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Bildrechte: BR/Rupert Waldmüller

Krankenakte aus der Ausstellung

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    Dokumente vom zynischen Massenmord

    Euthanasie - ein schöner Tod. Mit diesem zynischen Euphemismus bezeichneten die Nazis die systematische Ermordung von geistig und körperlich behinderten Menschen im Dritten Reich. An die Opfer erinnert eine Ausstellung im Kaufbeurer Stadtmuseum.

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    Sie passten nicht in das Rassenideal der Nazis, deshalb waren sie "lebensunwürdig". In den "Heil- und Pflegeanstalten" wurden geistig oder körperlich behinderte Menschen umgebracht, von Ärzten. Eine unrühmliche Rolle bei der Euthanasie spielte die "Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee", wo in vier Jahren weit über 2.000 Menschen den Tod fanden. Die Ausstellung "In Memoriam - Euthanasie im Nationalsozialismus", die zurzeit im Stadtmuseum Kaufbeuren zu sehen ist, beleuchtet dieses dunkle Kapitel der Geschichte. Und soll uns die vielen vergessenen Opfer ins Gedächtnis rufen.

    Den Opfern ein Gesicht geben

    Videos mit Augenzeugen und Angehörigen lassen erahnen, mit welch unfassbarer Grausamkeit die Ärzte in der Nazizeit vorgegangen sind. Michael von Cranach, von 1980 bis 2006 selbst Direktor des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren, begann in den 80er-Jahren als einer der ersten, dieses dunkle Kapitel der Psychiatrie aufzuarbeiten.

    "Ungefähr 270.000 Menschen sind in Deutschland ermordet worden und niemand denkt an sie. Diese Geschichte ist ja wirklich Jahrzehnte nicht erzählt worden. Und es ist immer noch so, dass die meisten Menschen sie nicht kennen." Michael von Cranach

    In der Ausstellung im Kaufbeurer Stadtmuseum bekommen die Opfer nicht nur Namen - mit Texten, Krankenakten, Fotos und Videos werden ihre Schicksale erzählt -, die Opfer bekommen eine Geschichte, ein Gesicht. Das gehe nahe, sagt Museumsleiterin Petra Weber.

    "Ich persönlich finde besonders bewegend die Briefe der Angehörigen, die schreiben: 'Was ist mit meinem Vater, mit meinem Kind passiert? Wie kann es sein, dass dieses Kind, das ich der Klinik anvertraut habe, dass das plötzlich gestorben ist? Wie konnte das passieren?' Und da gibt es auch ganz emotionale Briefe, die - wenn man sie durchliest - einen heute auch sehr stark berühren können." Petra Weber

    Verachtung und Rassenwahn

    Die Krankenakten offenbaren die totale Verachtung, mit der die Ärzte im Rassenwahn der Nazis ihre Patienten beschrieben haben, um sie später als lebensunwertes Leben tot zu spritzen oder verhungern zu lassen. Mehr als 2.000 Menschen brachten die Ärzte allein in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren mit ihrer Außenstelle Irsee zwischen 1941 und 1945 um.

    Neben Egelfing-Haar war Kaufbeuren das Zentrum der Euthanasie in Bayern. Hier wurde sogar die E-Kost erfunden, eine Hungerkur, an deren Ende die geschwächten Patienten nach Monaten des Leidens elendiglich starben. Die schlimmste Erkenntnis für Euthanasie-Forscher Michael von Cranach: Die meisten Täter waren keine glühenden Nazis - es waren gut ausgebildete Ärzte, die irgendwann zu Mördern wurden.

    "Faltlhauser, der Direktor in Kaufbeuren, mein Vor-Vorgänger, hat sich auch so geäußert: 'Ich musste das tun, weil es mir angeordnet war. Das war das Führerprinzip, dass keiner mehr Verantwortung übernahm.'" Michael von Cranach

    Museumsleiterin Weber und Kurator von Cranach wollen mit der Ausstellung zum Nachdenken anregen und den Opfern das geben, was sie verdienen: ein würdiges Gedenken.

    Ausstellung dauert bis Januar

    Bis Ende Januar ist die Ausstellung "In Memoriam - Euthanasie im Nationalsozialismus" im Stadtmuseum Kaufbeuren zu sehen, begleitet von einem umfassenden Rahmenprogramm. Flankierend zeigt das Kunsthaus Kaufbeuren die Ausstellung "Kunst und Stigma - Grenzgänger zwischen Zwang und Freiheit" mit Werken psychisch Kranker.