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Virtual Reality kann auch in der Altenpflege genutzt werden.

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Digitalisierung der Altenpflege: Chancen und Hindernisse

Expertinnen und Experten sehen in der Digitalisierung der Altenpflege eine große Chance. Zwar könnte Pflegepersonal nicht durch technische Innovationen ersetzt, aber durchaus entlastet werden. Aber es gibt noch viele Probleme und Herausforderungen.

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Von
  • Florian Deglmann

Technische Innovationen in der Altenpflege können sehr vielfältig sein. So erleichtern sie beispielsweise die Erstellung von Dienstplänen und helfen so, bürokratische Prozesse zu vereinfachen. Andererseits gibt es auch Produkte, die im direkten Umgang mit dem Patienten verwendet werden. Beispielsweise eine spezielle Dekubitus-Matratze, die Patienten automatisch umlagert und damit davor schützt, sich wund zu liegen.

Das sei für Patientinnen und Patienten angenehmer, da sie nun nachts nicht mehr von Pflegekräften geweckt und umgelagert werden müssten. Gleichzeitig würden Angestellte in der Pflege dadurch entlastet, sagt Marlene Klemm vom Pflegepraxiszentrum Nürnberg (PPZ).

Pflegepraxiszentrum Nürnberg testet technische Innovationen

Gemeinsam mit ihrem Team testet Marlene Klemm zahlreiche Produkte, die neu entwickelt werden, in der Praxis. Auch Pflegeroboter und Virtual Reality kommen immer wieder zum Einsatz: beispielsweise können sich Seniorinnen und Senioren mit gewissen Spielen geistig sowie körperlich fit halten.

Gleichzeitig kennt Marlene Klemm die Probleme und Hindernisse bei der Einführung technischer Neuheiten in den Pflegealltag. Im BR-Interview sagt sie, dass zwar extrem viele Produkte entwickelt werden, davon aber nur wenige auf den Markt kommen. "Es sind sehr sehr viele Startups und junge Unternehmen, die in diesem Bereich existieren und die auch mit guten Ideen an uns herantreten. Es ist aber eben so, dass auch die Pflegesettings natürlich nicht übertragbar sind: Also was in der Klinik funktioniert, funktioniert nicht automatisch in der stationären Langzeitpflege." Dazu komme, dass es in vielen Einrichtungen schon an ganz simplen, aber essentiellen Dingen wie flächendeckendem WLAN fehle.

Corona-Pandemie ebnet den Weg für Digitalisierung

Außerdem sei es wichtig, dass sich das Personal auf technische Neuheiten einlasse. Allerdings habe hier die Corona-Pandemie zu einem Umdenken beigetragen, sagt Marlene Klemm: "Ich habe das Gefühl, da ist etwas in den Köpfen passiert."

Ein Sprecher des bayerischen Gesundheitsministeriums sagte dem BR, in den vergangenen Monaten sei deutlich geworden, dass technische Innovationen insbesondere auch in allen Sektoren der Langzeitpflege an Bedeutung gewinnen. Digitale Unterstützung bei der Kommunikation mit Angehörigen, Pflegekräften und medizinischem Personal hätte während der Kontaktbeschränkungen in der Corona-Pandemie einen hohen Stellenwert eingenommen.

"DeinHaus 4.0": Selbstbestimmtes Leben durch Digitalisierung

Aber bereits vor der Pandemie habe der Freistaat diverse Digitalisierungsprojekte gestartet. Um beispielsweise aufzuzeigen, wie Pflegebedürftige mittels intelligenter Assistenztechnik möglichst lange zuhause selbstbestimmt leben können, wurde das Projekt "Vorbildliches Pflegewohnumfeld für Pflegebedürftige" ins Leben gerufen: "DeinHaus 4.0". Die Projektreihe soll laut dem Ministeriumssprecher dazu beitragen, Berührungsängste und Vorbehalte vor neuen Techniken abzubauen und die Akzeptanz für digitale Assistenzen in der Bevölkerung zu verbessern. Hierzu soll intelligente Technik erlebbar und sichtbar gemacht werden.

