| BR24

 
 

Bild

Karteikarte mit der abgenommenen Glocke von Píšť.
© BR-Studio Franken/Ulrike Lefherz

Autoren

Ulrike Lefherz
© BR-Studio Franken/Ulrike Lefherz

Karteikarte mit der abgenommenen Glocke von Píšť.

"Na, ich war ein junges Mädchen. Ich ging aus der Schule um halb zehn. Wir wohnen ein Stück von der Kirche. Auf der Straße stehen so viele Leute. Und ich sage, warum stehen hier die Leute und was wollen sie? Und eine Frau hat mir gesagt: was fragst du so dumm, die nehmen uns die Glocken! Und da habe ich noch die Frauen gefragt, wozu brauchen die die Glocken, das sind doch unsere Glocken. Und die Frauen sagen, ja der Hitler braucht alles, auch die Glocken von der Kirche. Aber den Krieg wird er nicht gewinnen, haben die alten Frauen gesagt." Berta Pacurová

Berta Pacurová.

Berta Pacurová.

Im Zweiten Weltkrieg mussten alle Kirchen im Deutschen Reich Glocken abgeben. Als der Ort Píšť an der Reihe ist, ist Berta Pacurová 14 Jahre alt. Auch heute noch lebt die 89-Jährige nur wenige hundert Meter entfernt von der mächtigen Barockkirche St. Laurentius in der 2.000-Einwohner-Ortschaft nahe der polnischen Grenze im Kreis Opava, ganz im Osten Tschechiens.

Die Landschaft nahe Píšť.

Die Landschaft nahe Píšť.

Früher hieß der Landstrich hier Oberschlesien. Eine weitläufige und leicht hügelige Landschaft, Äcker und Wiesen, Obstbaumreihen säumen die Straßen. Rechts und links der langen Hauptstraße liegen Einfamilienhäuser mit gepflegten Vorgärten. Es gibt ein Gasthaus, ein Feuerwehrhaus und ein neu gebautes Kulturzentrum.

Vom Papst geweiht

St. Laurentius steht an der einzigen Kreuzung des Ortes. Im Jahr 2002 wird die Kirche zum Marien-Wallfahrtsort erklärt. Den Altar ziert seit knapp drei Jahrhunderten eine Kopie der berühmten Schwarzen Madonna von Tschenstochau. Die goldene Krone der Madonna von Píšť und die des Jesuskinds auf ihrem Arm weiht Papst Johannes Paul II. Eine Abordnung der Gemeinde war dazu eigens in den Vatikan gereist.

Die St. Laurentius-Kirche in Píšť.

Die St. Laurentius-Kirche in Píšť.

Erst Bronze, dann Kupfer und Messing

Als Hitlers Beauftragte die Glocken holten, trug das oberschlesische Píšť den Namen Sandau und gehörte zum Deutschen Reich. Die entsprechende Verordnung aus dem Reichs-Innenministerium stammt vom 15. März 1940. Ein Vierjahresplan über die Erfassung von Nichteisenmetallen, zuständig war der so genannte Generalfeldmarschall Hermann Göring.

Dokumente aus dem Archiv.

Dokumente aus dem Archiv.

Zunächst war Bronze gefragt, später sollten auch Gegenstände aus Kupfer und Messing abgegeben werden. Man will "für eine Kriegsführung auf lange Sicht erforderliche Metallreserven schaffen", heißt es in der Begründung. In der Folge wurden alle Kirchenglocken im Reich in vier Qualitäts-Klassen eingeteilt und mit einer Inventarnummer versehen. Kategorie A waren die einfachsten, Kategorie D die wertvollsten.

Dokument zur "Glocken-Aktion".

Dokument zur "Glocken-Aktion".

Die Kreishandwerkermeister hatten die Aufgabe, in den Jahren 1940/41 zunächst die A-Glocken einzusammeln. Drei Viertel aller damals abgehängten Glocken fielen in diese Kategorie, weiß Matthias Nuding zu berichten, der Leiter des Deutschen Glockenarchivs in Nürnberg. A-Glocken wurden fast alle sofort eingeschmolzen.

