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Die Nacht der Deutschen Einheit | BR24

© Eberhard Schellenberger/BR-Mainfranken
Bildrechte: picture-alliance/dpa

Die Deutsche Einheit wurde in der Nacht zum 3. Oktober 1990 von tausenden Menschen aus Südthüringen und Unterfranken in einem Festzelt am ehemaligen Grenzübergang Eußenhausen-Meiningen gefeiert. BR-Reporter Eberhard Schellenberger war damals dabei.

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Die Nacht der Deutschen Einheit

Die Deutsche Einheit wurde in der Nacht zum 3. Oktober 1990 von tausenden Menschen aus Südthüringen und Unterfranken in einem Festzelt am ehemaligen Grenzübergang Eußenhausen-Meiningen gefeiert. BR-Reporter Eberhard Schellenberger war damals dabei.

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Von
  • Eberhard Schellenberger

In der Nacht zum 3. Oktober 1990 wurde die Deutsche Einheit von tausenden Menschen aus Südthüringen und Unterfranken in einem Festzelt am ehemaligen Grenzübergang Eußenhausen-Meiningen gefeiert. Livereporter für den Bayerischen Rundfunk war Eberhard Schellenberger, der sich 30 Jahre später an die "Reportage seines Radioreporterlebens" erinnert.

Der Grenzübergang Eußenhausen-Meinigen ist oben auf der sogenannten Schanz, jahrzehntelang eine gottverlassene Gegend gewesen. Westdeutsche und ostdeutsche Grenzer saßen sich mit einem Kilometer Abstand gegenüber. Wachtürme, Sperranlagen, Metallgitterzaun und Minenfeld im Osten. Es war unser Grenzübergang, jahrelang bin ich ihn immer wieder gefahren, zum Beispiel auf dem Weg in Würzburgs Partnerstadt Suhl. Aussteigen, Kofferraum leeren, Rückbank des Autos raus, Spiegel unter das Fahrzeug.

© BR-Mainfranken/Hanns Friedrich
Bildrechte: BR-Mainfranken/Hanns Friedrich

ehemaliger Grenzübergang Eußenhausen

Euphorische Stimmung

2. Oktober 1990: Alles ist anders, die Grenze ist seit fast einem Jahr offen. Tausende sind an diesem Abend unterwegs zum Festzelt, das genau neben den jetzt nutzlosen Grenzabfertigungsanlagen steht. Deutsche aus Ost und West, eine euphorische Stimmung. Rhön-Grabfeld Landrat Fritz Steigerwald ergreift kurz vor Mitternacht das Wort: "Wir sind ein Volk. Wollen wir uns dieser Erkenntnis, wollen wir uns aber auch dieser hohen und moralisch nicht weg zu diskutierenden Verpflichtung über diesen Tag hinaus bewusst sein.“

Dann ergreift sein Thüringer Kollege Johannes Heß das Wort und ahnt schon, dass die wirkliche Deutsche Einheit Zeit braucht: "Die Mauern und Grenzen in der Natur sind gefallen. Setzen wir auch Alles daran, dass die Grenzen in den Köpfen auch verschwinden, bis in den letzten Kopf in beiden Teilen unseres Vaterlandes."

© BR Fernsehen
Bildrechte: BR Fernsehen

Am 03.10.1990 war durch den Beitritt der DDR zur BRD die Deutsche Einheit erreicht und die DDR Geschichte. Überall in Deutschland fanden große Einheitsfeiern statt, wie im früheren Grenzgebiet bei Eußenhausen, wo besonders intensiv gefeiert wurde.

Stunde der Einheit

Zweitausend Menschen haben im Festzelt Platz gefunden, etwa Zehntausend sind außerhalb des Zeltes und warten auf Mitternacht. Als Radioreporter will ich die Situation auf mich wirken lassen. Ohne Manuskript, einfach schildern was ist. Dann sind wir auf Sendung, mein Herz klopft mir bis zum Hals:

"In wenigen Augenblicken – draußen krachen schon die ersten Böller – will die Kapelle die Deutschlandhymne intonieren. Dann ist es 24 Uhr. Dann ist die Stunde der Deutschen Einheit da und sie wird ausgerechnet an diesem Fleck gefeiert, am ehemaligen Grenzübergang Eußenhausen-Meiningen. Dort wo so viele tausend, die hier durchgefahren sind, schikaniert wurden, kontrolliert wurden." Ausschnitt aus Eberhard Schellenbergers Radio-Reportage

Die Musiker greifen zu den Instrumenten. Alle Menschen erheben sich, die Deutschlandhymne erklingt. Mit meinem Mikrofon stehe ich jetzt mitten im Zelt, ich hebe es nach Oben, nur die Hymne soll jetzt im Radio erklingen. Mir laufen Tränen herunter. Was waren wir immer wütend, wenn wir uns bei Besuchen in der DDR von den Freunden verabschieden mussten. Und jetzt diese friedliche Revolution im Osten, ohne Blutvergießen. Weltgeschichte vor unserer Haustüre. Bei uns Unterfranken, die wir neben unseren Thüringer Nachbarn an der Trennungslinie der Machtblöcke saßen, auf dem Pulverfass, hier Nato, dort Warschauer Pakt.

Tränen und Umarmungen

Die Nationalhymne ist zu Ende, Jubel erklingt, Deutschlandrufe sind zu hören und ich muss jetzt weiterreden, obwohl es mir fast den Hals zuschnürt:

Den Menschen laufen hier die Tränen über die Wangen. Sie umarmen sich, sie küssen sich. Schwarz-rot- Goldene Fahnen werden geschwungen und ein großes Schild vorne mit der Aufschrift "Deutschland, friedlich Vaterland"

Die Deutschlandrufe mischen sich mit dem Rennsteiglied, dass jetzt von Thüringern wie Unterfranken begeistert angestimmt wird. Und gleich darauf das Frankenlied. Und ganz egal was danach kam, an Problemen und Herausforderung im Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten. Diese Nacht wird keiner vergessen, der vor 30 Jahren dabei war.

© BR Fernsehen
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Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 war für Fritz Schmitt von der bayerischen Grenzpolizei die letzte Nachtschicht. Am Grenzübergang Eußenhausen-Meiningen wollten die Kollegen mit Sekt auf seinen Ruhestand anstoßen. Doch dann kam alles anders.