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BR-Interview: "Die Domspatzen waren eine totale Institution" | BR24

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Sie sind einer der ältesten und berühmtesten Knabenchöre der Welt: die Regensburger Domspatzen. Gleichzeitig steht der Name wie kaum ein anderer für den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche. Teil 1 einer zweiteiligen Dokumentation.

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BR-Interview: "Die Domspatzen waren eine totale Institution"

Die Domspatzen waren auf Autorität und Gehorsam ausgelegt: Das sagen die Historiker Frings und Löffler. Sie haben die Geschichte des Knabenchors 1995 erforscht – als Teil der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals. Das Dok-Thema heute im BR Fernsehen.

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Zwei Historiker aus Regensburg haben nun eine Studie herausgegeben, die den Misshandlungs- und Missbrauchsskandal bei den Regensburger Domspatzen historisch betrachtet und einordnet. Der Titel ihrer Aufarbeitung lautet: "Der Chor zuerst". Bernhard Frings und Berhard Löffler sprechen im BR-Interview von dem unglaublichen Druck bei den Domspatzen und den Mechanismen, die den Missbrauch erst ermöglichten.

Als der Auftrag zur historischen Studie über die Vergangenheit bei den Domspatzen an Sie herangetragen wurde: Haben Sie da angesichts der langen und kontroversen Aufarbeitungs-Geschichte gezögert?

Bernhard Löffler: "Ich habe zunächst gedacht: Um Himmels Willen. Ich habe lange nachgedacht, mich besprochen und auch abgewogen. Aber die Zusammenarbeit mit dem Auftraggeber, der Diözese Regensburg, war sehr unbürokratisch. Wir hatten einen freien Zugang etwa zu Personalakten, Protokollen von Kuratoriumssitzungen und den Berichten zu den Missbrauchstaten – immer unter strikter Wahrung der Rechte Dritter. Wir haben in großer Freiheit geforscht. Gerade wegen des uneingeschränkten Aktenzugangs sehen manche die Studie auch als Türöffner für weitere Arbeiten."

Sie haben jetzt nahezu drei Jahre lang die Geschichte der Domspatzen aufgearbeitet. Vorher hatten Sie schon mit dem Thema Heimerziehung zu tun. Sind die Taten vergleichbar?

Bernhard Frings: "Die Art der Gewalt war vergleichbar mit dem, was in Heimen passiert ist. Und natürlich handelt es sich bei Internaten wie bei den Domspatzen um Einrichtungen, in denen Kinder und Jugendliche 24 Stunden lang betreut wurden. Der große Unterschied ist, dass die Heimkinder dorthin eingewiesen waren. Bei den Domspatzen waren die Betroffenen mehr oder weniger freiwillig dort und oftmals Gymnasiasten. Ich war daher schon überrascht, dass in diesem Bereich auch derartige Dinge in dem Ausmaß haben passieren können."

Sie sprechen mit Blick auf die Domspatzen von einer "totalen Institution". Was meinen Sie damit?

Löffler: "Gerade die Vorschule in Etterzhausen hat alle Lebensbereiche der Schüler gesteuert und kontrolliert, dort waren die Kinder den Erziehenden weitgehend ausgeliefert. Die Täter haben in einem von außen schwer zu kontrollierenden System agiert. Der frühere Domkapellmeister Theobald Schrems hat es bewusst intransparent konstruiert, mit unklaren Verantwortlichkeitsstrukturen."

Was haben Sie zu den Verantwortlichen herausgefunden?

Frings: "Viele der geistlichen Erzieher bei den Domspatzen waren selbst in Internaten, in den sogenannten Studienseminaren, meist auf Empfehlung des Ortsgeistlichen. Dort war die Tagesordnung stark auf Autorität und Gehorsam ausgerichtet. Diese Prägung haben sie dann auf die Erziehungsarbeit bei den Domspatzen übertragen. Dazu kommt: Fast alle dieser Präfekten bis in die 1960er Jahre waren Kriegsteilnehmer und haben dort Erfahrungen gemacht, die sie natürlich auch begleitet haben."

