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Bildrechte: Ulrich Perrey/dpa

In Bayern findet für die meisten Schüler noch bis Mitte Februar Distanzunterricht statt.

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    Distanzunterricht: Abgehängt zwischen den Arbeitsblättern

    Zuerst melden, dann Mikro an: Distanzunterricht zehrt an den Kräften von Lehrkräften, Eltern und Schülern. Trotzdem bleiben die Schulen vorerst geschlossen. Betroffene sorgen sich um Lernfortschritt, Bildungsgerechtigkeit und die Psyche der Kinder.

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    Von
    • Annalena Sippl

    "Das neue Jahr beginnt leider, wie das alte geendet ist. Mit Lockdown, Kontaktbeschränkungen und Distanzunterricht", so sagt es Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) in einem Video, welches vom Ministerium zum Schulstart 2021 veröffentlicht wurde. Seit Dienstag steht fest, dass die Schülerinnen und Schüler bis Mitte Februar nicht in ihre Klassenzimmer zurückkehren werden. Nur für Abiturienten ist ab Februar Wechselunterricht geplant.

    Viele Lehrerverbände begrüßen den Beschluss von Bund und Ländern, die Schulen wegen der Corona-Pandemie bis zum 14. Februar geschlossen zu halten. Doch stellt die Methode Distanzunterricht viele Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler und auch Eltern vor große Herausforderungen und sorgt für Unmut.

    So fürchtet die Grundschulrektorin und Landesgruppendelegierte des Grundschulverbandes Bayern, Konstanze von Unold, dass Bildung und Persönlichkeitsentwicklung bei Kindern auf der Strecke bleiben. Die Situation sei jetzt sehr schwierig. "Ich sorge mich zum einen um die Kinder, die zuhause wenig Unterstützung erfahren und zum anderen um alle Kinder."

    Sorge um Benachteiligung im späteren Berufsleben

    Einer, dem es reicht, ist Robert Frank aus Eichenau in Landkreis Fürstenfeldbruck. Er ist Vater zweier Töchter und arbeitet in einem Software-Unternehmen. Frank ist nah dran am Lernen in der Pandemie und mit dem aktuellen Modell sehr unzufrieden. "Unterricht ist etwas: Da steht jemand, gern auch virtuell und erklärt den Kindern wie sie Probleme lösen und Sachen erlernen. Im Distanzunterricht fehlt in vielen Fällen das Didaktische", so der Vater. Er sorgt sich, dass Schüler später Nachteile haben, etwa an weiterführenden Schulen oder im Berufsleben.

    Väter erstellen Petition

    Versäumnisse sieht er aber nicht bei den Schulen, sondern vor allem auf Seiten des Kultusministeriums. Deshalb hat er zusammen mit zwei weiteren Vätern die Petition "Schule 2021– Aufwachen, Handeln, jetzt" an den Bayerischen Landtag gerichtet. "Nur zuschauen und sich drüber ärgern, das bringt keinem was", sagt Frank. "Wir wollten einfach was tun, deshalb haben wir diese Petition gelauncht." Darin fordert er eine Entschlackung des Lehrplans und die zügige Ausstattung der Schulen für den Einsatz von digitalen Unterrichtsmedien. Außerdem verlangt er regelmäßige Covid-Tests bei den Lehrkräften, Luftreiniger in den Schulen sowie bessere Hygienekonzepte. "So wie das momentan läuft ist das für viele Eltern sehr, sehr anstrengend. Und das ist noch vorsichtig formuliert", sagt er. "Wenn Sie alleinerziehend sind und ein oder zwei Kinder haben – dann können Sie das nicht stemmen."

