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Drei Jahre nach der Aufregung um die Mauer von Neuperlach | BR24

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Vor drei Jahren blickt die Welt nach Neuperlach-Süd. Dort wird eine Mauer gebaut, höher als die Berliner Mauer. Sie trennt Reihenhäuser von Flüchtlingen. Lärmschutz? Oder Rassismus? Drei Jahre später ist die Mauer Normalität.

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Drei Jahre nach der Aufregung um die Mauer von Neuperlach

Vor drei Jahren blickte die Welt nach Neuperlach-Süd. Dort wurde eine Mauer gebaut, höher als die Berliner Mauer. Sie trennt seither Reihenhäuser von Flüchtlingen. Lärmschutz? Oder doch Rassismus? Heute ist die Mauer Normalität.

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Guido Bucholtz ist zurück, an diesem goldenen Oktobertag, in seinem Neuperlach-Süd. Fast 30 Jahre hat er in diesem Stadtteil von München gelebt. Rund zehn Meter und eine Böschung liegen an diesem Vormittag zwischen dem 65-jährigen Rentner und dem, was er vor fast genau drei Jahren weltbekannt machte. Große Drahtkörbe, darin Steine, vier Meter hoch: Die Mauer von Neuperlach. Wenn Bucholtz durch rotorangene Herbstblätter auf den Wall blickt, kommen sie wieder, die Erinnerungen:

"Ich bin direkt davorgestanden und hab gedacht: Boah Wahnsinn, vier Meter! Wie hoch das ist! Das hat mich wirklich erschreckt." Guido Bucholtz

1. November 2016: Bucholtz, seit 1994 Bezirksausschuss-Mitglied der Grünen in Ramersdorf-Perlach, sieht die Mauer an diesem Tag zum ersten Mal. Sofort holt er zuhause seine Drohne, dreht ein Video, stellt es ins Netz. So wie er es schon oft getan hat. Aber dieses Mal ist es anders, dieses Mal bricht die Welt über Neuperlach-Süd herein. Medien aus den USA, aus Japan, der Türkei, Russland, Australien und vielen anderen Ländern berichten über die "Munich Wall".

Mauer von Neuperlach höher als Berliner Mauer

Denn Guido Bucholtz zeigt in seinem Video nicht nur die monströse Dimension der Mauer - vier Meter hoch, 80 Meter lang - er setzt sie in einen historischen Kontext. Die Berliner Mauer war 3,60 Meter hoch, die Mauer von Neuperlach ist 40 Zentimeter höher. In der Originalversion seines Videos schneidet er die Mauer von Neuperlach und die Berliner Mauer sogar gegeneinander. Und dann trennt diese Mauer an der Nailastraße auch noch eine ruhige Reihenhaus-Idylle von drei einstöckigen Wohneinheiten, gebaut für minderjährige Flüchtlinge, inklusive Bolzplatz davor.

Gutachten empfahl 4,50 Meter hohe Mauer

Die Anwohner hatten wegen der Unterkunft um ihre Ruhe gefürchtet und geklagt. Ein Lärmschutzgutachten, das die Stadt in Auftrag gab, kam zum Ergebnis: Eine Mauer soll für Ruhe sorgen. Vier Meter fünfzig empfahl der Gutachter, am Ende einigten sich Kläger und Stadt am Runden Tisch auf vier Meter.

Auch Guido Bucholtz war im Sommer 2016 bei diesem Runden Tisch dabei. Er hätte protestieren können, er tat es nicht. Bucholtz befürchtete, dass die Unterkunft sonst gar nicht gebaut würde. Doch er wollte, dass die Flüchtlinge dort einziehen. Er wollte helfen. Heute nehmen es ihm immer noch einige Anwohner übel, dass er sich am Runden Tisch nicht bemerkbar gemacht, das Mauer-Video aber trotzdem gedreht und so "einen Zirkus veranstaltet" hat: "Wir waren ja in Australien bekannter als in Bayern", sagt ein Anwohner.

© BR/Christian Orth

Guido Bucholtz steht in Neuperlach-Süd vor der Flüchlingsunterkunft, die durch eine Mauer von einer Wohnsiedlung getrennt ist.

Die Mauer von Neuperlach: Ende der Willkommenskultur?

Denn im November 2016 geht es längst nicht mehr um Lärmschutz oder um die Anwohner. Die Mauer von Neuperlach wird zum Symbol, zum architektonischen Ausdruck einer Gesellschaft, die in der Flüchtlingsfrage zunehmend gespalten ist. Thomas Kauer vom Bezirksausschuss Ramersdorf-Perlach betont, es sei "keine Mauer gegen Flüchtlinge". Das Bündnis Bellevue di Monaco, das sich für Flüchtlinge engagiert, protestiert auf kreative Art, richtet sogar einen Checkpoint ein, den Checkpoint Ali.

"Wir sind der Meinung, diese Mauer gehört weg. Und deswegen richten wir auch einen Übergang ein, dass beide Teile Neuperlachs wiedervereint sind und sich auch besuchen können." Matthias Weinzierl, Bündnis Bellevue di Monaco im November 2016

Die Mauer, aber auch die Häuser der Kläger werden in dieser Zeit mit Beleidigungen und politischen Statements beschmiert. Das Bezirksausschuss-Mitglied Guido Bucholtz wird in Leserbriefen und im Netz angefeindet, eine Ausschusssitzung muss unter Polizeischutz stattfinden. Einige sagen, er hätte dem Ruf Neuperlachs geschadet. Nach 25 Jahren Engagement im Stadtteil verletzt ihn dieser Vorwurf am meisten.

Die Unterkunft steht ein Jahr lang leer

Und die minderjährigen Flüchtlinge? Die ziehen nie ein. Ein Jahr lang steht die Unterkunft leer. Heute wohnen in der Unterkunft geflüchtete Frauen mit ihren Kindern. Bucholtz hätte mit seinem Helferkreis gerne geholfen, aber es sei relativ schnell klar gewesen, dass die "traumatisierten Frauen keine Männer brauchen". Der Träger, Condrobs e.V., möchte zur Mauer kein Interview mehr geben. Die neuen Bewohnerinnen der Unterkunft haben die Nachbarn hinter der Mauer zum Kennenlernen eingeladen. "Super", sei das gewesen, sagt ein Anwohner: "Die Kleinen sind lieb."

Aus der Sicht von Guido Bucholtz hätte die Mauer niemals gebaut werden müssen.

"Dafür hätte man nur auf den Bolzplatz verzichten müssen, das wär ganz einfach gewesen. Dann hätte man sich auch über 200.000 Euro gespart." Guido Bucholtz

Eine schlimme Zeit sei es gewesen, sagt Bucholtz. Hinter seinem Mauer-Video steht er aber auch heute, nur den Vergleich mit der Berliner Mauer, "das hätte ich vielleicht weglassen sollen". Drei Jahre später wächst langsam Gras über die Sache. Auch dank der Stadt München. Sie hat an der Mauer Sträucher und Efeu gepflanzt.