Magersüchtig mit elf Jahren. Ihre Tochter wurde dünner und dünner, aber Maike H. bekam keinen Klinikplatz. Monatelang hat die Familie zuerst in ganz Bayern, dann deutschlandweit gesucht. Als die kleine Katja – die Namen von Mutter und Tochter haben wir zum Schutz der Familie geändert – so dünn war, dass schon ihr Herz und ihr Hirn Probleme hatten zu arbeiten, kam sie als Notfall in die Heckscher Klinik in München. Hier päppeln Ärzte und Pflegekräfte Katja nun seit gut vier Wochen auf.
Verzweifelte Klinikplatz-Suche: "Ich musste zuschauen, wie mein Kind verhungert"
Maike H. ist dankbar, dass die Heckscher Klinik ihre Tochter aufgenommen hat. Katja wäre sonst vermutlich gestorben. "Ihr Puls war schon so niedrig, es bestand die Gefahr, dass ihr Herz stehen bleibt", erzählt die 43-Jährige. Katja musste für einige Tage auf einer Matratze auf dem Boden schlafen. Die Familie macht der Klinik deswegen keinen Vorwurf, sondern hat Verständnis. Denn sie hat gesehen, wie die Ärzte und Pflegekräfte am Limit sind und alles tun, um ihren jungen Patientinnen und Patienten zu helfen. Dennoch ist die zweifache Mutter aus Oberbayern wütend auf das deutsche Gesundheitssystem: "Wenn man zuschauen muss, wie das eigene Kind verhungert! Man hat alles getan... man kann eigentlich nichts mehr tun... dann ist das einfach so unglaublich frustrierend."
Heckscher Klinik: 15 Notfälle mit suizidgefährdeten Kindern in 24 Stunden
Es gibt Tage in diesen Corona-Zeiten, da müssen der ärztliche Direktor Franz Joseph Freisleder und sein Team von der Heckscher Klinik in München spontan improvisieren. 15 Notfälle innerhalb von 24 Stunden hat es vor kurzem gegeben. Polizei, Notärzte und Familien bringen depressive, selbstmordgefährdete Kinder. Die Heckscher Klinik muss die Notfälle aufnehmen. Sie hat den Pflichtversorgungsauftrag für ganz Oberbayern.
Das Problem: alle 78 Betten sind schon belegt. Dann werden Kinder verlegt, früher als geplant entlassen und zusätzlich Matratzen in die Zimmer gelegt, berichtet Klinikchef Franz Joseph Freisleder. "Wie soll das sonst gehen? Wir müssen einfach irgendwie zurechtkommen." Eine derartige Krisensituation, die sich über so einen langen Zeitraum erstreckt, hätten er und seine Kollegen noch nie erlebt. Freisleder ist seit mehr als 35 Jahren als Kinder- und Jugendpsychiater tätig.
Kritik: Bayern fehlten seit langem Betten für psychisch kranke Kinder
Die akuten Notfälle hätten in Bayern zugenommen, bestätigt Marcel Romanos, Klinikchef in Würzburg und Vize-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (DGKJP). "Das löst eine hohe Belastung aus." Bayern habe grundsätzlich zu wenig Betten für psychisch erkrankte Kinder und Jugendliche, so die Kritik der Fachgesellschaft. Jetzt habe die vierte Corona-Welle die Situation noch verschlimmert.
Endres: Müssen sofort handeln
Die Situation sei untragbar, sagt auch die bayerische SPD-Chefin Ronja Endres. Bayern habe seit Jahren versäumt, die notwendige Infrastruktur zu schaffen. "Jetzt haben wir gerade bei den Schutzbedürftigsten lebensbedrohliche Zustände. Wir brauchen ein Sofortprogramm, das sowohl Containeranbauten zur Lösung des schieren Platzproblem vorsieht als auch ambulante Wohngruppen und andere ambulante Angebote, um erkrankte Kinder- und Jugendliche optimal nachbetreuen zu können."
Corona treibt bereits labile Kinder in psychische Erkrankungen
"Die Zahl der Notfälle hat seit Wochen enorm zugenommen", sagt Gerd Schulte-Körne, Chef der LMU-Kinder- und Jugendpsychiatrie. Auch seine Klinik ist voll – hier liegen ebenfalls Matratzen auf dem Boden.
Die jungen Patientinnen und Patienten erzählten Schulte-Körne, sie hätten wenig Hoffnung für ihre Zukunft. Das hätten sie in der Pandemie gelernt. "Sie wurden nicht gehört, standen nicht im Fokus des Interesses, im Gegenteil. Vieles mussten die jungen Menschen ausbaden", kritisiert der Kinder- und Jugendpsychiater. Wenn ein Kind dann keine Ressourcen habe, keine Unterstützung erfahre, zum Beispiel in der Familie, dann ginge es den Kindern und Jugendlichen wirklich schlecht, so Gerd Schulte-Körne.
Forderung im Interesse der kranken Kinder: Mehr Impfen und Schulen geöffnet lassen
Neben Betten fehle auch das Fachpersonal in Bayerns Kinder- und Jugendpsychiatrien, klagen die Experten. Es habe dazu gerade wieder Gespräche mit dem Gesundheitsministerium gegeben, aber auch die Politik könne eben nicht zaubern. "Es wird höchste Zeit, dass wir die Krise überwinden – im Interesse der Kinder und Jugendlichen", fordert der Chef der Heckscher Klinik Franz Joseph Freisleder. Die Lösung jetzt sei, die Impfquote zu erhöhen. Denn so helfe man auch den psychisch kranken Kindern. Wenn die Pandemie überwunden werde, etwas Ruhe und Alltag in die Familien und Schulen komme, dann würden auch die Kinder wieder Struktur finden. "Das sind in Summe die krankmachenden Faktoren. Dazu kommen die gereizten Eltern."
Neue Ampelkoalition will psychiatrische Notfall- und Krisenversorgung ausbauen
Franz Joseph Freisleder und seine Kolleginnen und Kollegen leiden mit den Kindern und Jugendlichen. "Wenn sich die angespannte Lage nicht bald beruhigt, dann schwant mir Übles für die weitere psychische Entwicklung der Kinder und Jugendlichen", so der 65-Jährige. Die neue Ampelkoalition in Berlin hat sich auch beim Thema Kinder- und Jugendpsychiatrie einiges vorgenommen. So soll laut Koalitionsvertrag die psychiatrische Notfall- und Krisenversorgung flächendeckend ausgebaut werden und die psychotherapeutische Bedarfsplanung reformiert werden. Aber das wird dauern.
Mutter: "Familien mit psychisch kranken Kindern nicht stigmatisieren"
Die elfjährige Katja wird noch ein paar Wochen in der Klinik bleiben müssen. Bis sich ihr Zustand stabilisiert hat und sie dann in eine Spezialklink für Magersüchtige kommt. Mutter Maike wünscht sich unterdessen mehr Verständnis für psychisch kranke Kinder und ihre Familien. "Man fühlt sich als Familie mit einem psychisch kranken Kind viel schuldiger als Familien mit einem körperlich kranken Kind. Wenn ich in die Klinik komme, dann sehe ich förmlich die Blicke: Oh, da habt ihr versagt."
Ihr Rat an alle betroffenen Familien: so früh wie möglich Hilfe suchen. Die Wartezeiten sind einfach zu lang – sie können lebensgefährlich lang sein.
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