Abgehängt, aber an einem Stück

Später wurden dann Glocken der Kategorie B und C abgehängt. Die waren entweder kunsthistorisch oder klanglich wertvoller. Die ältesten stammen aus dem 15. Jahrhundert. Die gut ausgebildeten Glockengießer dieser Zeit achteten auf einen besonders schönen Klang. Im Barock dagegen wurden die Glocken in der Regel von Geschützgießern hergestellt, die waren wenig musikalisch, aber Barockglocken sind oft reich verziert und von kunstgeschichtlicher Bedeutung.

Matthias Nuding über den Umgang mit Glocken der Kategorie B und C

Matthias Nuding über den Umgang mit Glocken der Kategorie B und C

Die Glocken wurde zunächst an bestimmten Sammelstellen gelagert, von denen die größte im Hamburger Hafen war. Bis Ende des Krieges wurden nicht alle Glocken für die Rüstungsindustrie eingeschmolzen, etwa 16.000 blieben übrig. Die waren zumindest ganz geblieben. Die meisten hochwertigsten D-Glocken wie die des Würzburger Doms haben den Zweiten Weltkrieg nicht überstanden. Zwar waren sie vom Abhängen verschont, aber dafür hoch auf den Kirchtürmen den Bomben ausgesetzt.

"Glocken bis zum Horizont"

Der Glockenfriedhof in Hamburg.

Der Glockenfriedhof in Hamburg.

Übereinander gestapelt lagerten die Glocken auf den Sammelplätzen wie dem in Hamburg, "Glocken bis zum Horizont", beschreibt es Archivleiter Nuding. Dokumentare ergriffen die Chance zur Katalogisierung. Mit Fotokamera, Karteikarten in und Füller ausgestattet kletterte Historikerin Sigrid Thurm mit einer Handvoll Mitarbeiter aus der Denkmalpflege monatelang über den Glockenfriedhof. Rund 30.000 handbeschriebene Karten dokumentieren Glocken mit Schwarz-Weiß-Foto, Gussdatum, Gießer, Verzierungen und Inschriften.

Karteikarten zu abgenommenen Glocken.

Karteikarten zu abgenommenen Glocken.

Dieser Dokumentschatz kam im Februar 1966 ins Germanische Nationalmuseum in Nürnberg. Im Nürnberger Museumskeller war noch Platz. Zudem wollte man das Kunstgeschichtliche Archiv erweitern. Aktiv genutzt musste die papierne Datenbank ohnehin nicht mehr werden, denn die Rückführung der Glocken war in den 1970er-Jahren abgeschlossen. Die meisten der verbliebenen Glocken waren inzwischen in ihre Heimatkirchen zurückgebracht worden.

Das galt nicht für die rund 1.300 Glocken aus den ehemaligen Ostgebieten. Die britische Militärregierung hatte die Rückgabe untersagt. Und weil die Lagerung teuer war, entschieden die Verantwortlichen, sie als sogenannte Patenglocken an bedürftige Gemeinden im Westen auszuleihen. So beginnt jede Suche nach dem Verbleib verschollener Glocken zwangsläufig in Nürnberg.

Die Suche beginnt

Der Glockenturm von St. Laurentius.

Der Glockenturm von St. Laurentius.

Josef Boček, 92 Jahre alt und Mäzen von Píšť und andere Katholiken in der Gemeinde träumen davon, dem Wallfahrtsort mehr Bekanntheit zu verschaffen. Und der geschäftstüchtige Senior hat nicht nur Ideen, er ist auf einer Mission. Als junger Mann kämpfte er für die Wehrmacht, unter anderem in Frankreich.

"In der Normandie, da hatte ich Angst vor dem Tode. Und da habe ich gesagt, wenn ich wieder heimkomme, dann will ich das Geld, was ich nicht zum Leben brauche, für die Kirche spenden." Josef Boček

Josef Boček

Josef Boček

Bočeks Augen blitzen, er sprudelt vor Einfällen. Sein Gespür für Geschäftsideen hat ihn reich gemacht. Er spendete dem Wallfahrtsort Bilderrahmen, moderne Kunst, neue Glocken. Auf einem großen Grundstück hinter Kirche und Pfarrhaus ließ er einen farbenfrohen Kreuzweg gestalten. Neben den üblichen 14 Stationen über den Leidensweg Jesu sollte nach dem Willen des Sponsors noch eine fünfzehnte entstehen: die Auferstehung. Es ist ein Relief, der Auferstandene setzt seinen Fuß buchstäblich auf Píšťer Boden.

