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"Die Bauern" - Wer ist das eigentlich? | BR24

© dpa-Bildfunk/Klaus-Dietmar Gabbert

Im Zuge der Bauernproteste wird in Berichten immer wieder von "den Bauern" gesprochen. Doch wer sind "die Bauern"? Wie sind sie organisiert?

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    "Die Bauern" - Wer ist das eigentlich?

    In ganz Deutschland protestieren Landwirte. Aber wer sind "die Bauern"? Landwirt ist nicht gleich Landwirt. Einer hat Bioschweine, andere füttern Biogasanlagen mit Mais. Vertreten die Demonstranten die Interessen eines gesamten Berufsstandes?

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    In Bayern gibt es rund 106.000 landwirtschaftliche Betriebe. Die meisten haben zwischen 10 und 50 Hektar. Seit Mitte der 90er-Jahre ist die Zahl der Betriebe in Deutschland um die Hälfte zurückgegangen. Der Strukturwandel ist auch in Bayern zu beobachten. In den letzten 10 Jahren musste fast jeder achte Betrieb schließen.

    Um ihre Interessen gegenüber der Politik durchzusetzen, sind viele Landwirte in Verbänden organisiert.

    Bauernverband als Platzhirsch

    Platzhirsch ist der Bayerische Bauernverband (BBV). 90 Prozent aller Landwirte sind nach Angaben des BBV dort Mitglied, derzeit 143.000 Betriebe. Also viel mehr als es Bauernhöfe in Bayern gibt. Die Erklärung: Nur 60 Prozent der Mitglieder sind landwirtschaftliche Betriebe, der Rest sind unter anderem Waldbesitzer, Forstzusammenschlüsse, Kommunen oder Privatpersonen.

    Der Bauernverband will ein Verband für alle Landwirte sein und alle landwirtschaftlich relevanten Themen von A wie Anlagenverordnung bis Z wie neue Züchtungsmethoden abdecken.

    Ansprechpartner vor Ort

    Zudem will der Verband Ansprechpartner vor Ort sein. In den Geschäftsstellen können sich Landwirte beraten lassen zu Themen wie Altersversorgung, Hofübergabe oder bei Verträgen.

    Kritiker werfen dem Bauernverband vor, er stehe nur für ein "Weiter so" in der konventionellen Landwirtschaft und wehre sich gegen jegliche Veränderungen in der Agrarpolitik. Der Bauernverband weist diese Vorwürfe zurück.

    Land schafft Verbindung: Organisiert über Whatsapp-Gruppen

    Als neue Konkurrenz zum Bauernverband wird die Initiative "Land schafft Verbindung“ (LsV) gehandelt. Fast alle Bauern-Proteste der letzten Monate wurden von dieser Bewegung angetrieben. Anfang Oktober hat LsV als Facebook-Gruppe begonnen. Sehr schnell haben sich immer mehr unzufriedene Bauern in sozialen Netzwerken unter dem Slogan "Land schafft Verbindung" zusammengefunden.

    Inzwischen ist es in Bayern ein Geflecht von WhatsApp-Gruppen, mit dem die Bauern sich organisieren. Sebastian Dickow, einer der Sprecher, schätzt, dass es mittlerweile in Bayern etwa 180 Whatsapp-Gruppen gibt. Rechne man etwa 200 Leute pro Gruppe, belaufe sich die Zahl der Unterstützer auf etwa 36.000 Menschen. Laut Dickow gibt es einen stetigen Zulauf.

    Wer dort aber alles dabei sei, das könne er nur schwer beschreiben. Der Anteil der konventionellen Landwirte mache etwa 90 Prozent aus, 10 Prozent kämen aus der ökologischen Sparte.

    "LsV" fordert: Sprecht mit uns, nicht über uns

    Vor allem junge Landwirte identifizieren sich in sozialen Netzwerken mit der Bewegung. Laut Dickow steht LsV für Solidarität und ein Wir-Gefühl, für den Austausch mit Kollegen. Die Organisation will das Image der Landwirtschaft verändern.

    In der äußeren Wahrnehmung kennt man "Land schafft Verbindung" vor allem durch große Schlepperdemonstrationen. Denn laut LsV hat die Landwirtschaft keine Stimme mehr. Das aktuelle Hauptthema: die Düngeverordnung.

