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Diese Hausaufgaben müssen Bayerns Schulen erledigen | BR24

© BR/Florian Falzeder

Es gibt jede Menge Baustellen und Herausforderungen für die Bildungspolitik, und die hat jetzt in den Sommerferien ein bisschen Luft, daran zu arbeiten.

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Diese Hausaufgaben müssen Bayerns Schulen erledigen

Fridays for Future, Rückkehr zum G9, Digitalisierung und Lehrermangel: Es gibt viele Baustellen im bayerischen Schulsystem. Kultusminister Piazolo (FW) will die Schulen fit für die Zukunft machen. Doch an vielen der Reformen gibt es Kritik.

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Mehr als eineinhalb Millionen Schüler in Bayern haben lange auf diesen Moment gewartet: Letzter Schultag, ab in die Sommerferien! Die langersehnte Verschnaufpause können auch Politik und Schulen gut gebrauchen: Es gibt jede Menge Baustellen und Herausforderungen für die Bildungspolitik, und die hat jetzt in den Sommerferien ein bisschen Luft, daran zu arbeiten.

Baustelle 1: Schülerdemo während der Schulzeit – Fridays for Future

Seit diesem Schuljahr gehen regelmäßig Schülerinnen und Schüler auf die Straße und demonstrieren für mehr und vor allem für effektiveren Klimaschutz. Zehntausende haben sich mittlerweile beteiligt - auch Studierende, Wissenschaftler und Eltern haben sich angeschlossen.

"Ich finde es wunderbar, wenn junge Menschen sich engagieren, vor allem wenn es ein Thema ist wie der Klimaschutz", sagt der bayerische Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler). Gleichzeitig betont er allerdings, dass es in Bayern eine Schulpflicht gebe und die gelte es einzuhalten. Der Minister wirbt deshalb für Fridays for Future - aber außerhalb der Unterrichtszeit.

Kultusminister gibt Schulen keine einheitliche Linie vor

Lange hatte sich der Kultusminister gar nicht geäußert, die Schulleiter allein gelassen mit der Frage: Wie umgehen mit den streikenden Schülern? Eine einheitliche Linie fehlt - und auch in Zukunft will Piazolo den Schulen nichts vorschreiben. Jeder Schulleiter muss also weiter selbst entscheiden: Verweise erteilen, die Proteste dulden oder die Schüler den versäumten Stoff nachholen lassen?

Diese Entscheidungen stehen schon gleich nach den Ferien an, denn pünktlich zum neuen Schuljahr sind schon die nächsten Aktionen angekündigt: eine Aktionswoche in Deutschland Ende September - und am 20. September ein weltweiter Klimastreiktag. Dann werden vermutlich wieder viele Stühle in den Klassenzimmern leer bleiben.

Baustelle 2: Aus G8 mach G9 – die neue Oberstufe am Gymnasium

Seit der überhasteten Einführung 2004/2005 war das achtjährige Gymnasium mehrmals reformiert worden. Frieden kam aber nie auf. Nun kehrt Bayern also zum neunjährige Gymnasium zurück. 2024 soll die neue Oberstufe starten, Schritt für Schritt werden die Schulen jetzt darauf vorbereitet.

Eine wichtige Neuerung: Es soll mehr Wahlmöglichkeiten geben. Damit ist das Kultusministerium auf einen der größten Kritikpunkte am achtjährigen Gymnasium eingegangen. Es soll außerdem wieder ein Leistungsfach geben, auf das sich die Schüler spezialisieren können, erklärt Kultusminister Michael Piazolo:

"Die Schülerinnen und Schüler können selber stärker bestimmen, welche Fächer sie bevorzugen. Trotzdem wollen wir natürlich eine gute Allgemeinbildung sicherstellen." Kultusminister Michael Piazolo

Größere Wahlmöglichkeit für Schüler könnte zu Problemen führen

Außerdem will Piazolo die Naturwissenschaften durch eine höhere Stundenzahl aufwerten. Sonst bleibt vieles beim Alten: Mathematik und Deutsch bleiben Pflichtfächer. Und wie das neue Abitur aussehen soll, daran werde noch gearbeitet, sagt der Minister.

Warnende Worte kommen von den Schulleitern. Je größer die Wahlmöglichkeiten für die Schüler, umso schwieriger werde die Organisierbarkeit für die Schule, sagt der Vorsitzende der Bayerischen Direktorenvereinigung Walter Baier.

Dafür bekommen die Schulen aber deutlich mehr Stellen. Neben den 1.000 Lehrerstellen, die man für die neue Jahrgangsstufe braucht, werden nochmal bis zu 450 zusätzliche Pädagogen eingestellt. Für die Gymnasien dürfte es dafür auch genügend Bewerber geben.

Baustelle 3: Die Schule der Zukunft – Stichwort Digitalisierung

Die Digitalisierung in den Schulen schreitet voran. Vom Staat gibt es Geld für digitale Whiteboards, Tablets, WLAN und vieles mehr. Die Technik soll einerseits dafür genutzt werden, den Unterricht aufzuwerten: zum Beispiel Lesen und Rechnen lernen mit Spielen. Zusätzlich wird dadurch eine ordentliche Ausstattung für den Informatikunterricht gewährleistet.

