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Ein Hausbau kostet viel Geld. Derzeit ist bauen sogar besonders teuer. Denn die Preise vieler Baumaterialien sind kräftig gestiegen und die Lieferzeiten meist lang. Wer jetzt baut, braucht Nerven aus Stahl - auch der ist knapp.

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Dilemma am Bau – hohe Preise und wenig Ware

Ein Hausbau kostet viel Geld. Derzeit ist bauen sogar besonders teuer. Denn die Preise vieler Baumaterialien sind kräftig gestiegen und die Lieferzeiten meist lang. Wer jetzt baut, braucht Nerven aus Stahl – auch der ist knapp.

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Von
  • Annette Bögelein

Die Baubranche hat volle Auftragsbücher und trotzdem ein Problem. In der seit Jahren brummenden Branche kriselt es wegen Baustoffmangel und hohen Preisen. Viele Baustoffe wie zum Beispiel Holz, Dämmplatten oder Kanalrohre sind kaum verfügbar und haben monatelange Lieferzeiten. Zudem legten die Preise für die knappen Baustoffe kräftig zu.

Private Bauherren können Baukosten nicht mehr kalkulieren

Der Rohbau von Sandra und Thomas Gumtau in Buch bei Weisendorf steht. Baubeginn war im Mai 2020. Eigentlich wollten sie heuer noch einzuziehen. Doch jetzt schon haben sie eine Bauverlängerung von sechs Monaten. Es gibt große Schwierigkeiten mit den Handwerkern und den Baustoff-Lieferungen. Die Dämmplatten für den Estrich haben Gumtaus noch rechtzeitig bekommen. Doch wie es weitergeht ist fraglich. "Uns sagen Firmen ab, da sie einfach Lieferschwierigkeiten haben, weil sie an keine Baustoffe mehr kommen", klagt Sandra Gumtau. Dazu kommen noch enormen Preissteigerungen. Ein finanzieller Puffer war zwar eingeplant, aber nicht in der Größenordnung. Die junge Familie versucht nun, die Zusatzkosten mit noch mehr Eigenleistung als ursprünglich geplant zu kompensieren.

Handwerkerbetriebe in der Klemme wegen Lieferengpässen

Die Preissteigerungen bringen auch Handwerksbetriebe in Not. Bauunternehmer Andreas Kroner aus dem Landkreis Erlangen-Höchstadt baut nur für private Bauherren. Er hat einen Betrieb in Röttenbach mit sieben Mitarbeitern. In seinem Lager hat er gerade noch für eine einzige Baustelle Dämmplatten stehen. Auf Nachschub muss er wochenlang warten. "Es mangelt an Dämm-Material, PVC-Rohren, Kanalrohren, Gummi, Silikon. Normalerweise habe ich das alles in ein paar Tagen nach Bestellung bekommen", erklärt der Unternehmer. Doch die Materialbeschaffung für den Hausbau ist ein großes Problem. Stahl, Holz, Dämmstoffe sind sehr teuer geworden und schlecht zu bekommen. Wenn Andreas Kroner kein Material für seine Baustellen erhält, muss er seine Belegschaft in Kurzarbeit schicken. Aber das ist nicht seine einzige Sorge. Er fürchtet, dass viele private Bauleute ihr Bauvorhaben aufgeben, weil sie sich bei diesen extremen Preissprüngen das Bauen nicht mehr leisten können.

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Baustoffe sind derzeit ein rares Gut und sehr teuer

Corona ist Auslöser, aber nicht alleinige Ursache

Die Corona-Pandemie hat zwar die Industrien weltweit gebremst und den Schiff- und Frachtverkehr unterbrochen. Dennoch sei das nicht der Hauptgrund für die Probleme im Baustoffhandel, erklärt Wolfgang Kestel, Leiter Einkauf bei Knauf in Iphofen. Die Nachfrage sei im In- und Ausland extrem gestiegen. Hinzu komme eine Kette von Zwischenfällen: die Schiffshavarie im Suezkanal, viele Waren kamen daher mit großer Verspätung an ihre Bestimmungsorte. Hinzu kommen der Ausfall fast aller Raffinerien in Texas durch einen Wintersturm und der Brand eines BASF-Chemie-Werkes in Ludwigshafen sowie der Ausfall eines der wichtigsten Styrol und Propylenoxid produzierenden Werks in Holland. Das sind die wichtigsten Ursachen für den strauchelnden Baustoffmarkt. Wirtschafstingenieur Wolfgang Kestel hat so eine Situation noch nie erlebt: "Das Ganze führt dazu, dass in der ganzen Lieferkette nach Asien und nach Europa die Grundstoffe nicht kommen. Viele Zulieferer melden höhere Gewalt an und können ihre Kunden nicht mehr bedienen. Da sind so viele Störungen, die habe ich in dieser Dichte in 20 Jahren als Leiter Einkauf bei Knauf nicht erlebt.“

Schwachstellen der globalisierten Industrie werden sichtbar

Ein Schlüsselprodukt in der Baustoffindustrie ist das Styrol, ein Produkt, für dessen Herstellung man Erdöl braucht. Styrol ist in vielen Produkten enthalten: in Eimern, Dämmplatten, Leitungen, Rohren, Autoteilen sogar in der Lebensmittelindustrie kommt es zum Einsatz wie zum Beispiel für Joghurtbecher. Doch Styrol ist derzeit schlecht verfügbar. Das bringt ganze Lieferketten ins Wanken und lässt die Preise in die Höhe schnellen. Das sind die Gesetze der Marktwirtschaft: Ist etwas knapp, steigen die Preise.

