BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Die verzweifelte Suche nach einer Sozialwohnung in München | BR24

© BR

In München fehlen Sozialwohnungen.

62
Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Die verzweifelte Suche nach einer Sozialwohnung in München

In München gibt es 86.000 Sozialwohnungen. Jedes Jahr erhält die Stadt 30.000 Anträge, doch neu vergeben kann sie nur 3.500 Wohnungen pro Jahr. Hinter den nackten Zahlen stehen Menschen, die Angst haben und die Hoffnung auf eine Wohnung verlieren.

62
Per Mail sharen

Es war der 22. Juli 2016, der das Leben von Grazyna Pohl für immer verändert hat. Die Bilder von damals gehen ihr auch heute noch nicht aus dem Kopf. Sie war stellvertretende Filialleiterin in einem Schuhgeschäft im Olympia-Einkaufszentrum in München, als ein Schüler dort neun Menschen erschoss und fünf weitere verletzte. Etwa 50 Menschen suchten Schutz im Lager des Ladens, wie Grazyna Pohl weinend erzählt. Vier Stunden lang hat sie sich um die Leute gekümmert. "Ich hab' einfach funktioniert", sagt die 64-Jährige rückblickend.

Platzangst, Panik-Attacken, Konzentrationsstörungen

Erst zwei Tage später ist Grazyna Pohl zusammengebrochen. Die Diagnose: Posttraumatische Belastungsstörung. Sie leidet unter Platzangst, hat Panik-Attacken und Konzentrationsstörungen. Sie fürchtet sich im Dunkeln. Arbeiten kann sie nicht mehr. Und dann kam auch noch eine Räumungsklage. Grazyna Pohl hat Anspruch auf eine Sozialwohnung, aber sie macht sich keine großen Hoffnungen. Sie sagt, sie habe Angst, "dass ich von heute auf morgen auf der Straße sitze".

© BR/Moritz Steinbacher

Grazyna Pohl hat Anspruch auf eine Sozialwohnung, doch die Suche und das Warten darauf sind zermürbend.

Sozialreferat: "Gravierende Fälle"

Grazyna Pohl hat Dringlichkeitsstufe 1, aber die haben in München noch 9.000 andere Menschen. Das sind 75 Prozent von allen, die gerade auf der Warteliste für eine Sozialwohnung stehen. Es seien "gravierende Fälle" dabei, sagt Hedwig Thomalla, Sprecherin im Sozialreferat: "Zum Beispiel Menschen, die im Rollstuhl sitzen, aber im dritten, vierten, fünften Stock ohne Aufzug sind und dann de facto ihre Wohnung nicht mehr verlassen können, oder auch Familien, die mit fünf Personen in zwei Zimmern leben oder sogar schon im Wohnungslosen-System sind."

Wem gehören die Wohnungen in Augsburg, München und Würzburg? Wo fließt die Miete hin und wer profitiert von den steigenden Preisen? Gemeinsam mit den Bürger*innen möchten BR und Correctiv den Immobilienmarkt transparenter machen. Helfen Sie mit! Gehen Sie auf unsere Webseite br.de/wemgehoert. Teilen Sie uns Adresse und Eigentümer Ihrer Wohnung mit. Laden Sie einen Beleg, zum Beispiel ein Foto Ihres Mietvertrages, hoch. Eingaben überprüfen und absenden.

Amt schließt immer wieder wegen Überlastung

Jedes Jahr gehen bei der Stadt München 30.000 Anträge auf eine Sozialwohnung ein. Weil das Amt für Wohnen und Migration mit der Bearbeitung kaum noch nachkommt, bleibt es in den kommenden Monaten immer wieder einmal eine Woche lang für den Publikumsverkehr geschlossen – das nächste Mal von 17. bis 21. Februar.

Wer einen Antrag stellt, muss unter anderem Einkommensnachweise und Belege für die Dringlichkeit vorlegen. Wird die Berechtigung anerkannt, bekommt man einen Zugangscode für die Online-Plattform "SOWON" (Soziales Wohnen online), auf der man sich die Wohnungen ansehen kann, die für einen in Frage kommen. Jeder kann sich für drei Wohnungen gleichzeitig bewerben. Die fünf "dringlichsten Bewerbenden" werden dann zur Wohnungsbesichtigung eingeladen.

Jahrelanges Warten auf eine Sozialwohnung

Insgesamt stehen in München 86.000 Sozialwohnungen zur Verfügung. Die Stadt kann aber jährlich höchstens 3.500 davon neu vergeben. Manche Bewerber müssen mehrere Jahre warten, bis sie eine Wohnung bekommen.

München hätte in den vergangenen Jahren für mehr Sozialwohnungen sorgen müssen, sagt Andrea Betz, die Sprecherin der Münchner Wohlfahrtsverbände. Und wegen des starken Zuzugs werde die Nachfrage in Zukunft noch weiter steigen. Aber alleine könne die Stadt das Problem nicht lösen: "Deshalb denke ich, dass es einen Schulterschluss zwischen Bundes-, Landes- und Kommunalpolitik braucht und auch die Umlandgemeinden mit an den Tisch genommen werden müssen."

Wo kann Grazyna Pohl künftig leben?

Doch Grazyna Pohl hat wegen der Räumungsklage keine Zeit mehr, um auf eine Wohnung zu warten. Ihr Wunsch: Sie will endlich wissen, wo sie künftig leben kann, und sie will "einfach, dass der grausame Film zu Ende geht – und ich hab meine Ruhe."

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!