    Kein Vergleich zum Präsenzunterricht

    Dass der Distanzunterricht viele Eltern an die Grenzen der Belastbarkeit bringt, sieht auch der Bayerische Elternverband so. Henrike Paede, stellvertretende Landesvorsitzende, betont zwar, dass die Programme und die technische Ausstattung verglichen mit dem letzten Jahr verbessert wurden, "aber so richtig vorne dran sind wir immer noch nicht." Sie resümiert: "Wir können froh sein, dass es einigermaßen funktioniert, aber es ist noch lange nicht vergleichbar mit dem Präsenzunterricht." Große Lernrückstände befürchtet sie vor allem bei den Schülern, bei denen digitale Zugänge fehlen: "Manche kann man wohl nicht oder nur sehr schlecht erreichen. Eigentlich sind alle verpflichtet, aber was hilft es denn, wenn die Geräte nicht da sind oder wenn jemand in einer Flüchtlingsunterkunft wohnt und dort gibt es kein W-Lan."

    Lücken bei manchen Schülern werden größer

    Dieses Problem beschäftigt auch Moritz Meusel, Landesschülersprecher der Gymnasien und Koordinator des Landesschülerrates. "Für uns hat der Gesundheits- und Infektionsschutz die höchste Priorität. Wir sehen aber auch, dass mit jeder Woche Distanzunterricht die Lücken vor allem bei sozial benachteiligen Schülern immer größer werden", sagt Meusel. "Das bereitet uns große Sorgen, da die nun wirklich drohen, verloren zu gehen." An den bayerischen Gymnasien funktioniere mittlerweile das meiste gut, doch für Meusel ist vieles abhängig von den Lehrkräften: "Bisher hängt guter Online-Unterricht davon ab, wie engagiert und technisch affin die Lehrer sind, und das darf nicht sein."

    Probleme auch im Bereich Sonderpädagogik

    Eine große Umstellung ist das Lernen von Zuhause vor allem auch für Schüler mit besonderem Förderbedarf. Gerade im Bereich der geistigen Behinderungen sei der Einsatz von digitalen Medien nicht immer leicht. "Es ist einfach etwas anderes, wenn man in einem Raum ist und dann ganz schnell Zeichen erkennt, dass beispielsweise jemand gerade nicht dabei ist und ihn dann wieder herholen kann", sagt Hans Lohmüller, der Vorsitzende des Landesverbandes Bayern Sonderpädagogik. Außerdem bemerke man, dass viele Schüler im sonderpädagogischen Bereich schlechten oder sogar keinen Zugang zu technischen Voraussetzungen für das Distanzlernen haben, der Bedarf an Leihgeräten sei hoch.

    Lehrkräfte leisten "Schwerstarbeit"

    "Versäumnisse im Bereich Digitalisierung wirken sich jetzt natürlich fatal aus und können nur durch die extreme Motivation und den Einsatz persönlicher Mittel der Lehrkräfte ausgeglichen werden", sagt Lohmüller. Außerdem betont er die Relevanz der Beziehungsarbeit in den Förderbereichen geistige und körperliche Behinderungen: "Das ist eigentlich das Wichtigste. Dass wir unsere Schüler täglich sehen, hören, sprechen können und nachfragen, wie es ihnen geht. Und das schaffen die Lehrer, aber das ist Schwerstarbeit". Fatal sei außerdem der Wegfall von therapeutischen Angeboten wie beispielsweise Logopädie, die an die Schule angebunden sind.

    Dankbar über Ausnahmeregelungen

    Froh sei man allerdings darüber, dass Schulbegleiterinnen und Schulbegleiter trotz der Pandemie ihre Schüler besuchen und Zuhause unterstützen dürfen. Zudem dürfe man Kinder in die Notbetreuung aufnehmen, ohne dass Eltern Gründe nennen müssen. Laut Lohmüller eine wichtige Entlastung für viele Familien. Generell habe man angesichts der Infektionslage aber Verständnis für Schulschließungen. Lohmüller merkt aber an: "Jeder Tag, den wir nicht im Distanzunterricht verbringen müssen, an dem wir wieder von Angesicht zu Angesicht mit unseren Schülern arbeiten können, ist ein guter Tag."