    BBV und LsV: Konkurrenten oder Verbündete?

    Es wird viel diskutiert, ob "Land schafft Verbindung" ein Auswuchs des Bauernverbandes oder ein Konkurrent ist. LsV legt Wert darauf, partei- und verbandsunabhängig zu sein.

    Einige Bauern würden sich dort engagieren, die den Bauernverband kritisch sehen. Andererseits aber auch viele Ehrenamtliche, die gleichzeitig beim Bauernverband oder dem Bundesverband deutscher Milchviehhalter aktiv sind. Viele der Demos wurden von BBV- Ortsobmännern oder BBV- Funktionären auf Kreisebene mitorganisiert. Sebastian Dickow von "Land schafft Verbindung" sagt, inhaltlich werde es immer Überschneidungen geben.

    Auch Markus Drexler, Pressesprecher des Bayerischen Bauernverbands, sieht große Schnittmengen. Besteht die Gefahr, dass in Zukunft immer mehr Landwirte vom Bauernverband Richtung "Land schafft Verbindung" abwandern? Drexler gibt zu: "Ich würde lügen, wenn ich behaupte, dass man sich keine Sorgen macht". Einen signifikanten Trend bei den Austritten im BBV gebe es im Moment aber nicht.

    Auch die deutschen Milchviehhalter machen mobil

    Ein klarer Gegenpol zum Bauernverband ist der BDM, der Bundesverband deutscher Milchviehhalter. In Bayern sind derzeit rund 10.000 Betriebe Mitglied, etwa 35 Prozent aller bayerischen Milchviehbetriebe.

    Der BDM ist entstanden im Zuge der Abschaffung der europaweiten Milchkontingentierung. Der Bauernverband hatte dafür plädiert, die Milchquote abzuschaffen, viele Landwirte, vor allem in Bayern, wollten sie aber behalten. Nach wie vor fordert der BDM eine Mengenregulierung auf dem Milchmarkt, um die Preise zu stützen. Im Jahr 2008 hat der BDM bundesweite Milchstreiks organisiert.

    Nur noch halb so viele Mitglieder

    Bundesweit haben die BDM-Mitgliedsbetriebe im Durchschnitt 75 Kühe. Eine Unterscheidung in bio und konventionell gibt es laut Sprecher Hans Foldenauer nicht. In den letzten 12 Jahren haben rund 50 Prozent der BDM-Mitglieder ihre Milchviehhaltung und somit ihre Mitgliedschaft aufgegeben.

    Die aktuellen Forderungen des BDM: in der Agrarpolitik umsteuern, nicht mehr alles billiger und schneller. Den Plan der Bundesregierung, die geltende Düngeverordnung zu verschärfen, lehnt der BDM nicht grundsätzlich ab. Stattdessen müsse man praxis- und verursachergerechter nachjustieren.

    Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft: Für individuelle Lösungen

    Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) hat bayernweit nur 600 Mitglieder, 50 Prozent davon sind Biobauern. Die AbL will keine Gegenorganisation zum Bauernverband sein, verfolgt aber andere Ziele. Vorsitzender Josef Schmid: "Nicht immer größer, nicht immer intensiver, nicht für den Weltmarkt produzieren. Auflagen und Bürokratie sind Folgen der Intensivierung, das ist das Problem."

    Eine pauschale Flächenprämie pro Hektar "nach dem Gießkannenprinzip" , wie sie derzeit jeder Landwirt aus der EU-Kasse erhält, lehnt die AbL ab. Ihr Vorschlag: Die Zahlungen sollten betriebsindividuell erfolgen, entscheidende Kriterien dabei: welche Tiere, welche Fruchtfolge, wie viele Arbeitskräfte. An den Schlepperdemos von "Land schafft Verbindung" beteiligt sich die AbL nicht. Laut Josef Schmid sind die Positionen nicht tragbar.

