BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

E-Bike-Händlerin: Achterbahn der Gefühle im Corona-Jahr | BR24

© BR

Das verflixte 7. Jahr brachte für Britta Schaefers und ihren Familienbetrieb ein Wechselbad der Gefühle.

1
Per Mail sharen

    E-Bike-Händlerin: Achterbahn der Gefühle im Corona-Jahr

    So langsam kehrt ein bisschen Normalität zurück in die Fahrradbranche und in den Laden von Britta Schaefers. Hinter ihr liegt ein Jahr, das sie "einfach nur crazy" nennt. Die gesamte Branche wurde durch die Pandemie komplett durcheinandergewirbelt.

    1
    Per Mail sharen
    Von
    • Sigrid Korn

    Das verflixte 7. Jahr brachte für Britta Schaefers und ihren Würzburger Familienbetrieb ein Wechselbad der Gefühle. Ihr E-Bike-Laden lief gut, die Verkaufszahlen waren seit 2013 langsam aber stetig gestiegen. Dann kam Corona: erst Schockstarre im Lockdown und danach der große Run. Von 100 auf 0, auf 180 Prozent – einfach nur "crazy" nennt Britta Schaefers ihr Geschäftsjahr 2020.

    Erst Schockstarre, dann Hoffnungsschimmer

    Es begann Ende März mit dem Lockdown. Von heute auf morgen waren alle Läden zu, die Lager waren voll, doch die Geschäfte lagen brach. Ausgerechnet zum Beginn der Hauptsaison. Nach der ersten Schockstarre begann das Grübeln: "Wie wird es weitergehen? Wie lange wird der Lockdown dauern? Werden wir als systemrelevant eingestuft? Was ist mit dem neuen, größeren Laden, der bereits geplant, gemietet und im Umbau ist? Was ist mit den Angestellten, die ihre Familien ernähren müssen? Schaffen wir es als Familienbetrieb zu überleben?" Schaefers betreibt das Geschäft zusammen mit ihrem Mann und ihrem Bruder als Familienbetrieb. Britta Schaefers, die es gewohnt ist, immer aktiv zu sein, Haushalt, Laden, Kinder zu managen fühlte sich wie gelähmt.

    Als dann zumindest die Werkstatt wieder öffnen durfte, war die Erleichterung groß. Die Kunden kamen wieder, wenn auch nur zum Kundendienst. Ein Hauch von Normalität. Was dann mit Wiederaufnahme der Verkaufsgeschäfts auf sie zukommen würde, ahnte damals noch niemand.

    E-Bike-Branche: Nach dem Lockdown folgt der Boom

    Ende April, pünktlich zum Beginn der Radsaison, durfte auch der E-Bike-Verkauf wieder starten. Der Moment, den Britta Schaefers und ihr Team so lange herbeigesehnt hatten. Die Lager waren voll, die Mannschaft hochmotiviert, doch was dann kam, übertraf jegliche Vorstellungen. Die Kunden rannten ihnen sprichwörtlich "die Bude ein", standen Schlange bis über die Straße, der Verkauf verdreifachte sich, dem Hausarrest folgten von jetzt auf gleich 70-Stunden-Wochen, und schon bald waren die ersten Modelle ausverkauft. Ein Phänomen, das bundesweit die ganze Fahrrad-Branche betraf.

    Corona-Bilanz im E-Bike-Shop: Ladenhüter weg – Schnäppchen Fehlanzeige

    Corona schien ganz Deutschland zu einer Nation von Radfahrern gemacht zu haben. Der Drang nach Bewegung war mindestens so groß wie die Angst vor Ansteckung in Bus und Bahn. Das Fahrrad war für viele wohl die perfekte Lösung, beide Probleme gleichzeitig zu lösen. Selbst ältere Modelle fanden reißenden Absatz, es gab kein Handeln und kein Feilschen mehr, und auch wenn ein Modell nicht perfekt passte – die Kunden wollten lieber Kompromisse machen als zu warten oder am Ende gar kein Rad zu bekommen. Eine Befürchtung, die gar nicht so abwegig war, denn schon bald kam es zu ersten Lieferschwierigkeiten. Schnäppchenjäger haben zumindest in puncto Fahrrad 2020 keine Chance.

    Warten aufs E-Bike und auf den Kundendienst

    Schon im Mai, statt wie sonst im August, mussten neue Räder geordert werden. Die nächste Herausforderung für Britta Schaefers: Was und wieviel sollte sie bestellen? Würde der Boom anhalten? Dann müsste sie jetzt noch laufende Modelle nachbestellen. Doch was, wenn die dann zu Ladenhütern werden, weil die Nachfrage sinkt? Lieber doch auf die neuen Modelle warten? Doch wann, wenn überhaupt, würden diese kommen?

    Lieferketten waren unterbrochen, selbst Ersatzteile für die Werkstatt hängen bis heute in Containern irgendwo auf dem Weg von Asien nach Würzburg fest. Die Folge: Zum Teil mussten Kunden ihre Räder zwei bis drei Monate in der Werkstatt lassen, bis das nötige Ersatzteil endlich eintraf. Eine Situation, mit der Britta Schaefers gar nicht zufrieden ist. Zwar gebe es keine Beschwerden, doch ihr Verständnis von Service sei ein anderes, und es falle ihr schwer, manchen Kunden nicht einmal konkret Hoffnung machen zu können.

    Fahrrad-Branche: Extremes Jahr und ungewisse Zukunft durch Corona

    Zumindest die 2020er-Modelle, die sie natürlich im Mai trotzdem nachgeordert hatte, sind im September schließlich noch zum Teil geliefert worden. Ob und wann allerdings die neue Kollektion eintrifft, steht in den Sternen. Manche Hersteller produzieren einfach die aktuellen Modelle weiter. Die neuen kennt Britta Schaefers selbst noch nicht. Gesehen und bestellt hat sie die neuen Räder nur via Katalog. Messen und Präsentationen waren 2020 Fehlanzeige.

    Auch wie es weitergehen wird, ist ungewiss. War das extreme Jahr 2020 ein vorgezogener Umsatz und kommt nächstes Jahr der Einbruch? Oder war es eine Trendwende in der Mobilität? Wird das E-Bike auch künftig zum Ersatz für Auto und ÖPNV? Oder geht alles wieder zurück, wenn die Angst vor Ansteckung nachlässt? Kommen noch weitere Lockdowns?

    Eines hat Britta Schaefers in dem extremen Jahr 2020 gelernt: "Wir werden es irgendwie schaffen, wir würden einen weiteren Lockdown wohl überstehen, wir haben viele Erfahrungen gesammelt, und irgendwie geht es weiter."

    "Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!