Als Josef Boček von einem befreundeten Priester hört, dass in der Nähe eine verschollene Glocke zurückgekehrt sei, wittert er eine Chance für den jungen Wallfahrtsort. Er bittet seinen Sohn Karl, der in Deutschland lebt, auf die Suche zu gehen nach den 1743 gegossenen, originalen Glocken von Píšť.

Von Schlesien in den Schwarzwald

Die Recherchen ergeben: In der Kirche St. Johannes Evangelist in Sulz am Neckar, einer Stadt mit 4.000 Einwohnern im Schwarzwald, sind Glocken aus Píšť gelandet. Ab hier wird's knifflig. Denn wie soll man den Sulzern beibringen, dass die Píšťer etwas von ihnen haben möchten? Seit 40 Jahren lebt Karl Boček (eingedeutscht: Boczek) in Deutschland, kann in der alten Heimat die deutschen Befindlichkeiten erklären. Er verwirft Übersetzungen, formuliert um und immer wieder neu.

Karl Boczek.

Karl Boczek.

"Mir war von Anfang an klar, dass so ein Schreiben erst einmal ein Problem darstellt. Es ist zunächst eine Bedrohung. So denke ich mir, dass es aufgenommen werden musste." Karl Boczek

Es wird ein vorsichtiges Schreiben, man bitte zunächst nur, zu prüfen, ob sich die Glocke aus Píšť tatsächlich im Glockenturm zu Sulz befindet. Und mit einer Andeutung, sie möglicherweise zurückhaben zu wollen.

Ein neues Problem

St. Johannes Evangelist.

St. Johannes Evangelist.

Pfarrer Georg Lokay ist 68 Jahre alt. Noch zwei Jahre hat er in der Kirchengemeinde Sulz-Vöhringen bis zur Rente. In zwei Pfarrbezirken mit vielen Dörfern hält Pfarrer Lokay Werktagsmessen, Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen - am laufenden Band. Er kümmert sich auch um die Sanierung des Glockenturms. 1953 war die Kirche neu aufgebaut worden, der Vorgängerbau aus Holz war im Krieg abgebrannt.

Die frühere Píšťer Glocke.

Die frühere Píšťer Glocke.

Als vor drei Jahren der erste Brief aus Píšť auf seinem Schreibtisch landet, hat er ein neues Problem, um das er sich kümmern musste. Dass im Sulzer Glockenturm eine Leihglocke hängt, wusste bis dahin niemand. Pfarrer Lokay vermutet sofort, dass es um eine Rückgabe geht, und übergibt den Fall an die überregionale Kirchenverwaltung, die Diözese Rottenburg-Stuttgart. Ein Kostenvoranschlag wird eingeholt, rund 15.000 Euro wären für eine neue Glocke fällig. Zudem müsste der Turm aufgebrochen werden.

Wem gehören die Glocken?

Erst anderthalb Jahre nach der ersten Anfrage informiert Pfarrer Lokay den Kirchengemeinderat. Und hat gleich die Empfehlung der Diözese im Gepäck: die Bitte um Rückgabe. In der Gemeinde stößt das nicht durchgehend auf Gegenliebe. Wem diese Leihglocken gehören, ist durchaus umstritten.

Die Bundesrepublik Deutschland ist der Ansicht, dass die Glocken als Rechtsnachfolger des Deutschen Reiches dem Bund gehören. Mit der Beschlagnahme in den 1940ern seien sie in das Eigentum des Staates übergegangen.

Der Kirchengemeinderat in Sulz ringt sich schließlich zur Rückgabe der Glocke an die Píšťer Gemeinde durch. Pfarrer Lokay formuliert ein knappes Schreiben: "Ich hätte nicht gedacht, dass die Rückführung so ein schwieriges Geschäft ist", schreibt er und führt geschätzte Kosten von 100.000 Euro an. Dazu müssen noch verschiedene Verträge zwischen der Diözese, dem Bundesinnenministerium und der Kirchengemeinde in Píšť geschlossen werden.

Das Hultschiner Ländchen

St. Laurentius während eines Gottesdienstes.

St. Laurentius während eines Gottesdienstes.