Technische Innovationen, die im Alltag unterstützen

Es gehe um Unterstützung im Alltag, zum Beispiel durch Sensoren, die bei Stürzen einen Notruf absetzen, bei Rauchentwicklung den Herd abschalten oder bei Bewegung in der Dunkelheit Licht anschalten. Um diese Möglichkeiten den Bürgerinnen und Bürgern nahezubringen, werde beispielsweise in Mustereinrichtungen für unterschiedliche Wohnformen vom Haus über die Wohnung bis hin zu Pflegeeinrichtungen nicht nur veranschaulicht, was technisch möglich ist, sondern vor allem auch, ob es einen tatsächlichen Nutzen für die Anwender gibt. Jedes "DeinHaus 4.0"-Projekt setze dabei eigene Schwerpunkte bei Forschung und Technik.

Das erste "DeinHaus 4.0" setzt die Technische Hochschule Deggendorf seit Sommer 2018 mit einer Laufzeit bis Ende 2023 um. An mehreren Standorten sollen laut Ministerium Mustereinrichtungen erlebbar gemacht werden. Die erste Mustereinrichtung wurde in Osterhofen und in Deggendorf umgesetzt.

Auch in Roding im Landkreis Cham soll es künftig eine Mustereinrichtung geben, so der Sprecher des Gesundheitsministeriums. Aufgrund der Corona-Pandemie wurde zunächst im BRK Pflegeheim ein kleines "Gaming Center" eingerichtet, das es ermöglicht, spielerisch Bewegungen durchzuführen. Sobald es die Situation zulässt, soll das BRK Pflegeheim mit weiteren Sensoren ausgestattet werden.

Digitalisierung verbessert Arbeitsbedingungen

Grundsätzlich sei die Digitalisierung in der Pflege auch ein wichtiger Baustein, um die Arbeitsbedingungen für die Pflegenden zu verbessern. Sie könne aber nicht den Fachkräftemängel beheben, heißt es vom bayerischen Gesundheitsministerium. Die Rahmenbedingungen für die Beschäftigten in der Pflege müssten im Hinblick auf bessere Bezahlung, Arbeitsmodelle für Teilzeitkräfte, Angebote für eine Work-Life-Balance und verbesserte Führungskompetenz der Leitungen in Pflegeeinrichtungen verändert werden.

Keine Personaleinsparungen durch Technik

Hieran werde bereits in der Konzertierten Aktion Pflege (KAP) auf Bundesebene unter Beteiligung von Ländervertretern gearbeitet. Im Rahmen der KAP habe sich eine Arbeitsgruppe mit dem Thema "Innovative Versorgungsansätze und Digitalisierung" befasst und zahlreiche Vereinbarungen getroffen. Konsens sei stets gewesen, dass innovative Versorgungsansätze und Digitalisierung genutzt werden müssten, um die Arbeitsverdichtung in der Pflege zu verringern und mehr Zeit für die personenzentrierte Pflege und Betreuung zu schaffen. Personaleinsparungen durch Technik würden abgelehnt.

Digitalisierung muss man sich leisten können

Dem stimmt auch Marlene Klemm vom PPZ in Nürnberg zu. Keine technische Innovation könne die Pflege durch Menschen ersetzen. Eine große Herausforderung bei der Einführung technischer Neuheiten sieht sie in der Finanzierung, beziehungsweise Refinanzierung. Denn Digitalisierung habe ihren Preis. "Wenn Einrichtungen investieren müssen, sind dem Ganzen irgendwo Grenzen gesetzt. Denn das überträgt sich ja irgendwann automatisch auf die Einrichtungsbewohner." Hier sei die Politik gefragt, entsprechende Finanzierungsmöglichkeiten zu schaffen, um Innovationen in der Altenpflege für mehr Menschen zugänglich zu machen. "Es gibt zwar bereits Finanzierungsmöglichkeiten", sagt Klemm. "Aber in meinen Augen ist das noch nicht genug."

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Virtual Reality kann auch in der Altenpflege genutzt werden.

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