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Die Gams auf der Vorwarnliste: Neuer Streit um Abschuss | BR24

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Seit Jahren streiten Naturfreunde, Förster und Tierschützer, ob die Gams in den Bayerischen Alpen genug Lebensraum hat. Das größte Problem: Niemand weiß genau, wie viele Gämsen in Bayern leben. Ein Forschungsprojekt soll Klarheit bringen.

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Die Gams auf der Vorwarnliste: Neuer Streit um Abschuss

Die Gams steht seit Oktober auf der Vorwarnliste der Roten Liste des Bundesamts für Naturschutz. Aber ist sie wirklich gefährdet? Tierschützer beklagen das schon lange, doch Förster, Jagdbehörden und Wildtierbiologen sehen das zum Teil anders.

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Von
  • Theresa Krinninger

Im Oktober hat das Bundesamt für Naturschutz (BfN) erstmals seit zehn Jahren wieder eine aktualisierte Fassung der Roten Liste herausgegeben. Seitdem steht auch die wilde Bergziege Gams auf der Liste, allerdings zunächst 'nur' auf der Vorwarnliste. Diese Neuigkeit hat in Bayern aber erneut Diskussionen entfacht.

Tierschützer sehen die neue Einstufung der Gams als Bestätigung für ihre Argumente. Seit Jahren kritisieren sie die gebietsweise sehr hohen Abschusszahlen der Gämsen. Sie behaupten, für die Tiere sei es schon fast zu spät, in manchen Bergregionen Bayerns seien sie bereits vom Aussterben bedroht. Christine Miller ist Vorsitzende beim Wildtierschutzverein "Wildes Bayern". Sie versteht sich als Botschafterin der Gams. Ihrer Meinung nach findet das Tier kaum mehr Rückzugsorte.

Besonders im Staatsforst, auf Berghängen oder sogenannten Sanierungsflächen gelte der Grundsatz Wald vor Wild. "An solchen Hängen, wo die Gämsen im Winter stehen müssen, um Futter zu finden, werden sie regelrecht niedergeknallt", sagt Miller im BR-Interview. Auch andere Jäger und Tierschützer befürchten, dass die Gämsen in manchen Regionen Bayerns bald ausgerottet sein werden.

Tierschützer starten Petition

Der Verein "Wildes Bayern" hatte bereits vor der Einstufung des BfN die Gams zum Politikum gemacht und bereits im Frühjahr eine Petition gestartet. Die Tierschützer fordern unter anderem die Jagd auf die Gams komplett zu stoppen, bis es mehr Wissen darüber gibt, wie viele Tiere denn tatsächlich in Bayern leben. Mehr als 22.000 Personen haben die Petition unterschrieben, die direkt an Ministerpräsident Markus Söder gerichtet ist.

Doch die Jagdbehörden, die Bayerischen Staatsforsten und Wildtierbiologen sehen das anders. Anhand der Abschusszahlen, die seit etwa zehn Jahren relativ konstant blieben, könne man ablesen, dass die Population in Bayern stabil sei.

Intensive Jagd vs. Ruhezonen

In Schutzwaldgebieten und auf sogenannten Sanierungsflächen, wo Straßen, Brücken und Siedlungen vor Lawinen und Steinschlag geschützt werden müssen, werde zwar intensiv gejagt, "aber nicht zu Lasten der Gamspopulation selbst, sondern zu Lasten ihrer räumlichen Verteilung", sagt Forstbetriebsleiter Daniel Müller in Berchtesgaden. Der intensive Jagddruck und die damit verbundenen Vergrämungsabschüsse sollen die Gämsen in andere Gebiete vertreiben, wo sie ungestört leben können, so das Argument der Forst- und Jagdbehörden.

Nach Hochrechnungen von Experten und Wissenschaftlern liegt die Gesamtpopulation im bayerischen Alpenraum zwischen 16.000 und 20.000 Tieren. Zweifellos ist die Gams im Vergleich zu anderen Wildarten eine seltene Tierart. Aber auch die Autoren der Roten Liste beim BfN bestätigen: Kurz- und langfristige Trends über 25 und 150 Jahre gäben keinen Anlass zur Sorge, die Gamspopulation bleibe stabil.

Neue Bedrohungen: Klimawandel und Tourismus

Aber es gibt auch Risiken für die wilde Bergziege und die fließen in die Bewertung des BfN mit ein. Zum einen schränken der Klimawandel und der steigende Bergtourismus den Gamslebensraum zunehmend ein. Hinzu kommt die intensive Bejagung in Schutzwaldgebieten. Dies kombiniert mit der Seltenheit der Gams führt den Autoren der Roten Liste zufolge automatisch zur Vorwarnstufe.

Das größte Problem: Niemand weiß genau, wie viele Gämsen es in Bayern gibt. Es gibt keine flächendeckenden Analysen zur Gamspopulation in Bayern, nur vereinzelte wissenschaftlichen Studien. An der Technischen Universität München forschen Wildtierbiologen seit vielen Jahren zur Bestandsentwicklung im Allgäu. An der Kampenwand und im Karwendel untersuchen Wissenschaftler der Bayerischen Landesanstalt für Wald- und Forstwirtschaft seit 2016 Fragen zur Populationsgröße- und Zusammensetzung. 2022 sollen Ergebnisse vorliegen. Für das Projektgebiet im Karwendel ist aber schon jetzt klar: Der berechnete Bestand mit mehr als 600 Gämsen ist stabil.

Tierschützer fordern groß angelegtes Monitoring

Für die Tierschützerin Christine Miller sind solche Insel-Forschungsprojekte nicht ausreichend, um Gämsen nachhaltig schützen zu können. Sie fordert deshalb unabhängige und umfassende Analysen, "die nicht nur vom Forstministerium in Auftrag und von Forstbeamten umgesetzt werden", sagt Miller. Der Tierschutzverein "Wildes Bayern“ und die Deutsche Wildtierstiftung betreuen unabhängig davon eigene Zählungen und Studien, etwa in der Kürnach im Oberallgäu.

Anfang Dezember hat Forstwirtschaftsministerien Michaela Kaniber ein weiteres Forschungsprojekt an der Landesanstalt für Wald- und Forstwirtschaft zu Fragen der genetischen Vielfalt und räumlichen Verteilung angekündigt. Es ist ein Versuch, weitere Fakten für eine sachliche Diskussion zu liefern.

Der Wildtierbiologe Johannes Lang, einer der Autoren der Roten Liste am Bundesamt für Naturschutz, hätte nicht gedacht, dass die neue Einstufung auf die Vorwarnliste für so viel Aufregung sorgt. "Die Rote Liste ist kein politisches Instrument, sondern eine Bestandsaufnahme", betont er im Gespräch mit dem BR. Aber wenn dadurch die Gams wieder stärker ins Bewusstsein rücke, dann könne das nur gut sein. Und vielleicht wisse man dann bei der nächsten Aktualisierung in zehn Jahren, dass es der Gams besser gehe, als bisher vermutet.

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