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Befreiung des KZ Flossenbürg: Gedenkakt unter widrigen Umständen | BR24

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Originalfoto: Ein KZ-Aufseher überwacht Zwangsarbeiter im Steinbruch Flossenbürg

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Befreiung des KZ Flossenbürg: Gedenkakt unter widrigen Umständen

Nur wenige ehemalige Häftlinge der bayerischen Konzentrationslager sind noch am Leben, und auch sie und ihre Familien müssen dem Gedenkakt wegen Corona fernbleiben - schon zum zweiten Mal. BR24 erinnert an die Befreiung der KZ Flossenbürg und Dachau.

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Von
  • Ernst Eisenbichler
  • Michael Kubitza

Schwere Zeiten - auch für die bayerischen KZ-Gedenkstätten: in Flossenbürg verfallen Gebäude oder stürzen sogar ein, die Gedenkstätte Dachau ist in Geldnot. Und nachdem das öffentliche Interesse über die Jahre wieder deutlich gestiegen war, kamen zuletzt wegen Corona nur noch wenige Besucher.

Auch die Gedenkfeier zum 76. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg am 25. April muss in kleinem Kreis stattfinden. Wie schon im vergangenen Jahr können die Überlebenden und ihre Familien corona-bedingt nicht teilnehmen, wie Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit bedauert. Immerhin: Beim Gedenkakt wird Staatsministerin Kerstin Schreyer (CSU) auch über die künftigen Entwicklungen auf dem Areal des ehemaligen KZ-Steinbruchs sprechen.

In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs hoffen die Häftlinge der Konzentrationslager Flossenbürg und Dachau auf ihre Befreiung durch die US-Army. Doch die bayerischen Konzentrationslager gehören zu den letzten, die die alliierten Truppen erreichen. Schon vorher räumen die Nationalsozialisten die Lager, treiben Gefangene auf Todesmärsche oder überlassen sie vor Ort ihrem Schicksal. Für die Wartenden beginnt ein Wettlauf mit der Zeit.

Wettlauf zwischen Krankheit und Krieg

Von Nordwest nach Südost arbeiten sich die alliierten Truppen voran. Erst Ende April 1945 erreichen die Amerikaner Dachau und Flossenbürg.

"Wir haben Dachau gesehen. Jetzt wissen wir, wofür wir kämpften" Schlagzeile des Nachrichtenblatts der 45. US-Infanteriedivision.

Die Gefangenen sind auf engstem Raum zusammengepfercht. Sie leiden unter unvorstellbar unhygienischen Verhältnissen. Im Lager Flossenbürg breitet sich 1944 außerdem Typhus aus. Durch Überstellung von Häftlingen ins KZ Dachau wird die Seuche im Dezember auch dort eingeschleppt. Bis Kriegsende sterben allein im Lager Dachau 15.000 Menschen an Typhus - von anderen Krankheiten, Hunger und Auszehrung nicht zu reden.

© Bild: National Archives Washington / KZ-Gedenkstätte Flossenbürg
Bildrechte: Bild: National Archives Washington / KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

KZ Flossenbürg: An der Ruhr erkrankte Häftlinge nach der Befreiung

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Nach der Befreiung des KZ Dachau am 30. April 1945 finden US-Soldaten die Leichen vieler ermordeter Häftlinge.

Programmtipp:

In einem fünfteiligen Podcast von Bayern 2 erzählen wir die Geschichten von Menschen, die die Befreiung damals miterlebt haben: Häftlinge, Soldaten und auch Journalisten oder Mitarbeiter des Internationalen Roten Kreuzes. Einige der Betroffenen waren zu diesem Zeitpunkt noch Teenager.

>>>Zum Podcast

Das Grauen in den Außenlagern

In den Außenlagern, in denen die Nazis Häftlinge als Zwangsarbeiter in der Rüstungsproduktion einsetzten, waren die Lebens- und Arbeitsbedingungen noch härter als in den KZs. Besonders berüchtigt war das Lager Kaufering bei Landsberg. Dort kamen im letzten Kriegsjahr mehr als 10.000 Menschen um, fast alle ungarische und polnische Juden. In den unterirdischen Stollensystemen des KZ Hersbruck, einem Flossenbürger Außenlager, starben zwischen dem Frühjahr 1944 und 1945 etwa 4.000 Häftlinge. Etwas besser ging es den Zwangsarbeitern im "geheimen Waldwerk" Burgau, wo eine ominöse Wunderwaffe gebaut werden sollte.

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Die gewölbten, mit Gras bewachsenen Erdbaracken in Kaufering gelten als die letzten im Original erhaltenen KZ-Häftlingsunterkünfte in der Bundesrepublik.

Web-Tipps:

Am 23. April um 10.50 Uhr - also genau 76 Jahre nach der Befreiung - wird die Webseite "Weiterleben" freigeschaltet. Acht Kurzfilme berichten vom Leben der Überlebenden nach der KZ-Haft: es seien Geschichten von Trauma und Schuldgefühlen, von Verlust und Neuanfang, Verwundung und Genesung sowie Bezeugen und Schweigen", so die Initiatoren des Projekts.

