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Doppelt belastet: Alleinerziehend mit behindertem Kind | BR24

© pa/dpa/Walter G. Allgöwer

Mutter mit Sohn am Rande eines Fußballfeldes.

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    Doppelt belastet: Alleinerziehend mit behindertem Kind

    Wer keinen Partner hat und sich um sein Kind mit einer Behinderung kümmert, fällt oft durch alle Raster – schon lange vor Corona. "Wir sind die Randgruppe der Randgruppen", sagt eine Betroffene.

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    Einmal, da hat ihr Arzt sie gefragt, was sie für sich macht. Sport vielleicht? "Ich hätte ihn erwürgen können", erzählt Cornelia Hagen aus Dießen am Ammersee. "Daran denkt man überhaupt nicht, wenn man ein behindertes Kind hat! Sie versuchen einfach, den Tag zu überleben." Damals lebte ihr Sohn, der eine geistige Behinderung hat, noch zuhause. Cornelia Hagen kümmerte sich alleine um das hyperaktive Kind. Jede Sekunde musste sie aufmerksam sein. Zwischen Arbeit, Haushalt und Therapien war Freizeit einfach nicht drin. "Man ist pausenlos am Energielimit."

    Alleinerziehende mit behinderten Kindern fallen oft durch alle Raster

    Wo Alleinerziehende es schon schwer haben, haben alleinerziehende Mütter oder Väter von pflegebedürftigen Kindern es doppelt schwer. Sie sind nicht nur für die Finanzen zuständig, den Job, den Haushalt, die Kinderbetreuung. Dazu kommen Arztbesuche, Entscheidungen über Therapien und Bürokratie mit der Krankenkasse.

    Eine organisatorische, aber auch eine seelische Belastung, sagt die Sozialpädagogin Susanne Otter, die bei der Organisation "allfabeta" betroffene Frauen berät. "Bei den Kindern kommt es immer wieder zu lebensbedrohlichen Situationen und es stehen Eingriffe wie Operationen an. Das sind Dinge, die die Frauen häufig sehr alleine entscheiden müssen." Meist sind es Frauen, die sich nach einer Trennung um das behinderte Kind kümmern, glaubt Otter.

    Viele Belastungen, kaum Zeit für sich

    Oft sind die Alleinerziehenden auch finanziell belastet und laufen eher Gefahr, im Alter arm zu sein. Dazu kommt die Perspektive, sich auf lange Zeit um das Kind kümmern zu müssen. Denn die Pflegebedürftigkeit hört ja nicht mit dem 18. Geburtstag auf. Wer langfristig pflegt, hat auch ein höheres Risiko, körperliche Probleme wie Rücken- oder Knieschmerzen zu bekommen oder an Übermüdung zu leiden. "Am problematischsten ist aus unserer Sicht die Isolation", sagt Otter.

    Das hat auch Nicole Kultau aus Aschaffenburg erlebt, die sich um ihren erwachsenen Sohn mit einer geistigen und körperlichen Behinderung kümmert. Viele Freunde hätten sich überfordert von ihr abgewandt. "Auf der einen Seite hieß es, dass ich so stark und unabhängig bin – aber dass ich Unterstützung gebraucht hätte, hat man nicht gesehen. Viele haben sich in Mitleid für mich ergangen. Das war aber gar nicht, was ich wollte. Ich wollte einfach ein Stück weit mit dazugehören." Auf die Freunde, die in der Situation bei ihr geblieben sind, könne sie sich dagegen ganz verlassen.

    "Die Randgruppe der Randgruppen"

    Cornelia Hagen aus Dießen am Ammersee, selbst betroffene Mutter, fühlte sich nirgendwo zugehörig. Bei Angeboten für Familien mit behinderten Kindern stehe man als Alleinerziehende oft am Rand. Entlastungsangebote speziell für Alleinerziehende schließen dagegen oft nicht den Pflegebedarf mit ein: So kann etwa ein Babysitter nicht einfach auf ein schwerbehindertes Kind aufpassen.

    Beim Besuch einer Alleinerziehenden-Gruppe stellte Hagen für sich fest: "Hm, wir gehören da nicht so richtig hin", erzählt sie. "Wir haben eine andere Problematik als die, weil wir nicht nur die Randgruppe sind, sondern die Randgruppe dieser Randgruppe."

    Ein Ort, an dem man sagen darf: Ich kann nicht mehr

    Um die Isolation aufzubrechen, hat Hagen eine Selbsthilfegruppe und dann einen Verein mitgegründet: BAmbeKi – "Bayerische Alleinerziehende mit behinderten Kindern". Inzwischen organisiert sie regelmäßig Treffen mit anderen Müttern, die bei einer Tasse Kaffee einfach mal reden können.

    Währenddessen passen Betreuer auf die Töchter und Söhne auf. "Keiner wird dort schief angeschaut, denn jeder hat ein 'komisches Kind', sagt Cornelia Hagen. "Man fühlt sich aufgehoben, weil man weiß, man wird verstanden. Man darf auch mal sagen, dass man nicht mehr kann. Dann muntert irgendeine von den Bambekis einen auf, dass man am Ende des Tages wieder einen guten, freudigen Impuls hat, durchzuhalten."

    Wenn die Treffen ausfallen, fehlt der Zuspruch

    Das nächste Treffen ist gerade wegen Corona abgesagt worden. Ein Lichtblick, der vielen in der Krise fehlt, sagt Cornelia Hagen. Beim ersten Lockdown habe man sich noch Mut gemacht und lustige Nachrichten über WhatsApp geschrieben. "Ich merke, dass alle gerade sehr still werden", sagt sie. "Entweder sind sie so überlastet, dass sie nicht einmal aufs Handy schauen können oder sie sind in einer traurigen Stimmung, in der ich mich zum ersten Mal jetzt auch befinde."

    Nachtarbeit und Betreuungsprobleme

    Ganz allgemein stellte die Corona-Pandemie viele Alleinerziehende vor Probleme. Susanne Otter von "allfabeta" berichtet von geschlossenen Einrichtungen und Müttern, die deshalb nachts arbeiten mussten. Als vieles wieder geöffnet war, fehlte es mancherorts an Fahrdiensten. "Da gab es dann das verlockende Angebot, das Kind eine Dreiviertelstunde mit öffentlichen Verkehrsmitteln hinzubringen und fünf Stunden später abzuholen", sagt Otter.

    Vielen brachen neben Betreuungsangeboten auch Therapien weg. "Die Krankengymnastik und Ergotherapie hatte im ersten Lockdown geschlossen – mein Sohn hat bis heute mit den Folgen zu leben", sagt Nicole Kultau. "In seiner körperlichen Verfassung hat er definitiv Rückschritte erleben müssen."

    Was muss sich tun?

    Für viele hat die Corona-Krise deutlich gezeigt, dass sich etwas tun muss. Susanne Otter wünscht sich einen Ausbau der familienentlastenden Dienste und weniger Bürokratie. Auch Nicole Kultau sieht das so. Helfen würde ihr eine zentrale Stelle, mit Ärzten, Therapeuten, Sozialpädagogen und Mitarbeitern von Krankenkassen.

    Statt von einer Behörde zur nächsten zu rennen, könnte man dort gemeinsam entscheiden, was gebraucht wird, und direkt einen Antrag stellen. "Oft heißt es, wir sind dafür nicht zuständig, und das kostet viel Kraft." So müssten Mütter ihre kostbare Freizeit nicht mit Formularausfüllen verschwenden.

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