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Durcheinander bei Corona-Zahlen: Weniger beatmete Patienten | BR24

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Durcheinander bei Corona-Zahlen: Weniger beatmete Patienten?

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Durcheinander bei Corona-Zahlen: Weniger beatmete Patienten

Zahlen der Staatsregierung sorgen für Verwirrung: Nach BR-Recherchen werden nur halb so viele Corona-Patienten beatmet, wie offiziell angegeben. Die Ursache hierfür liegt in unterschiedlichen Statistiken und einer fehlerhaften Interpretation.

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Schon häufiger gab es während der Corona-Pandemie ein Durcheinander oder gar widersprüchliche Zahlen. So variierten beispielsweise die Inzidenzwerte stark - je nach Quelle. Jetzt sorgen Zahlen zu den beatmeten Covid-19-Patienten für Irritationen. Die bayerische Staatsregierung hatte in der vergangenen Woche mehrfach von fast doppelt so vielen beatmeten Patientinnen und Patienten gesprochen, als es sie tatsächlich gab in Bayern.

Huml und Aiwanger: mehr als 100 beatmete Patienten

Pressekonferenz nach der Kabinettssitzung am vergangenen Dienstag: Die Staatsregierung bereitet die Menschen in Bayern darauf vor, dass es zu weiteren Einschränkungen im öffentlichen Leben kommen könnte. Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) berichtet, dass bereits deutlich mehr Patienten in den Kliniken behandelt werden müssten als noch vor einigen Wochen. Stand Dienstag seien es 926 Patienten, "wovon 114 Menschen in Intensivbetten mit Beatmung sind", so Huml.

Zwei Tage später, am Donnerstag, schaltet sich das Kabinett digital zu einer Sondersitzung zusammen. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und sein Stellvertreter Hubert Aiwanger verkünden den Teil-Lockdown für Bayern. Aiwanger begründet seine Unterstützung unter anderem mit der steigenden Patientenzahl in den Krankenhäusern. Er sagt, dass "151 Corona-Patienten an der Beatmung hängen".

RKI und LGL verweisen auf niedrigere Zahlen

Doch der Blick in die Statistik der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), die die Daten etwa für das Robert Koch-Institut erhebt, zeigt: An eben diesem Dienstag wurden laut DIVI 55 Patienten beatmet, am Donnerstag waren es 71. Also etwa halb so viele, wie von den Ministern angegeben. Auch die Unterbehörde des bayerischen Gesundheitsministeriums - das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit - verweist auf BR-Anfrage nach den beatmeten Corona-Patienten auf die DIVI-Statistik.

Nach Angaben des leitenden Oberarztes Michael Irlbeck vom Münchner Klinikum Großhadern sind die Zahlen der DIVI die "wahrscheinlicheren", angesichts der Gesamtzahl der Intensivpatienten. Die Zahlen der Staatsregierung können laut Irlbeck "nicht stimmen". Generell versuchten Intensivmediziner Corona-Patienten derzeit deutlich seltener zu intubieren als noch vor einem halben Jahr. Denn die Folgeschäden seien schwerwiegend, die Thrombosegefahr hoch, ebenso die Todesrate.

Fehlinterpretation des Gesundheitsministeriums?

Recherchen des BR legen nun diesen Schluss nahe: Bei den Zahlen der Staatsregierung muss es sich um eine Fehlinterpretation der Statistik handeln - mit der etwa das Gesundheitsministerium arbeitet. Auf Nachfrage erklärte Gesundheitsministerin Huml, sie stütze ihre Aussage auf das System IVENA, das derzeit ebenfalls Daten zu den mit Covid-19 Patienten belegten Betten erhebt.

Unter dem Stichwort ICU (Intensive Care Unit) finden sich dann auch die Zahlen, die Huml und Aiwanger am Dienstag und Donnerstag verbreitet haben. Allerdings: ICU-Betten bieten lediglich die Möglichkeit der invasiven Beatmung, sagen aber nichts darüber aus, ob tatsächlich beatmetet wird. Denn IVENA fragt das bei den Krankenhäusern nicht ab - anders als DIVI.

Auch die Bayerische Krankenhausgesellschaft ging am Wochenende mit alarmierenden Zahlen an die Öffentlichkeit, die aber die tatsächliche Lage nicht wiedergeben. "Derzeit werden 224 Covid-Patienten auf einer Intensivstation beatmet", sagte der Geschäftsführer der Gesellschaft, Siegfried Hasenbein, der dpa. Doch laut DIVI wurden Stand gestern 120 Covid-19-Patienten beatmet, also wiederum deutlich weniger.

Stichproben bestätigen falsche Zahlen

Stichproben bestätigen: In mehreren bayerischen Kliniken belegten an Covid 19 erkrankte Patientinnen und Patienten vorige Woche so genannte "ICU-Betten", also Betten in der "Intensive Care Unit". Doch tatsächlich beatmet wurden mitnichten alle von ihnen. Beispiel: Im Klinikum Rechts der Isar der TU München lagen am vergangenen Dienstag zwei Patienten in "ICU-Betten" mit Beatmungstechnik, keiner aber wurde beatmet.

Im Uniklinikum Augsburg wurde knapp die Hälfte der ICU-Patienten nicht beatmet, ebenso im Klinikum Weiden: Von sechs Patienten in ICU-Betten wurden drei nicht beatmet. Intensivmediziner Irlbeck vom Klinikum Großhadern bestätigt, seiner Erfahrung nach werde etwa jeder zweite schwerstkranke Corona-Patient tatsächlich beatmet.

Gesundheitsministerium: trotzdem ernste Entwicklung

Auf Anfrage des BR erklärt Gesundheitsministerin Huml, die angegebenen Zahlen in ICU-Betten behandelter Covid-Patienten entsprächen den Meldungen der bayerischen Krankenhäuser. Der Anstieg zeige, wie ernst die Entwicklung sei – "unabhängig davon, ob einige dieser Patienten zu dem Zeitpunkt der Datenerhebung (noch) nicht beatmet worden sind", so die Ministerin schriftlich. Das System IVENA hält sie in vielen Punkten für aussagekräftiger, als das DIVI-Register.

FDP-Fraktionschef Martin Hagen kritisiert, die Pannenserie bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie setze sich fort: "Dass man in so einer Frage mit falschen Zahlen argumentiert als Staatsregierung, das ist peinlich, das darf nicht passieren, und das verspielt auch das Vertrauen." Eine bewusste Falschinformation will Hagen der Staatsregierung aber nicht unterstellen.

Trotz Kritik an den Zahlen zu den beatmeten Patienten: Einig sind sich Vertreter aus Politik und Medizin darin, dass die Lage an den Kliniken trotz allem ernst sei. Laut DIVI-Register werden - Stand gestern Abend - in bayerischen Kliniken 238 Frauen und Männer intensivmedizinisch behandelt. Etwa die Hälfte von ihnen wird beatmet.

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