserklärung ab. Queere Beschäftigte müssten in seinem Bistum nicht mehr mit Kündigungen oder Disziplinarmaßnahmen rechnen. Er schloss sich damit den Beschlüssen der dritten Synodalversammlung des "Synodalen Wegs" an, dem Reformprozess der katholischen Kirche in Deutschland.

Mit der Garantieerklärung von Bischof Jung wollte das Bistum bis zur Umsetzung des Beschlusses von höchster Stelle für Klarheit sorgen. Augsburg, Bamberg, Eichstätt, München-Freising schlossen sich an, Regensburg lehnte Lockerungen komplett ab. Im März 2022 hatte die Initiative #outinchurch 117.000 Unterschriften an die Deutsche Bischofskonferenz übergeben. So viele Menschen unterstützen die Forderungen nach einem Ende der Diskriminierung queerer Menschen in der Kirche.

Jung: Neues Arbeitsrecht Befreiung und Last

Bischof Jung sagt heute, dass die Umsetzung des kirchlichen Arbeitsrechts eine Herausforderung für das Bistum ist: "Für die Mitarbeitenden ist es sicherlich eine Befreiung, für den Dienstgeber auch eine Last. Das heißt, wir müssen das neu lernen, wie jedes andere Unternehmen dieser Welt auch, was es heißt, unsere Mitarbeitenden auf die Ziele der Institution zu verpflichten, aber auch dafür zu werben, dass das, was wir tun, gut ist."

Er betont, dass #outinchurch zwar ein wichtiger Impuls für die Deutschen Bischöfe gewesen sei, aber die Frage über die Überarbeitung der Grundordnung vorher ohnehin schon verhandelt worden sei.

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Anfang Januar 2022 outeten sich Mitarbeiter der katholischen Kirche im Rahmen der Initiative „#OutInChurch. Für eine Kirche ohne Angst“.

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