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"Die Arche": 50 Jahre Prävention gegen Selbstmord | BR24

© BR/Ulrich Trebbin

Jedes Jahr nehmen sich in Deutschland etwa 10.000 Menschen das Leben. "Die Arche" ist in München und Oberbayern seit 1969 Anlaufstelle für Menschen in Lebenskrisen und für ihre Angehörigen.

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"Die Arche": 50 Jahre Prävention gegen Selbstmord

Jedes Jahr nehmen sich in Deutschland etwa 10.000 Menschen das Leben. "Die Arche" ist in München und Oberbayern seit 1969 Anlaufstelle für Menschen in Lebenskrisen und für ihre Angehörigen.

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Der Münchner Verein "Die Arche" berät seit 50 Jahren Menschen in Lebenskrisen - vor allem wenn sie darüber nachdenken, sich das Leben zu nehmen. Außerdem sind die Berater der "Arche" für Menschen da, die nicht wissen, wie sie mit einem Angehörigen umgehen sollen, der ihnen selbstmordgefährdet erscheint.

Warum hast Du mir das angetan?

Einer von ihnen ist Harald Himpel. Er hat vor fünf Jahren die größte Katastrophe seines bisherigen Lebens erfahren. Denn da bekam er einen Anruf mit der Nachricht, dass sein langjähriger Lebenspartner sich umgebracht hatte. Eine Nachbarin hatte ihn im Keller gefunden, wo er sich vergiftet hatte.

Er hatte das Gefühl, als würde ihn eine Abrissbirne ummähen, sagt er heute. Er wollte nicht wahr haben, dass sein Freund sich umgebracht hatte, konnte keinen Grund dafür finden und fragte sich auch, warum sein Partner ihm das angetan hatte.

"Das war wie ein Schnellwaschgang an Scham und an Schuldgefühlen. Und ich fühlte mich betrogen." Harald Himpel, Angehöriger

Vorher keine Anzeichen auf den Selbstmord

Das Vertrauen, das der heute 57-Jährige in seinen Partner und in ihre gemeinsame Beziehung bis dahin gehabt hatte, war plötzlich massiv in Frage gestellt. Schließlich hatte es vorher keinerlei Anzeichen gegeben und sein Freund hatte auch nie davon gesprochen, dass ihn etwas quälte. Es fühlte sich an, als habe sein Partner ein Doppelleben gehabt.

"Das war, als wenn man in einem Mobile mit der Schere ein Teil herausschneidet, und dann verändert sich das ganze Mobile. Nichts ist nicht mehr an seinem Platz, alles ist verrückt im wahrsten Sinne des Wortes." Harald Himpel

Die "Arche" war seine Rettung

Harald Himpel hatte das Gefühl, als hätte er auf ganzer Linie versagt und als wäre auch sein eigenes Leben am Ende. Und er war sehr allein mit seiner Not, weil sein Umfeld bis auf wenige gute Freunde trotz aller Bemühungen mit der zerstörerischen Energie, die in sein Leben getreten war, oft überfordert war.

Sein Bruder hat dann für ihn einen Termin bei einem Berater der "Arche" ausgemacht. Das war seine Rettung, sagt Harald Himpel heute. Die Gespräche mit dem Berater waren seine Verbindung zum Leben, gerade weil in diesen Gesprächen auch der Tod Platz haben konnte. Wichtig war, dass sein Berater aushielt, wenn er schwieg, weinte oder schrie oder wenn er selbst über Selbstmord nachdachte.

"Viele Menschen haben Angst vor dem Thema Trauer, Tod und vor allem Suizid. Man ist sehr empfindlich und spürt sofort, ob jemand Angst vor dem Thema hat oder ob jemand stark genug ist. Dieser geschützte Raum ist so wertvoll." Harald Himpel

Keine Angst vor dem Thema Selbstmord

Martin Pfäfflin arbeitet seit 20 Jahren als Berater in der "Arche". Dank seiner Erfahrung hat er inzwischen keine Angst mehr vor dem Thema Selbstmord, weder wenn ihm ein Hinterbliebener gegenübersitzt noch wenn es ein Mensch in einer akuten Lebenskrise ist. Er sagt, dass er noch nie einen Menschen getroffen habe, der wirklich tot sein wollte, sondern immer nur Menschen, die so nicht mehr leben wollten. Das sei dann die Grundlage für ein Gespräch, in dem man einen anderen Weg erörtern kann.

"Dazu ist aber erst einmal notwendig, den Menschen so gelten zu lassen, wie er sich gerade empfindet, ihm das auch nicht auszureden. Man muss versuchen zu verstehen, wie jemand dahin gekommen ist, das muss erst mal vollkommen Raum haben." Martin Pfäfflin, Berater im Verein 'Die Arche'

Selbstmordgefährdeter Familienvater

Nicht immer können die Berater einen hilfesuchenden Menschen vor dem Selbstmord schützen, was dann eine große Belastung für sie sein kann. Meistens gelinge es jedoch, den Menschen ins Leben zurückzuholen, so der Berater. Er erzählt zum Beispiel von einem Familienvater, der verzweifelt, verschuldet und dessen Ehe in der Krise war. Er habe sich umbringen wollen und meinte, es sei auch für seine kleinen Buben besser, wenn sie ihren depressiven Vater nicht mehr ertragen müssten.

"Dem sagte ich nur: 'Ich würde mir wünschen, Sie könnten mal Mäuschen spielen hinter meinem Stuhl, wenn hier jemand kommt, wo sich Mutter oder Vater umgebracht hat, das müssten sie einfach mal nur hören.' Dann war ruhig und nach einer Weile fing der Mann an zu weinen." Martin Pfäfflin, Berater im Verein 'Die Arche'

Suizidalität ist wie ein Tunnel

Der Berater weiß: Ein selbstmordgefährdeter Mensch befindet sich in einem Tunnel, in dem es für ihn so aussieht, als sei der Suizid die einzige beste Lösung. Im Gespräch mit einem anderen Menschen kann dieser Tunnel dann angeschaut und oft auch geöffnet werden. Der Familienvater ist dann noch einige Male in die Arche gekommen, aber da ging es dann nicht mehr um den Selbstmord, sondern um die Lösungen für seine Probleme. Er hat überlebt und seinen Söhnen damit großes Leid erspart.

Neues Leben nach der Krise

Auch Harald Himpel hat nach dem Selbstmord seines Partners und einer langen und schweren Krise zurück ins Leben gefunden - auch dank seines Beraters bei der "Arche". Himpel hat sich auch wieder in einen Mann verlieben können und hat ihn geheiratet. Außerdem hat er eine Ausbildung zum Trauerbegleiter und Trauerredner gemacht. Er arbeitet in diesem Beruf heute in Regensburg und kann seine Erfahrungen an andere Menschen weitergeben. Er hat durch seine Krise gelernt, wie stark er im Grunde doch ist.

"Das ist eine Erfahrung, die ich nicht mehr missen möchte. Ich möchte natürlich nicht mehr den Auslöser erleben, aber die Erfahrung, die eigene Stärke zu erleben und etwas integrieren zu können, was mir unmöglich erschien, das ist wirklich das Gute am Schlechten." Harald Himpel

Der Bayerische Rundfunk berichtet - vor allem wegen möglicher Nachahmer-Effekte - in der Regel nicht über Suizide oder Suizidversuche, außer die zuständige Redaktion sieht es durch die Umstände der Tat geboten. Sollten Sie selbst Hilfe benötigen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Beratung erhalten Sie unter der kostenlosen Rufnummer 0800-1110111 oder 0800-1110222. Weitere Hilfsangebote gibt es bei der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.