Sie nennen Ihre Studie "Der Chor zuerst". Welche konkreten Auswirkungen hatte das?

Frings: "Es gab einen unglaublich großen Druck. Denn neben der hochwertigen chorischen Ausbildung mussten die Sänger ja auch noch eine Gymnasialausbildung absolvieren. Nicht umsonst ist ein großer Teil der Jahrgänge nicht bis zum Abitur gelangt."

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Bernhard Löffler

Wie hat sich das ausgewirkt?

Frings: "Es gab Anfang der 1990er Jahre eine Abiturfeier, bei der der Schülersprecher in seiner Rede davon sprach, dass sie nur 'Singfleisch' gewesen seien. Daraufhin hat der Schulleiter die Feier offenbar abgebrochen. Danach gab es eine Debatte, auch unter den Eltern. Der damalige Domkapellmeister Georg Ratzinger schrieb später an die Abiturienten, dass es bei einem Elitechor eine gewisse Disziplin brauche und dazu gehörten manchmal auch Blitz und Donner."

Wie würden Sie Georg Ratzinger charakterisieren?

Frings: "Ratzinger war sicherlich explosiv, zum Teil jähzornig, vor allem in seinen Anfangsjahren als Domkapellmeister bis Mitte der 70er Jahre, als er sich einem starken Konkurrenzdruck gegenübersah. Später dann, in der Phase nach 1975, legte er ein Stück weit Altersweisheit an den Tag."

Haben Sie auch eine Antwort auf die Frage gefunden, wieso die Taten erst im Jahr 2010 und damit Jahrzehnte später öffentlich wurden?

Löffler: "Ich nenne es eine Geschichte der ausbleibenden Skandale. Immer wieder standen Verantwortliche vor Gericht oder Ehemalige berichteten in Zeitungsartikeln über die Gewalt. Doch viele, auch Verantwortliche in Politik und Gesellschaft, haben die Regensburger Domspatzen im lokalen, aber auch im bayerischen Kontext als ein großes bayerisches Kulturgut, als Exportschlager, als Markenzeichen gesehen, das man auch touristisch vermarkten konnte. Das wollte man nicht kaputt machen. Da hat man Affären und Eklats still und leise bereinigen wollen: Man spricht mit den Eltern, dass sie ihre Kinder von der Schule nehmen, ohne es an die große Glocke zu hängen."

Welche Schlüsse müssen die Verantwortlichen nun aus Ihrer Studie ziehen?

Löffler: "Ich habe schon das Gefühl, dass im Bistum Regensburg auf äußeren Druck hin damit begonnen wird bzw. seit 2015/16 wurde, die Vorgänge einigermaßen offen aufzuarbeiten. Die Ergebnisse der verschiedenen Studien zu den Missbrauchstaten werden etwa dazu genutzt, die Präventionsarbeit zu verbessern. Wenn man solche Taten so gut wie möglich verhindern will, muss man aber natürlich auch künftig die Strukturen transparent und kontrollierbar gestalten. Intransparente Strukturen bieten Anonymitätsfugen für Gewalttäter."

Die Studie von Bernhard Frings und Bernhard Löffler ist als Buch unter dem Titel "Der Chor zuerst. Institutionelle Strukturen und erzieherische Praxis der Regensburger Domspatzen 1945 bis 1995" beim Verlag Friedrich Pustet erschienen und kostet 24,95 Euro. Ebenfalls in dem Verlag erschienen ist bereits im Jahr 2017 eine Studie zur NS-Vergangenheit der Domspatzen unter dem Titel "Die Regensburger Domspatzen im Nationalsozialismus. Singen zwischen Katholischer Kirche und NS-Staat", geschrieben von Roman Smolorz. Das Buch kostet 22 Euro.
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Bernhard Frings