BR24 Logo
BR24 Logo
Bayern

"Die Menschen, die im Mittelmeer ertrinken, sind Christus" | BR24

© BR

Rund 19.000 Menschen sind in den letzten fünf Jahren bei dem Versuch ertrunken, über das Mittelmeer Europa zu erreichen. Damit diese Toten nicht vergessen werden, fand heute in München ein ökumenischer Gottesdienst statt.

40
Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten
  • Artikel mit Video-Inhalten

"Die Menschen, die im Mittelmeer ertrinken, sind Christus"

Bei einem ökumenischen Gottesdienst im Münchner Liebfrauendom haben Deutschlands oberste Kirchenmänner der im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge gedacht. Kardinal Marx nannte es einen "Skandal", dass an den Grenzen zu Europa Menschen umkämen.

40
Per Mail sharen
Teilen

Die Spitzen der großen Kirchen in Deutschland haben bei einem ökumenischen Gottesdienst in der voll besetzten Münchner Frauenkirche ihre Solidarität mit privaten Seenotrettern bekundet. Sie dankten allen, die Menschen im Mittelmeer in sichere Häfen bringen oder sich auf andere Art für Flüchtlinge einsetzen.

Auf den Stufen vor dem Altar lag ein hölzerner Kahn, der die gefährliche Fahrt über das Mittelmeer symbolisierte. "Die Menschen, die im Mittelmeer ertrinken, sind Christus", sagte der Münchner Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz. Christus identifiziere sich "mit jedem, der Opfer wird".

Dass Menschen an der Grenze Europas weiterhin zu Tode kämen, sei ein "Skandal". Ein Gemeinwesen, das sich auf christliche Traditionen berufe, dürfe das nicht hinnehmen, sagte Marx unter dem Applaus der Gottesdienstbesucher. Zudem dürfe niemand in ein Land zurückgeschickt werden, in dem Tod, Unglück oder Vergewaltigung drohe. Dies seien Prüfsteine für eine Gesellschaft, die sich nach christlichen Werten ausrichte.

"Kirchen müssen Politiker in Verantwortung rufen"

Bayerns evangelischer Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm sagte, es sei gut, "Allianzen der Humanität" auch mit Nichtchristen zu bilden. Die Flüchtlinge würden durch Verzweiflung auf die lebensgefährlichen Boote getrieben, weil sie Gewalt und Hunger erlebt hätten, Willkür und Missbrauch ausgesetzt gewesen seien und in ihren Heimatländern keine Perspektive hätten.

Bedford-Strohm verteidigte die institutionelle Beteiligung seiner Kirche an der Seenotrettung.

"Wir müssen Politiker in die Verantwortung rufen und Menschen helfen, die in Lebensgefahr sind." Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland

Kreuz aus Planken eines gestrandeten Flüchtlingsschiffs

Mit Bischof Vasilios von Aristi stand auch ein hochrangiger griechisch-orthodoxer Christ mit am Altar. Der Penzberger Imam Benjamin Idriz stimmte im Dom ein islamisches Totengebet an.

Zu Beginn des Gottesdienstes waren die Geistlichen mit einem Kreuz in die Frauenkirche eingezogen, das aus Planken eines vor der italienischen Insel Lampedusa gestrandeten Flüchtlingsschiffs gefertigt worden war.

Namen von ertrunkenen Opfern verlesen

Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) starben von 2014 bis zum 9. Dezember 2019 mehr als 19.000 Menschen auf ihrer Flucht über das Mittelmeer.

Bereits am Vormittag hielten die Seenotrettungsvereine Sea-Eye und Resq-Ship eine Mahnwache ab, direkt vor dem Gottesdienst lasen im Dom Flüchtlinge die Namen von ertrunkenen Migranten vor - eine Stunde lang. Kapitän Sampo Wittmann, der ein Suchschiff im Mittelmeer steuert, hat schon viele Ertrinkende gerettet. Der Eindruck, dass weniger Menschen nach Europa kommen, dass weniger Opfer bei der Flucht über das Mittelmeer umkommen, trüge, sagte er.

Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth würdigte den Gottesdienst als "großartiges Zeichen". Es sei "gut und wichtig, dass die Kirchen jetzt lauter werden" und gerade auch Kardinal Marx sich mit Spenden und Predigten "in der Frage so exponiert". Die Behauptung, die private Seenotrettung sei schuld daran, dass Flüchtlinge kämen, nannte sie "Irrsinn". Eigentlich sei dies Aufgabe der Politik.

© BR/Friederike Weede

Bei einem ökumenischen Gottesdienst im Münchner Liebfrauendom haben Deutschlands oberste Kirchenmänner der im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge gedacht. Kardinal Marx nannte es einen "Skandal", dass an den Grenzen zu Europa Menschen umkämen.