BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Drei Flüchtlingsschicksale - drei Leben in Bayern | BR24

© BR
Bildrechte: picture alliance / Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa | Sebastian Kahnert

Drei aus dem Morgenland, erzählt die Geschichte dreier Flüchtlinge die auf dem Mittelmeer gerettet wurden. Drei aus dem Morgenland - eine andere Perspektive auf den heutigen Dreikönigstag.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Drei Flüchtlingsschicksale - drei Leben in Bayern

"Wir schaffen das!" Vor fünf Jahren hat Angela Merkel diesen Satz geprägt. Einige hassen sie dafür, einige halten sie für naiv. Und für einige bedeuten diese Worte eine lebenswerte Zukunft: Drei Menschen erzählen von ihrer Flucht nach Deutschland.

Per Mail sharen
Von
  • Simon Berninger

Für Salme kam die Rettung auf dem Mittelmeer in letzter Sekunde: Kurz nachdem die Eritreerin auf das Rettungsschiff gezogen wurde, das Flüchtlinge wie sie aus überfüllten Booten im Mittelmeer rettet, geht ihr Schlauchboot in Flammen auf.

Salme Brhne, 27 Jahre alt, aus Eritrea

Es war das sogenannte "Flüchtlingsjahr" 2015 als Salme Brhne die Überfahrt über das Mittelmeer wagt - in einem Schlauchboot, das diesen Namen nicht verdient, sagt sie: "Das ist ja kein Boot, das ist ein Plastikding. Man guckt zu, wie es aufgeblasen wird. Und dann sind es sogar knapp 300 Leute, die da einsteigen müssen. Und der Motor hat von Anfang an nicht richtig funktioniert. Es war so schlimm."

Trotzdem steigt Salme in das Schlauchboot, denn in ihrem Heimatland Eritrea zu bleiben, sei keine Option gewesen, sagt die 27-Jährige. Im Beisein einer Übersetzerin, zu der sie Vertrauen gefunden hat, erzählt sie ihre Geschichte, wenn auch lieber unter falschem Namen.

Flucht durch Sahara direkt ins libysche Gefängnis

In Eritrea hätte Salme Brhne der Dienst an der Waffe gedroht. Deshalb bricht sie auf, durch die nubische Wüste, die östliche Sahara bis in den Mittelmeeranrainerstaat Libyen. Dort gerät sie zunächst in die Fänge von Menschenhändlern, die ihr Geschäft machen mit jenen afrikanischen Binnenflüchtlingen, die wie Salme nach Europa wollen.

Für die Eritreerin beginnt ein Martyrium. "Wir waren im Gefängnis, über 1.000 Leute. Der Raum war überfüllt. Es ist dunkel, wir wissen nicht, wann Tag und wann Nacht ist. Wir kriegen kein Essen, und Menschen sterben dort, werden umgebracht - wie Hunde", erzählt sie. "Ich habe dort jemanden getroffen, der mit mir aufgewachsen ist - vor meinen Augen haben sie ihn umgebracht. Er war tätowiert mit einem Kreuz. Dann sagen sie: Du bist Christ, und das ist ein Grund, um jemanden umzubringen."

Auf Plastikboot mit Kompass im Mittelmeer

Es sind Erfahrungen wie diese, die Salme Brhne nicht loslassen. Dann, nach über drei Monaten in Haft sei eines Abends ein Schlepper gekommen. Er hätte sie und andere Flüchtlinge ans Meer gefahren, erzählt sie, "dann hat er dieses Plastikding ausgepackt, aufgeblasen, und dann hat er gesagt, wir sollen aussteigen, den Kompass einfach hingeschmissen und dann war er weg."

Salme muss darauf vertrauen, dass einer der Männer aus ihrer Gruppe mit der völlig untauglichen Hochseeausrüstung zurechtkommt. Doch schon nach einer Stunde Fahrt sei ein heftiger Wind aufgekommen, der Motor hätte nicht mehr funktioniert und das Boot sei steuerlos auf dem Meer getrieben, sagt sie. Menschen seien gestorben "und die Leichen, die auf dem Meer schwimmen - das haben wir alles gesehen".

