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Digitale Probleme im Klassenzimmer | BR24

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Digitaler Unterricht soll überall in Deutschland Schulalltag werden. Darauf haben sich vergangene Woche Bund und Länder geeinigt. Aber was genau wird eigentlich an den Schulen gebraucht?

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Digitale Probleme im Klassenzimmer

Digitaler Unterricht soll überall in Deutschland Schulalltag werden. Darauf haben sich vergangene Woche Bund und Länder geeinigt. Aber was genau wird eigentlich an den Schulen gebraucht?

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Der Bund will fünf Milliarden Euro dafür bezahlen, dass Schulgebäude vernetzt werden, dass es an allen Schulen WLAN gibt, dass interaktive Tafeln, Displays, Laptops und Notebooks angeschafft werden. Mitte März soll der Bundesrat der Einigung noch zustimmen. 50.000 digitale Klassenzimmer will Bayern derzeit an den Schulen einrichten. In immerhin 20.000 Klassenzimmern im Freistaat gibt es schon interaktive Whiteboards oder zumindest einen Beamer. Für die Schulen bedeutet die neue Ausstattung vor allem viel Arbeit.

Aufwändige Instandhaltung

Peter Schwartze, Schulleiter am Oskar von Miller-Gymnasium in München, ist technischen Kummer gewöhnt. Weil das traditionsreiche Gymnasium derzeit saniert wird, hat die Schule im September Ersatzräume bezogen. Die sind in Sachen Digitalisierung eigentlich perfekt ausgestattet mit Whiteboards und Dokumentenkameras. Doch vieles davon war wochenlang nicht oder kaum nutzbar. Die Technik in Stand zu halten, ist extrem aufwendig:

"Wenn auch nur irgendwo mal was ausgestöpselt wird, schon ist der Kuckuck, schon funktioniert es nicht mehr, schon wenden sich die Lehrkräfte an die Anwendungsbetreuung, im Notfall während deren eigenen Unterrichts, und dann bedeutet das natürlich Irritation!"

Zu wenige Anrechnungsstunden und Beratungslehrkräfte

Zwar gibt es Koordinatoren für digitale Bildung und bayernweit 81 Beratungslehrkräfte – und es gibt Anrechnungsstunden, wenn sich Lehrer vor Ort um die Systembetreuung kümmern, doch die reichen bei weitem nicht aus, sagt Schulleiter Schwartze. Noch immer passen Programme der Lehrer am PC zuhause und der Whiteboards in der Schule nicht unbedingt zusammen, und erst heute wieder habe ihm seine Anwenderbetreuerin ihr Leid geklagt und fast schon gedroht, alles hinzuschmeißen. Dabei tue er ja alles, um ihren Auftrag zu unterstützen:

"…der ja darin besteht, dass man durch 40 und mehr Räume läuft und im Notfall von Tag zu Tag überprüft, ob die Kabel stimmen, wo der Kurzschluss ist, wo der Anschluss nicht stimmt, um herauszufinden, warum dieses oder jenes Bild nicht kommt, warum hier das Internet in diesem oder jenem Fachraum, in diesem oder jenem Klassenzimmer nicht stimmt, die Technik ist eben auch nicht so stark, wie man sich wünschte, sie ist sensibel."

Die Forderung des erfahrenen Schulleiters ist klar: Jede Schule bräuchte mindestens einen Systemwart, der sich acht Stunden am Tag damit beschäftigt, die digitalen Klassenzimmer am Laufen zu halten.

Lehrer können nicht professionell Computer warten

Wartung und Support können nicht von Lehrkräften allein geleistet werden, betont auch Simone Fleischmann, die Vorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes.

"Ich stelle mir immer vor, da bräuchte es so eine rote Lampe, da kann ich also auf dem Pult drücken, und dann kommt da jemand. Das ist ja in Unternehmen so, und wir können nicht verlangen, dass in Schulen ohne externe Expertise geht. Wir Lehrer und Lehrerinnen haben das nicht gelernt. Wir werden ohne externe Expertise auch an unseren Schulen in Bayern nicht auskommen."

