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© BR / Katharina Pfadenhauer
Bildrechte: dpa/Andreas Arnold

Drängeln in der Krise

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Drängeln beim Impfen – wie egoistisch sind wir?

Seitdem in Deutschland geimpft wird und klar ist, dass die Impfdosen knapp sind, wird hier und da gedrängelt. Die Politik denkt gar über Bußgelder nach. Werden Menschen in Krisenzeiten egoistischer und ichbezogener?

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Von
  • Katharina Pfadenhauer

Bürgermeister, Landrat, Bischof – Menschen, die eigentlich erst viel später geimpft werden sollten, sind teils schon immunisiert. Ob sie sich nun vorgedrängelt haben oder nicht: In der Krise schalte der Mensch um – vom Vernunftgehirn aufs Angstgehirn, sagt Borwin Bandelow. Als Neurologe und Psychiater kennt er sich aus mit den Funktionen des Hirns. "Man weiß, dass es im Frontalhirn ein Gebiet gibt, mit dem man intelligent und vernünftig nachdenken kann. Und dann gibt es weiter innen im Gehirn ganz viele Strukturen, die für die Angst zuständig sind.“

"Animalische Regionen" übernehmen die Kontrolle

Dazu zähle zum Beispiel auch ein Kerngebiet des Gehirns, die Amygdala. Diese Strukturen seien sehr einfach gestrickt und ähnelten denen der Tiere. Wenn Menschen große Angst haben, übernehmen laut Bandelow die "animalischen Regionen" im Hirn mehr und mehr die Kontrolle - Menschen neigten dann mitunter zu unsozialem Verhalten.

Ansatzweise könne man das auch in der Corona-Krise erkennen - beispielsweise bei den derzeit raren Impfdosen: Das Phänomen der Verknappung löse beim Menschen einen Mechanismus der Angst aus, erläutert der Experte, der selbst derzeit auch als Impfarzt arbeitet. Solche Verhaltensweisen kenne man auch vom "Vordrängeln beim kalten Buffet" oder in Supermärkten, wo sich Menschen ums Toilettenpapier geschlagen hätten. 

Prinzip der Verknappung sorgt für Angst

Hinter diesem Mechanismus stecke die Angst, dass am Ende nicht mehr genügend für einen selbst bleibt - eine egoistische, selbstbezogene, aber nachvollziehbare Sorge, sagt der Sozialpsychologe Mario Gollwitzer.

"Alleine die Ankündigung oder die Idee, dass etwas nicht für alle reichen könnte, sorgt dafür, dass diese Angst evoziert wird", so Gollwitzer. Der Mensch suche dann fast schon automatisch nach Möglichkeiten, um "dafür zu sorgen, dass man nicht der letzte in der Kette ist".

Mitmenschlichkeit ist teils vererbbar

Etwa fünfzig Prozent der Persönlichkeitseigenschaften sind laut Bandelow geprägt durch Erziehung und kulturelle Einflüsse. Die andere Hälfte unserer Persönlichkeit werde uns vererbt – auch die Empathie ist also Teil des Erbguts.

Wie viel Wert man dem Wohlergehen anderer beimisst, sei deshalb mitunter genetisch festgelegt. Grundsätzlich seien Menschen soziale Wesen, die immer schon miteinander zusammenleben mussten. "Menschen, die früher aus ihren Stämmen ausgeschieden sind, die hatten nicht lange zu leben", erklärt der Psychiater und Neurologe.

Die Menschen mussten sich also schon immer arrangieren und empathisch sein. "Deswegen ist es auch klar, dass so etwas wie Empathie vererbt wird, denn die Stämme sind ausgestorben, die nicht empathisch waren."

Pro- und antisoziales Verhalten schließen sich nicht aus

Man könne Menschen aber nicht nur der einen oder anderen Kategorie zuordnen, sagt der Sozialpsychologe Mario Gollwitzer. Prosoziales und antisoziales Verhalten schließen sich nach seinen Angaben nämlich keineswegs aus: "Man kann sich gegenüber derselben Person sowohl nett, fürsorglich und umsichtig als auch rücksichtslos und egoistisch verhalten.“

Eines hat die Pandemie auch gezeigt: Trotz der für viele schwierigen Situation haben die Deutschen im Jahr 2020 mit 5,4 Milliarden Euro deutlich mehr Geld gespendet als die Jahre zuvor.

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