Andererseits hat die Technik auch die Gesellschaft verändert, sagt Uta Hauck-Thum, Professorin für Grundschulpädagogik an der Universität München. Schüler sollen zu mündigen Bürgern heranwachsen und verstehen: Was sind Medien und wie finde ich heraus, was stimmt und was nicht?

Schüler sollen lernen, wie Computer funktioniert

Außerdem sollten sie zumindest ansatzweise verstehen, wie Computer überhaupt funktionieren, sagt Lutz Hellmig, Vorsitzender des Fachausschusses "Informatische Bildung in Schulen" der Gesellschaft für Informatik. Dafür brauche man noch nicht einmal Computer:

"Es gibt wunderbares Material, wo Kinder sich überlegen: Wie sortiere ich? Und das dann wirklich auf dem Schulhof durchspielen. Ganz ohne Computer. Und da denkt man auch informatisch und hat überhaupt keinen Computer vor der Nase.“ Lutz Hellmig, Vorsitzender des Fachausschusses Informatische Bildung

Viele Lehrer sind im digitalen Bereich kaum ausgebildet

Computer verstehen und Computer für den Unterricht einsetzen: Das ist das Ziel. Aber sind die Lehrer dafür überhaupt ausgebildet? Rudolf Kammerl, Inhaber des einzigen Lehrstuhls für Medienpädagogik in Bayern an der Uni Erlangen-Nürnberg, ist skeptisch. Aus seiner Erfahrung weiß er: "Die meisten Lehramtsstudierenden haben nach wie vor keine Ausbildung im Bereich Medienpädagogik, Mediendidaktik, wenn sie dann ins Referendariat gehen."

Dazu kommt, dass Lehrer - gerade im Grund-, Mittel- und Förderschulbereich - ganz andere Probleme haben. Hier ist oft schon der ganz normale Unterricht in Gefahr.

Baustelle 4: Wer soll das alles stemmen? Der Lehrermangel

Seit Jahren gibt es zu wenige Lehrer an Grund-, Mittel und Förderschulen in Bayern. Immer öfter müssen Lehrer mehrere Klassen zusammenlegen. Manchmal springen sogar Eltern ein, um ganze Schulklassen zu betreuen. Noch nie war es so schlimm wie jetzt, sagt Johannes Schiller von der Gewerkschaft GEW: "Die Planungen für das kommende Schuljahr, ich habe das noch nie so erlebt, dass das für die Schulen so heftig wird."

Der zuständige Kultusminister Michael Piazolo dagegen sagt: Die Lehrer-Bedarfs-Prognose wird gerade erst erarbeitet. Einen akuten Mangel könne er aber nicht erkennen. Er sei sicher, dass die Unterrichtsversorgung sichergestellt ist, so Piazolo.

Keinen Ersatz, wenn Lehrer krank werden

Allerdings: Wenn Lehrer krank werden oder sonst ausfallen, sieht es schon ganz anders aus. Zwar gebe es sogenannte Springer, doch die seien immer häufiger schon zum Schuljahresbeginn ausgelastet, um den Unterricht sicherstellen, sagt Simone Fleischmann, Präsidentin des Lehrerverbands BLLV:

"Dann musst du einen Lehrer drei Klassen beaufsichtigen lassen, dann bespaßt du als Schulleiter zwei Klassen in der Aula, dann lässt du Externe Unterricht halten, die dafür gar nicht ausgebildet sind." Simone Fleischmann, Präsidentin des Lehrerverbands BLLV

200.000 Unterrichtsstunden pro Woche nicht planmäßig

8,5 Prozent des Unterrichts in Bayern findet schon jetzt nicht planmäßig statt, rechnet der BLLV die Zahlen des Kultusministeriums durch: 200.000 Stunden pro Woche. Und es soll schlimmer werden, weil eine große Pensionierungswelle ansteht und viel zu wenig junge Lehrer nachrücken. Der Beruf muss also dringend attraktiver werden, fordern BLLV und GEW.

Eine Stellschraube ist das Geld. Grund- und Mittelschullehrer in Bayern verdienen aktuell weniger als ihre Kollegen: A12 statt A13. Und das, obwohl sie mehr Unterrichtsstunden haben. Kultusminister Michael Piazolo glaubt allerdings nicht, dass Geld allein die akuten Probleme löst.

Bessere Bezahlung könnte Lehrerberuf attraktiver machen

Die akuten Probleme kann ein höheres Gehalt vielleicht nicht lösen. Langfristig sind 366 Euro Netto Unterschied beim Einstiegsgehalt vielleicht aber doch ein Argument. Bayern hat immer abgelehnt, alle Lehrer gleich zu bezahlen, weil manche weniger lange studieren als andere. Viele Bundesländer, in denen der Lehrermangel deutlich größer ist als in Bayern, zahlen aber schon jetzt allen Lehrern gleich viel.