Ein Schicksal, dem Salme Brhne in letzter Sekunde entgeht. Nach eineinhalb Tagen sei ein großes Schiff gekommen, dass sie alle an Bord genommen habe, so erzählt sie. Wer ihre Retter waren, kann Salme Brhne nicht sagen. Hauptsache, sie lebt.

Mothanna Alobaid, Informatikstudent aus Syrien

Auch Mothanna Alobaid flieht 2015 aus seiner Heimat Syrien. Im Mai 2015 eroberte der so genannte Islamische Staat die jahrhundertealte Ruinenstadt Palmyra im Herzen des Landes - gut 150 Kilometer entfernt von Mothannas Heimatstadt Homs in Westsyrien. Als erste Anschläge quasi unmittelbar vor seiner Haustür verübt wurden, wird dem Syrer bewusst, dass er sein Land verlassen muss, wenn er nicht in ständiger Lebensgefahr sein möchte.

Mit seinen Eltern und dem jüngeren Bruder flieht der Informatikstudent in die Türkei. Während die Familie sich dort aufhält, macht ihm eine Tante Hoffnungen auf Deutschland. Sie hat es bereits dorthin geschafft. Am Telefon erzählt sie ihm: "Hier kann man lernen, hier kann man arbeiten, es gibt so viele Möglichkeiten für die Menschen, es gibt Sicherheit - jeder hat Rechte."

Nachts im Winter bei 0 Grad sinkt das Boot

Anfang 2016 steigt Mothanna Aloiba in ein Boot. Und auch den Menschen, die ihm dieses zur Verfügung stellen, geht es nicht um Wohltaten. 2.500 Dollar zahlt der Flüchtling - und auch die anderen an Bord dürfen nicht gratis einsteigen. 45 seien es ungefähr gewesen, sagt Mothanna, in einem kleinen Boot. "Und es war dunkel, der Fahrer hat also nichts gesehen. Und es war im Winter, Januar, 0 Grad, also es war wirklich sehr kalt. Und wir haben Kinder auch mit im Boot bei uns. Ich habe meine Jacke auch einem Kind angezogen, aber die Kleidung war nass."

Kaum mehr als die Gewissheit, dass er noch am Leben ist, bleibt Mothanna, als die Fahrt auf dem überfüllten Schlauchboot endet - nicht an der griechischen Küste, sondern im eiskalten Wasser des Mittelmeeres. Denn in der Dunkelheit ist es kaum möglich, die Felsen im Wasser auszumachen, an denen das Plastikboot aufreißt.

"Das Boot geht unter und sofort haben wir die Kinder genommen und den Frauen geholfen. Und wir sind zusammen aus dem Wasser und danach haben wir zehn Tage gewartet bis zum nächsten Mal. Also beim zweiten Mal haben wir es geschafft", erzählt Mothanna. Mit dem Zug kommt er weiter bis nach München. Dort gibt er den Behörden seinen Fingerabdruck und bekommt als Kriegsflüchtling Asyl.

Maria Walugembe, Lesbe aus Uganda

Nicht vor Krieg, sondern vor Verfolgung, Gefängnis und Ermordung hat Maria Walugembe aus Kampala, der Hauptstadt Ugandas Schutz in Deutschland gesucht. Die heute 44-Jährige ist lesbisch. 2019 floh sie aus ihrem Heimatland, weil in Uganda mitunter lebenslange Freiheitsstrafe auf Homosexualität steht. Immer wieder werden Homosexuelle getötet. Und in dem Jahr, als Maria Walugembe ihr Land verlässt, will selbst die Regierung Homosexualität offiziell unter Todesstrafe stellen.

Maria weiß indessen schon seit ihrer Schulzeit, dass sie lesbisch ist - und zu ihrem Unglück wissen es auch ihre Eltern. "Sie haben mich gezwungen, zu heiraten, um zu zeigen, dass ich nicht länger lesbisch bin", erzählt sie. "Was hätte ich tun sollen? Ich war jung und auf meine Eltern angewiesen. Sie haben mir also einen Mann gesucht und mich zwangsverheiratet. Das war die Hölle für mich!"