    "Wir haben es satt": Für artgerechtere Tierhaltung und Klimaschutz

    Die AbL beteiligt sich stattdessen jedes Jahr zum Auftakt der Grünen Woche in Berlin bei der Demo "Wir haben es satt". 50 Organisationen, darunter auch der Deutsche Tierschutzbund, der Bund Naturschutz, Bioverbände wie Naturland, Bioland und Demeter und Verbraucherorganisationen wie Slowfood gehen seit 2011 für "bäuerliche Betriebe und eine ökologischere Landwirtschaft" auf die Straße.

    Sie fordern unter anderem einen Ausstieg aus der intensiven "industriellen Landwirtschaft" und eine artgerechte Tierhaltung. Heuer demonstrierten nach eigenen Angaben 27.000 Menschen in Berlin für eine Agrarwende und mehr Klimaschutz. Viele Forderungen sind konträr zu denen des Bauernverbands.

    "Es muss sich was ändern"

    Laut einem Sprecher gebe es aber eine Überschneidung: "Wir wollen nicht, dass die Landwirte alleine auf den Kosten sitzen bleiben." Die finanzielle Bedrohung sei für viele Landwirte groß.

    Dennoch formuliert die Bewegung klar: Es muss sich was ändern, vor allem was das Insektensterben und die Düngeproblematik angeht. Die Bewegung "Wir haben es satt" stellt sich zudem momentan die Frage, ob Demos mit großen Traktoren in Zeiten des Klimawandels zu vertreten sind.

    Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft: Offenes Netzwerk

    Die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft hat 28.166 Mitglieder, bayernweite Zahlen sind nicht bekannt. Nicht nur Bauern sind Mitglied, sondern auch Wissenschaftler oder Firmenvertreter. Die DLG ist laut eigenen Aussagen ein offenes Netzwerk und die fachliche Stimme der Land-, Agrar- und Lebensmittelwirtschaft. Die DLG organisiert Messen wie die Agritechnica oder die Eurotier in Hannover und testet unter anderem Lebensmittel, Landtechnik oder Betriebsmittel.

    Einige Landwirte, die bei LsV mitdemonstrieren, sind auch DLG-Mitglied. Auch wenn einige Thesen widersprüchlich sind. Die DLG hat 10 Thesen für die Landwirtschaft 2030 erarbeitet: Produktionssysteme müssen nachhaltiger werden. Die mit der Landwirtschaft verbundenen Umweltschäden müssen reduziert werden. Nutztierhaltung muss so organisiert werden, dass sie von einem breiten gesellschaftlichen Konsens getragen wird. Und das bisherige System der EU-Flächenprämien hat keine Zukunft.

    Landwirt ist nicht gleich Landwirt

    Den typischen Landwirt gibt es nicht. Das Spektrum ist riesig: Ein Bio-Landwirt im Alpenvorland mit 20 Kühen im Sommer auf der Weide und im Winter im alten Anbindestall. Ein Nebenerwerbslandwirt mit 10 Hektar Getreide oder Zuckerrüben, der aber sein Geld bei Audi oder BMW verdient. Ein Landwirt, der Gemüse oder Hopfen anbaut und Dutzende von osteuropäischen Arbeitskräften beschäftigt.

    Ein Biogas-Bauer, den die Berufskollegen kritisieren, weil er alle Flächen im Umkreis pachtet und die Pachtpreise in die Höhe treibt. Ein Bauer, der tausende von Schweinen oder zehntausende von Hähnchen mästet. Der eine bewirtschaftet biologisch im Allgäu 20 Hektar Wiesen, der andere im Gäuboden konventionell 300 Hektar Ackerland. Je nach Betriebsform hat jeder andere Anforderungen und Wünsche.

    Eine Gemeinsamkeit: Sie fordern Wertschätzung

    Geht es in Zukunft ohne Glyphosat? Die einen sagen ja, die anderen nein. Darf man Rinder mit Silage füttern oder nur mit Gras und Heu? Ist die Gülleausbringung umweltschonender mit Schleppschlauch oder mit Breitverteiler? Ist bio besser als konventionell? Brauchen Rinder Hörner? In Zeiten von sozialen Netzwerken finden oft auch hitzige Auseinandersetzungen innerhalb der Branche statt.

    Eines haben aber alle Landwirte gemein: Sie wollen, dass ihre Arbeit wertgeschätzt wird.

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