Die Einzelkämpfer: Im Alleingang in den Bundestag?

Die Einzelkämpfer: Im Alleingang in den Bundestag?

Bildrechte: Jürgen P. Lang / BR
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    Die Einzelkämpfer: Im Alleingang in den Bundestag?

    Die Einzelkämpfer: Im Alleingang in den Bundestag?

    Das hat seit 1949 niemand geschafft - als unabhängiger Direktkandidat in den Bundestag einzuziehen. Trotzdem wollen es auch dieses Mal einige wissen. Bayerische Einzelkämpfer: Welche Motive und Erwartungen haben sie? Wie bestreiten sie den Wahlkampf?

    Der normale Weg in den Bundestag führt über eine Partei. Die Kandidaten stehen auf den Listen oder werden von einer Partei als Direktkandidat in einem Wahlkreis nominiert. Einzelbewerber sind die Ausnahme und waren bislang ohne Erfolg - sieht man von der ersten Bundestagswahl 1949 ab. Lange her.

    1949 schafften es drei

    Damals schlugen die Parteilosen Eduard Edert, Franz Ott und Richard Freudenberg die Konkurrenz in ihrem Wahlkreis jeweils deutlich. Allerdings: Auf Edert hatten sich CDU, DP und FDP verständigt. Und Ott trat quasi für die Partei der Heimatvertriebenen an. Lupenreine Soli waren das also nicht.

    Vorbild Freudenberg

    Nur Richard Freudenberg war in Mannheim (fast) ohne Parteien-Backup in den Bundestag eingezogen. Die FDP hatte allerdings zu seinen Gunsten auf einen eigenen Wahlkreis-Kandidaten verzichtet. Freudenberg ist Vorbild von Michael Kaiser, der 2021, 72 Jahre später, im Wahlkreis Bad Kissingen auf eigene Faust antritt. Wie damals Freudenberg befürwortet heute Kaiser die Mehrheitswahl und kritisiert das System der Parteienlisten.

    💡 Phänomen Einzelkämpfer

    Nach 1949 gelang der Einzug in den Bundestag keinem Einzelbewerber mehr. Direktkandidaten ohne Partei oder Wählervereinigung im Rücken, auf die wir uns hier konzentrieren, waren vor 1990 dünn gesät. Von 1949 abgesehen, erreichten die unabhängigen Kandidaten im Jahr 1976 einen Höchststand - mit gerade einmal 17. Mit der Wiedervereinigung wuchs die Zahl der Wahlkreise. Die Einzelkämpfer vermehrten sich nach der Wende dann überproportional. 83 waren es im Rekordjahr 2009. Formal betrachtet wären es damals sogar 166 Einzelbewerber gewesen - allerdings traten davon 73 Frauen und Männer für Wählervereinigungen an.

    Bayerische Solisten

    Heuer ließen die Behörden allein in Bayern 28 sogenannte Einzelkandidaturen zur Bundestagswahl zu, unter ihnen vier, die für die "Aktion Bürger für Gerechtigkeit" (Augsburg-Stadt und Oberallgäu), die "Internationalistische Linke" (Augsburg-Land) oder die "Klimaliste" (Erlangen) ins Rennen gehen. Das ist eine relativ hohe Zahl, die auch mit der Lockerung des Wahlrechts in der Corona-Pandemie zusammenhängen dürfte. Denn nur noch 50 Unterschriften musste jeder und jede im Wahlkreis sammeln, um zu einer Kandidatur ohne Partei zugelassen zu werden. 200 sind normalerweise erforderlich - ohnehin eine eher kleine Hürde.

    Idealismus, Sportsgeist, Aufmerksamkeit

    Warum eine Kandidatur, die mit Blick auf die Geschichte aussichtslos erscheinen muss? Einige wie Oskar Sommerfeldt (München-West/MItte) treibt Idealismus an. Er sei sehr stark an der Demokratie interessiert und möchte sie festigen.

    Im Wahlkreis Weiden hat es Konrad Dippel 2017 geschafft, 12.000 Erststimmen zu gewinnen, was einem Anteil von 9,3 Prozent entsprach. Das möchte er heuer wiederholen. Ein eher bescheidenes Motiv treibt demgegenüber den 81-jährigen Rüdiger Kalupner (Erlangen) an. Er will durch seine Kandidatur Bekanntheit erlangen. Udo Schlot (Roth) ist voll bewusst, dass es nicht einfach ist, in den Bundestag einzuziehen. Durch seine Kandidatur soll eine neue Partei entstehen.

    Markus Eppel (Nürnberg-Nord) hat ein Vorbild, den Bundestagsabgeordneten Marco Bülow. Der trat 2018 nach 16-jähriger Mitgliedschaft aus der SPD aus. Bülows Erfahrungen als fraktionsloser Bundestagsabgeordneter beeindruckten Eppel.