Nachbarn bewerfen sie mit Steinen

Irgendwann lernt Maria Walugembe eine Frau kennen, verliebt sich heimlich - und wähnt sich eines Abends, als ihr Mann zunächst außer Haus ist, sicher. Doch ihr Mann kam früher als erwartet zurück und erwischt Maria mit ihrer Freundin im Bett. "Meine Freundin konnte entkommen, aber ich nicht. Ich habe ja mit meinem Mann gestritten. Und Leute aus der Nachbarschaft kamen dazu und haben mich mit Steinen beworfen." Und dann habe jemand den Ortsvorsteher gerufen, sagt sie.

Maria wird ins Gefängnis geworfen und muss dort zwei Tage ohne Essen ausharren. Dann macht ihr ein Polizeibeamter ein unmoralisches Angebot, erzählt sie: "Er kam in meine Zelle und sagte, er wolle mir helfen. Ich hab ihm dann aber gesagt, dass ich kein Geld und nichts habe als Gegenleistung. Er sagte dann, Du bist eine Frau. Er sei ein Mann, ob mir denn da wirklich nichts einfiele. Er wollte Sex!"

Flucht nach Italien in die Prostitution

Maria Walugembe lässt sich darauf ein. Sie sieht es als einzige Chance, einer lebenslangen Freiheitsstrafe zu entgehen. Wieder auf freiem Fuß, sucht sie Zuflucht bei ihrer Freundin. Doch die Freundin hat Todesangst, organisiert ihr einen Flug nach Europa mit Ziel Italien und sagt sie müsse das Land sofort verlassen. In Italien landet Maria im Mai 2019 in der Hoffnung auf ein besseres Leben.

Doch mittellos und auf sich alleine gestellt, geht sie einmal mehr durch die Hölle: "Mein Leben, meine Gesundheit - alles wurde schlimmer. Ich habe schlecht gegessen und wurde von Männern missbraucht. Mein Leben war so furchtbar. Ich kann nicht über Italien sprechen … Es war so furchtbar."

Kirchenasyl rettet sie vor Abschiebung

Ihr Glück im Unglück: ein Speditionsfahrer mit Ziel in Deutschland. Auf ihn trifft Maria Walugembe irgendwo auf Italiens Straßen. Obwohl der Fahrer eigentlich nur Sex will, bietet er Maria seine Hilfe an. Es sei nicht leicht gewesen, diese anzunehmen, sagt sie: "Er hat mich benutzt, aber auch gerettet. Denn wenn ich ihn nicht getroffen hätte, weiß ich nicht, ob ich jetzt noch am Leben wäre. Und als Christin bete ich noch heute für ihn."

Maria Walugembe fährt mit ihrem zweifelhaften Retter bis nach München und stellt sich dort, erstmals nach ihrer Ankunft in Europa, den Behörden. Diese wollen sie sofort wieder zurück nach Italien schicken. Denn laut Dublin-Abkommen hätte sie eigentlich in Italien ihren Asylantrag hätte stellen müssen. Nach dem, was Maria Walugembe dort aber durchgemacht hat, will sie auf keinen Fall zurück. Da sie inzwischen zudem auf Medikamente angewiesen ist, vermittelt sie ihr Arzt an die Münchner Lesbenberatung Letra, die daraufhin das Kloster Bernried um Kirchenasyl bittet.

"Wir schaffen das" - eine Perspektive für Flüchtlinge

Nun hofft Maria Walugembe, dass die deutschen Behörden ihrem Antrag auf Asyl stattgeben. Dann könnte sie richtig Fuß fassen in Deutschland; so wie Salme Brhne, die inzwischen bei der Deutschen Post arbeitet. Oder Mothanna Aloiba, der auf eine Anstellung bei den Johannitern hoffen kann. Er war in der Sprachförderung und hat in acht Monaten seine Ausbildung zum Rettungssanitäter gemacht.

"Wir schaffen das!" Fünf Jahre ist es her, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel diesen Satz prägte. Und aus der Perspektive der Flüchtlinge gilt er: Mothanna Aloiba, Salme Brhne und Maria Walugembe haben bei ihrer Flucht nach Deutschland ihr Leben riskiert - und haben es geschafft.

Newsletter abonnieren

Sie interessieren sich für Glaube, Religion, Kirche, Spiritualität oder ethische Fragen? Dann abonnieren Sie hier unseren Newsletter.