Dort geht die Nachricht, dass die alten Kirchenglocken noch existieren, wie ein Lauffeuer herum. Zum Gottesdienst am Sonntagmorgen ist die Kirche mit rund 600 Menschen gefüllt. Sie würden sich wünschen, dass die historische Glocke eines Tages hier wieder läutet. Schließlich waren die Menschen im Hultschiner Ländchen schon immer sehr traditionsbewusst und heimatverbunden.

Historische Karte des Hultschiner Ländchens.

Historische Karte des Hultschiner Ländchens.

Das Hultschiner Ländchen ist ein kleiner Landstrich, etwa zwanzig mal vierzig Kilometer groß. Die mährische Bevölkerung ist katholisch und gläubig, das Mährische eine Art tschechischer Dialekt. Über Jahrhunderte waren die Menschen hin- und hergerissen zwischen verschiedenen Machthabern. Donaumonarchie, Preußen, Tschechoslowakei, Deutsches Reich. Die polnische Grenze hinter Píšť wurde etwa im Jahr 1920 willkürlich gesetzt, teilte Schlesien in einen polnischen und einen tschechischen Teil.

"Wir mussten in der Schule Deutsch lernen, zu Hause sollten wir auch deutsch sprechen", erinnert sich die 89-Jährige Berta Pacurová. Sie spricht noch Deutsch, so wie viele ältere Píšťer. "Die Mutti hat mit uns deutsch gesprochen, aber die Oma mährisch. Die konnte kein Deutsch."

"Unsere Wurzeln sind da"

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war zunächst alles Deutsche verpönt. Und alles Religiöse auch. Heute ist das anders, sagt der 29-jährige Historiker Jiří Neminář aus Píšť:

"Im Sudetenland findet man erst jetzt die Wurzeln und Gott sei Dank wird das Land wieder schöner. Und man repariert die Kirchen. Aber erst 70 Jahre nach dem Krieg." Jiří Neminář

Die Gemeinde in Píšť ist stolz auf ihre Wallfahrtskirche. Der Bischof hatte sie im Jahr 2002 insbesondere für Gebete für die Versöhnung zwischen den Völkern geweiht. Mit der Rückforderung der alten Kirchenglocke würden aber vielleicht alte Wunden aufgerissen.

Verbunden im Klang

Josef Boček (Mitte).

Josef Boček (Mitte).

Deshalb beschäftigt man sich auch mit der Geschichte von Sulz in Baden-Württemberg. Der Píšťer Pfarrer Petr Cernota hat herausgefunden, dass Sulz schon zwei Mal Glocken hat hergeben müssen. Die Gemeinde Píšť sieht es als Herausforderung, Gebeten für die Versöhnung auch Taten folgen zu lassen – ganz im Sinne der Idee der Völkerverständigung. Karl Boczek ist sich sicher, dass die alten Píšťer Kirchenglocken diese Idee transportieren und in Sulz verkörpern können.

Auch sein Vater Josef nimmt Abstand von seiner Idee, die Glocken zurückzuholen. Die Glocke wurde gegossen dazu, dass sie läutet und die Menschen zusammenführt zum Gebet, sagte er. "Sie sollen dort läuten, wo sie sind, denn wir haben unsere. Ich war deutscher Soldat und weiß nicht, wie viele Kameraden dort sind in Deutschland, die auch Katholiken sind. Dann sollen sie in Deutschland bleiben."

Entwurf der Gedenktafel.

Entwurf der Gedenktafel.

Die Gemeinde Píšť schreibt wieder einen Brief. Darin steht, dass die beiden Gemeinden verbunden seien durch den Klang der Glocken. Und dies auch über die Grenzen des Eisernen Vorhangs hinweg. Mit dem Bewusstsein dieser Geschichte hätten beide Gemeinden etwas gewonnen. Als Zeichen der Versöhnung werde auf die Rückgabe verzichtet. Eine Gedenktafel in zwei Sprachen wird angeregt.

Ungesehen und unbeantwortet

"Ich bin völlig überrascht gewesen über diese Kehrtwende", beschreibt Pfarrer Lokay in Baden-Württemberg seine Reaktion auf diesen Brief. "Die Kirchengemeinde dort hat aus denselben Gründen, aus denen wir die Glocke zurückgeben wollten, als Zeichen der Verständigung, der Versöhnung und des Friedens, uns die Glocke überlassen. Da haben wir uns sehr drüber gefreut."