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Jugendlicher mit head set vor Computer

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Wie digitale Streetworker jungen Menschen im Netz helfen

Viele junge Menschen haben durch die Corona-Lockdowns psychische Problemen. Soziale Online-Netzwerke und Gaming-Plattformen waren oft ihre einzigen Kontakt-Möglichkeiten. Streetworker des Bayerischen Jugendrings versuchen, ihnen genau dort zu helfen.

Von
Hermann ScholzHermann Scholz
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Nele will nur ihren Vornamen nennen. Sie erzählt, dass sie während des Corona-Lockdowns Abitur gemacht und in einer anderen Stadt zu studieren angefangen hat. An der Uni gab es nur Distanzveranstaltungen, sie hatte keine Kontakte, niemanden zum Reden über ihre Probleme: "Ich wusste nicht, wohin ich sollte mit dem, was ich so an Gedanken in meinem Kopf hatte."

Bei Nele wurde später eine Depression diagnostiziert. Geholfen hat ihr in dem Moment Tobias Scheßl. Er ist digitaler Streetworker beim Bayerischen Jugendring. Sie hatte ihn auf der Messenger-Plattform Discord kennengelernt, sagt Nele. "In erster Linie hat er mir gut zugehört, dass ich das Gefühl hatte, mal alles sagen zu können."

Dorthin gehen, wo die jungen Leute sind

Seit September 2021 sind in Bayern digitale Streetworker wie Tobias Scheßl unterwegs – auf Plattformen wie Discord, Twitter, Instagram, Twitch oder PS4. Es ist ein Pilotprojekt, finanziert vom Bayerischen Sozialministerium und befristet bis Ende 2022. 14 Mitarbeiter aus allen bayerischen Bezirken sind im Netz aktiv und gehen dahin, wo die jungen Leute sind. Sie sind zum Beispiel beim Online-Gaming dabei, und wenn sie merken, dass jemand Probleme hat, bieten sie Hilfe an.

Streetworkerin Jenny zum Beispiel ist Gaming-Expertin, bei World of Warcraft ist ihr Spielcharakter der einer Heilerin. Online-Spiele gehören dazu – man muss kein Crack sein, sagt Jenny, aber zu schlecht sollte man auch nicht sein – schließlich spielt man in der Gruppe, und wenn die wegen der eigenen Leistung verliert, ist man schnell draußen.

Die meisten Streetworker erzählen, dass während des Corona-Lockdowns der Kontakt zu jungen Leuten abgerissen sei – viele Jugendzentren waren einfach zu oder nur für Geimpfte nach Anmeldung offen. Den Jugendlichen ins Netz zu folgen, ist eine Möglichkeit, wieder Kontakte zu knüpfen und niedrigschwellig Hilfe und Beratung anzubieten. Auf vielen Gaming-Plattformen gibt es auch Chat Optionen, über die locker und unkompliziert Kontakte geknüpft werden können.

Schweigepflicht und Anonymität

Die Streetworker unterliegen der Schweigepflicht, die meisten Kontakte verlaufen anonym. Viele Probleme, die an sie herangetragen werden, sind psychischer Natur, sagt Tobi Scheßl – aber es geht auch um Beziehungsfragen, Geschlechteridentitäten, Berufswahl. Er habe auch schon mal online eine Bewerbung mit verfasst, erzählt der Streetworker. Den jungen Leuten begegnen er und seine Mitstreiter auf Augenhöhe, in ihrer Lebenswelt, ohne Vorschriften – und sie müssen auch nicht jede Ordnungswidrigkeit anzeigen, von der sie erfahren.

Das Institut für Medienpädagogik begleitet das Projekt wissenschaftlich. Das ist wichtig. So stellen die Beteiligten fest, welche technische Ausrüstung sie brauchen und welche Plattformen sich überhaupt eignen. Projektleiter Dominik Rankl erklärt, an bestimmte Gruppen wie die Gaming- oder cosplay-Szene komme man überhaupt nur online heran.

Gutes Feedback von den Jugendlichen

Wichtig ist dann auch der Schritt vom Digitalen in die reale Welt. Wenn die Jugendlichen das wollen, können sie sich mit den Streetworkern auch treffen und diese können sie zu Beratungsstellen begleiten. Ob sie das wollen, entscheiden die jungen Leute.

Laut Bayerischem Jugendring ist das Projekt deutschlandweit einzigartig, so breit gefächert wie sich die Streetworker online den Lebenswelten von Jugendlichen nähern. Demnächst geht es um die Frage, ob das Bayerische Sozialministerium das Projekt über 2022 hinaus verlängert.

Projektkoordinator Rankl weist darauf hin, dass sie eine eigene Feedback-Maske für junge Leute entwickelt haben, die mit den Streetworkern in Kontakt waren – und die Reaktionen waren zum größten Teil positiv. Die digitalen Streetworker seien genau das Angebot, das junge Leute brauchten. Das bestätigt auch Nele: Streetworker Tobias habe ihr geholfen, eine Therapie gegen ihre psychischen Probleme zu finden – heute gehe es ihr viel besser.

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