Das sieht das Kultusministerium ähnlich: Für die Wartung soll es möglichst eine zentrale Lösung geben – Details sind aber noch unklar.

Damit digitale Geräte richtig zum Einsatz kommen, müssen die Lehrer aber auch den Umgang mit ihnen lernen, findet Simone Fleischmann.

"Es kann nicht sein, dass die jungen Leute die sind, die das dann können, und die älteren Kollegen, die schon lange unterrichten, können das nicht. da dürfen wir keine Spaltung aufkommen lassen. Wir fragen uns aber alle, wann wir all das lernen sollen, also wann wir als Lehrerinnen und Lehrer jetzt Vollgas geben sollen, um all diese Kompetenzen reinzuziehen."

Fortbildungen müssten auch in der Arbeitszeit stattfinden. Und auch inhaltlich muss vieles neu entwickelt werden in der Lehrerbildung.

Digitaler Unterricht muss anders sein

An der Münchner Uni lehren einzelne Dozenten schon jetzt angehende Lehrer, wie sie digitale Anwendungen im Unterricht einsetzen können. Uta Hauck-Thum zum Beispiel bringt in ihren Seminaren Lehramtsstudenten, Schulkinder und digitale Medien zusammen. Hier ein Beispiel aus dem Biologieunterricht:

"Studierende gestalten gemeinsam mit Kindern eine Website zum Thema Wald. Deswegen ist auf jeden Fall die authentische Waldbegegnung da. Die laufen durch den Wald, interviewen den Förster, fragen, wie es da aussieht, schauen sich hier die Baumarten an, aber dann nehmen sie einzelne Materialien mit ins Klassenzimmer, fotografieren die mit dem Tablet ab, nutzen hier eine App gemeinsam mit den Studierenden, um diese Gegenstände dann zu animieren und entsprechende Zusammenhänge selber zu erklären. Von Kindern für Kinder ist hier das entscheidende Prinzip."

Gleichzeitig lernen die Lehramtsstudenten, dass sie eben nicht allein vor der Klasse stehen müssen, um vorzutragen, was sie wissen, sondern die Kinder erarbeiten sich gemeinsam und in Kleingruppen das Wesentliche selbst. Die angehenden Lehrer begleiten den Lernprozess und helfen mit. Am Ende steht eine gemeinsame Website über den Wald, und alle haben dazu beigetragen.

Aber nicht alle angehenden Lehrer bekommen diese Ausbildung. Bisher ist es oft Glückssache, ob ein Professor sich für digitalen Unterricht interessiert.

Jeder Schule ihr eigenes Medienkonzept

Wie jede Schule die neuen Medien einsetzen will, das muss oder darf sie selbst entscheiden. Jede Schule in Bayern muss dazu derzeit ein eigenes Medienkonzept erarbeiten. Die wichtigste Rolle darin übernehmen auch in Zukunft wohl die Lehrer, meint Heinz-Peter Meidinger, der Präsident des Deutschen Lehrerverbands:

"Das mag sogar sein, dass Schüler natürlich die neueste Generation von Smartphones viel besser überblicken und im Griff haben als die Lehrkräfte, aber: Worauf es wirklich ankommt, nämlich, und das ist ja die entscheidende Frage: Wie gehe ich mit dieser Informationsflut des Internets und diesen riesigen zusätzlichen Möglichkeiten um? Wie unterscheide ich Wesentliches von Unwesentlichem? Wie erkenne ich Fakenews? Da glaube ich, sind nach wie vor schon die Lehrkräfte die Experten."

Der Digitalpakt bringt eine Anschubfinanzierung für die digitale Ausrüstung der Schulen. Aber wichtige Punkte wie Systemwartung, Lehrerbildung und Medienkonzepte der einzelnen Schulen sind auch nach der geplanten Geldspritze vom Bund weiterhin offen.

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  • Gerhard Brack
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