>>> Zur Projekt-Site (online ab 23. April)

Unter dem Titel "Strukturen der Vernichtung" präsentierte der Münchner Fotograf Rainer Viertlböck in Flossenbürg 2020 eine Fotoausstellung über das Lagersystem. Im Netz sind die Bilder weiter zu sehen.

>>>Zur Ausstellung

Mehr zu Rainer Viertlböck in unserem Dossier Klick! Fotografen erzählen

Bangen und Hoffen auf die Amerikaner

In den letzten fünf Kriegsmonaten verschärfte sich die Situation in den Lagern Dachau und Flossenbürg durch hoffnungslose Überbelegung. Tausende Häftlinge waren von anderen KZs wegen des Vormarsches der Alliierten hierher transportiert worden. In manchen "Stuben" mussten 600 statt wie vorgesehen 60 Gefangene hausen.

Einzige Hoffnung war die Befreiung durch die Amerikaner, die Mitte April 1945 nicht mehr weit vor den Toren der KZs standen. In Dachau hatte das subversiv agierende Internationale Häftlingskomitee ein geheimes Informationssystem aufgebaut. Spätestens Ende März, als der US-Armee die Rhein-Überquerung gelang, ahnten viele, dass der Kollaps des NS-Regimes nur noch eine Frage der Zeit war. Doch zugleich machten Gerüchte die Runde, die SS plane Massenexekutionen in letzter Minute. Besonders für die vielen Todkranken begann ein Wettlauf gegen die Zeit.

23. April: Die Befreiung von Flossenbürg

Die 90. Infanterie-Division der US-Streitkräfte erreicht Flossenbürg am 23. April 1945. Zuvor - von 17. bis 20. April - hatten dort die SS-Wachmannschaften das Lager evakuiert. Zunächst pferchten sie mehrere tausend Häftlinge in Güterwaggons. Der erste dieser Eisenbahntransporte nach Dachau ging am 17. April ab. Am 19. und 20. April mussten sich 16.000 Häftlinge des Stammlagers zu Fuß auf den Weg machen - die berüchtigten Todesmärsche.

Einer der Befreier ist der GI Vernon Schmidt, damals 19 Jahre alt. Schon der Weg zum KZ verursacht ihm, wie er heute berichtet, Albträume, die er lange nicht in den Griff zu bekommt.

"Zuerst haben wir die Toten gesehen. Wir haben die Leichen gesehen, nur teilweise begraben, da schaute mal ein Arm heraus oder ein Bein. Dann gingen wir weiter, dann waren wir in Stamsried, Schwarzenfeld, Schwandorf und bald kamen Menschen aus den Wäldern und einer sagte: Du bist mein Befreier." Vernon Schmidt

Die Soldaten können das Stammlager kampflos einnehmen - die SS hat sich bereits aus dem Staub gemacht. Anfang April 1945 waren in Flossenbürg und den dazugehörigen 100 Außenlagern noch etwa 50.000 Gefangene inhaftiert gewesen. Jetzt finden die US-Soldaten nur noch 1.600 zurückgelassene Häftlinge vor. Die meist schwer Kranken kämpften ums Überleben, für viele jedoch kommt die Rettung zu spät. Sie erleben die wieder gewonnene Freiheit nur für ein paar Stunden oder Tage.

29. April: Die Befreiung Dachaus

Ende April kann man im Lager Dachau den nahenden Geschützdonner der US-Panzer hören. Am 26. April flüchtet der Lagerkommandant. Am 29. April 1945 erhält Colonel Felix Sparks von der 45. Infanterie-Division der 7. US-Armee den Marschbefehl zur Befreiung von Dachau. Noch am selben Tag rückt die Einheit in das Konzentrationslager ein. Die Einnahme ist militärisch relativ problemlos, weil der deutsche Generalmajor Max Ulich - ein Gegner der Nationalsozialisten - unnötige Verluste vermeiden will und seine 212. Volksgrenadierdivision bereits abgezogen hat. Nur zurückgebliebene Männer der Waffen-SS liefern den US-Soldaten noch einige unbedeutende Scharmützel.

Das vorletzte und symbolträchtigste aller Konzentrationslager ist Geschichte. Die Befreiung dieses KZs am 29. April und Hitlers Selbstmord am folgenden Tag nehmen das offizielle Ende des "Dritten Reichs" am 8. Mai vorweg. Unter unbeschreiblichem Jubel werden die GIs von mehr als 32.000 überlebenden Gefangenen begrüßt.

"In einem einzigen, brüllenden, jubelnden, langanhaltenden Schrei entlud sich die aufgespeicherte Spannung der letzten Stunden, und Tausende stürzten auf die Amerikaner zu: lachend, weinend, rufend." Ex-Dachau-Häftling Nico Rost
"Wir zählten wieder zur menschlichen Gesellschaft!" Ex-Dachau-Häftling Otto Schiftan

Doch selbst der Moment der Erlösung kommt nicht ohne Tragik aus. In ihrer Euphorie klettern einige der Häftlinge auf die Lagermauern. Dabei kommen sie mit den noch unter Starkstrom stehenden Drähten in Kontakt. Sie sterben am Tag ihrer Befreiung.