    Junge Kandidaten wollen es wissen

    Auch junge Menschen treten als Unabhängige an. Martin Christoph Löhnert (Hof) ist erst 21. Früher war er in der FDP. Die Politik bestimme weitgehend, wie die Welt in Zukunft aussehen soll, sagt er. Da sei es nur konsequent, über die Welt der Zukunft mitzuentscheiden und sich einzubringen. Önder-Vedat Dönmez (München-West/Mitte) möchte

    "als junger Mensch Politik machen und nicht nur darüber nachdenken und warten, bis jemand anderes etwas macht."

    Zwischen Selbstbewusstsein und Verdruss

    Wer den Weg über eine starke Partei wählt, hat als Direktkandidat größere Chancen, in den Bundestag einzuziehen - vorausgesetzt, man wird als Kandidat aufgestellt. Das aber hat man nicht komplett selbst in der Hand. Viele Einzelgänger betonen gerade die persönliche Eigenständigkeit oder geben an, sie könnten sich mit keiner Partei identifizieren.

    Daniel Langhans (Neu-Ulm) möchte sich nicht einem Partei- oder Fraktionszwang unterwerfen, der auch Gerhard Pettenkofer (Landshut) abschreckt. Das ehemalige SPD-Mitglied Ediz Sirin (Augsburg-Stadt) will nur den Bürgern aus seinem Wahlkreis und seinem Gewissen verpflichtet sein - keiner Parteilinie. In Parteien bestimme der Vorstand zu viel. Ähnlich Ralf Lembach (Aschaffenburg):

    "Eine Partei wäre für mich nur ein Kompromiss meiner politischen Ansichten".

    Einen Einzug in den Bundestag erwartet er nicht, aber er möchte durch die Direktwahl seinen Wunsch nach einer besseren Demokratie ausdrücken. Felicitas Englisch (Traunstein) wiederum sieht in der Kandidatur die einzige Möglichkeit, sich politisch zu engagieren. Dennoch seien Parteien "absolut wichtig" für die Demokratie. Ricard Ryssel (Weilheim) schreibt auf seiner Website, er wolle einen Gegenpol zu der momentan allmächtigen Parteienpolitik schaffen.

    Andere argumentieren fundamentalistischer. Nikolaus Gradl (Amberg) sagt, er sei generell enttäuscht vom Staat und seinen Institutionen - und auch von den Parteien. Helmut Bauer (Weiden) ist nach 20 Jahren aus der CSU ausgetreten und möchte nun das Parteiensystem gleich ganz abschaffen.

    "Jetzt mal Stifte bestellt": Wahlkampf auf Sparflamme

    "Mein Wahlkampf ist mehr als spärlich", sagt Udo Schlot (Roth). Die große Werbetrommel kann kaum ein Einzelkämpfer rühren. Mehr als "Wahlkampf auf der Straße oder im täglichen Leben" (Horst Schürer, Würzburg) ist meistens nicht drin. Adam Kunstmann (Erlangen) sagt, er mache Wahlkampf mit Mundpropaganda. Geld für mehr habe er nicht. Gerhard Pettenkofer stellt sich in seinem Wahlkreis auf Markplätze und vor Rathäuser. Einige machen bei Vereinigungen mit, die Direktkandidaten Unterstützung anbieten. Die ganz großen Sprünge kann man aber auch damit nicht machen. Martin Christoph Löhnert hat "jetzt mal Stifte bestellt". Wie er sie verteilt, weiß er noch nicht.

    Es verwundert nicht, dass nur wenige bayerische Einzelkämpfer plakatieren. Thomas Knott (Straubing) lässt Flyer drucken, die er an Haushalte verteilt. Im Wahlkreis München-Ost fällt Simon Klopstock mit einer großen Plakatpräsenz auf. Das verleihe Ernsthaftigkeit, versichert er. Über die Sozialen Medien will der 23-Jährige junge Wähler und Wählerinnen erreichen. Auch der Nürnberger Markus Eppel setzt auf Twitter und klebt Plakate - eigenfinanziert, wie er betont. Und der Regensburger Aktionskünstler Jakob Friedl malt seine Plakatwände gleich selbst.

    Von Robert Manz (Landshut), Karl Hilz (München-Nord) und Andreas Roensch (Bamberg) erhielten wir bis zur Fertigstellung dieses Artikels keine Antwort auf unsere Anfragen.

    Kostenerstattung winkt, aber die Hürden sind hoch

    Unabhängige Wahlkreisbewerber können sich ihre Wahlkampfkosten vom Staat kompensieren lassen. Laut Bundeswahlgesetz

    "erhalten Direktkandidaten, die [...] in ihrem Wahlkreis mindestens zehn Prozent der abgegebenen gültigen Erststimmen errungen haben, für jede auf sie entfallende gültige Erststimme 2,80 Euro."

    Die Erstattung erfolgt nicht automatisch, sondern muss innerhalb von zwei Monaten nach Konstituierung des Bundestags beim Parlamentspräsidenten beantragt werden.

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