Preisspirale bei Baustoffen dreht sich weiter

Heute bestellt, morgen verladen, übermorgen geliefert, war bisher normal in der Baustoffindustrie. Jetzt klappt das nicht mehr, die Lieferketten sind unterbrochen, und die Preise schellen immer weiter in die Höhe. Das muss auch Kai Lerch, Geschäftsführer beim Bauzentrum Gebhardt in Erlangen, seinen Kunden vermitteln. "Bei uns flattern täglich drastische und noch nie dagewesene Materialpreiserhöhungen der Industrie ins Haus. Es sind Preissteigerungen von 50 Prozent bis teilweise 300 Prozent im Holzbereich". Er bekommt Anfragen zu Baumaterialien aus ganz Deutschland, die er nicht bedienen kann und auch nicht will. Vorrang bei Warenlieferungen haben seine Kunden, die Handwerker vor Ort. Frank Petrus von der Baustoffunion in Nürnberg handhabt es genauso, seine Stammkunden haben Vorrang. Petrus vermutet, dass die Preise sich wieder einpendeln werden, aber vielleicht nicht auf das Niveau vor der Krise zurückfallen. "Die Bauprodukte sind über zwanzig Jahre nur leicht gestiegen, es kann sein, dass es jetzt zu Preiserhöhungen kommt, die man über zwanzig Jahre hätte haben müssen," meint er.

"Schwierige Situation" auch bei Maxit in Oberfranken

Auch bei der Franken-Maxit-Gruppe mit Sitz in Azendorf im oberfränkischen Landkreis Kulmbach herrscht "in manchen Bereichen eine schwierige Situation", sagte Gesamtvertriebsleiter Günther Strasser dem Bayerischen Rundfunk auf Anfrage. Zwar habe Maxit auch eine eigene Rohstoffversorgung, geht es aber um Bodenbereiche, seien auch die Oberfranken abhängig von Lieferanten. Dort und auch bei der Wärmedämmung lägen die Lieferzeiten bei bis zu vier Wochen, so Strasser weiter. Die Lieferprobleme bezeichnet Strasser mit einem Augenzwinkern als "Klopapier-Effekt in Corona-Zeiten". "Man braucht eine Packung, nimmt aber fünf". So bestellten manche Bauunternehmer mehr als sie brauchen und lagerten das Material zwischen und verwendeten es später für andere Baustellen. Vor allem Produkte aus dem chemischen Bereich, auch Plastik, sei Mangelware zurzeit, konstatiert Strasser. Aber Abflussrohre aus Plastik seien nötig, um eine Baustelle zu beginnen. "Wenn man die nicht hat, kann auch der Rest nicht gemacht werden". So zeichnet Günther Strasser einen Vergleich mit der Automobilbranche. Wenn nur ein einziger Mikrochip beim Bau eines Autos fehle, so nutzen auch die ganze Karosserie und die Sitze nichts. Auch Baustellen können so eben mitunter nur zu 90 Prozent fertiggestellt werden, meint Strasser.

Trendwende ist nicht in Sicht

Industrie, Handel, Handwerk und private Bauherren – sie sitzen in einem Boot und hoffen auf eine Trendwende. Es ist jedoch sehr fraglich, ob die Preise wieder auf das Niveau vor dieser Lieferkrise zurückfallen. Derzeit ist es kaum möglich, Angebotspreise, Lieferzeiten und Fertigstellungstermine einzuhalten. Prognosen sind schwierig Alle Beteiligten hoffen, dass sich der Markt vor allem in der zweiten Jahreshälfte wieder beruhigt, damit sich die Lieferzeiten wieder etwas normalisieren, und Handwerkern der enorme Termin- und Preisdruck gegenüber ihren Bauherren genommen wird. Einen gravierenden Unterschied gibt es aber doch zwischen Industrie, Handel sowie Handwerkern auf der einen Seite und privaten Bauherren auf der anderen Seite: Durch Preiserhöhungen können erstere ihre Bilanzen etwas ausgleichen. Private Bauherren können das nicht. Sie müssen einfach tiefer in die Tasche greifen.

© Sandra Gumtau - Privatfoto
Bildrechte: Sandra Gumtau - Privatfoto

Baustoffe sind derzeit rar und teuer.

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