BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Waldkraiburg: Wie die Anschlagsopfer bis heute leiden | BR24

© BR / Oliver Römhild
Bildrechte: BR / Oliver Römhild

Die zerstörte Ladenzeile beim Wiederaufbau

Per Mail sharen

    Waldkraiburg: Wie die Anschlagsopfer bis heute leiden

    Eine Anschlagserie hat die Bewohner Waldkraiburgs im vergangenen Frühjahr in Angst und Schrecken versetzt. Die Geschädigten haben teils bis heute mit psychischen Problemen zu kämpfen. Ab heute steht der mutmaßliche Täter in München vor Gericht.

    Per Mail sharen
    Von
    • Oliver Römhild

    Die Straßenlaterne vor dem Wohnblock könnte ein Kunstwerk sein. Ihr Glas tropft in fließender Bewegung nach unten. Aber es ist keine Kunst, es ist mehr ein Mahnmal. Das Feuer an dem mehrstöckigen Gebäude vor gut zehn Monaten war so groß und heiß, dass die Laterne geschmolzen ist. Gleich daneben geht es in eine Passage mit ein paar Läden. Unter der Decke hängt immer noch schwarzer Ruß.

    © BR / Oliver Römhild
    Bildrechte: BR / Oliver Römhild

    Laterne, die durch Feuer geschmolzen wurde

    Waldkraiburg, Stadtplatz Nr. 16, mitten im Ort gleich neben dem Rathaus. Das Feuer in der Nacht vom 27. April 2020 hat die Bewohner der 16 Wohnungen damals aus dem Schlaf gerissen. Eine Flucht über die Haustür war da schon nicht mehr möglich. Durch die Keller, über die Tiefgarage mussten alle über einen Umweg fliehen. Einige Bewohner erlitten Rauchvergiftungen. Es war viel Glück dabei, dass niemand schwerer verletzt wurde oder ums Leben kam.

    "Ich rieche den Rauch"

    Wolfgang Klaß war einer der Mieter. Die Bilder im Kopf von der Brandnacht haben ihn bis heute nicht losgelassen. "Die ersten zwei, drei Woche war es so, dass ich nachts aufgewacht bin, weil ich gedacht habe, es brennt", erzählt er. "Ich war der Meinung, ich rieche den Rauch. Und auch in der Früh, wenn ich aufgewacht bin, habe ich wirklich gedacht es brennt! Das kam ganz tief aus dem Unterbewusstsein."

    Bewohner waren zunächst obdachlos

    Mit dem Schock aus der Brandnacht hatten viele zu kämpfen. Aber da wusste noch keiner, dass sie ihr Zuhause für fast ein Jahr verloren hatten. Auch Klaß war erstmal obdachlos. Alle Bewohner des Hauses, mit denen man spricht, beschreiben die Lage danach ähnlich: Es sei einfach nichts passiert.

    Das Haus stand da mit seinem Brandschaden und keiner habe gewusst, wie es weitergeht. Klaß bekam dann eine Wohnung von der Stadt zugewiesen, mit dem Nötigsten an Ausstattung - ein Kühlschrank war schon mal nicht dabei. Aber der 62-Jährige will sich im Rückblick nicht über fehlenden Komfort beklagen. Schlimmer sei die Ungewissheit gewesen, das Gefühl aus allem herausgerissen zu sein. "Du kannst nichts tun. Das ist nicht deine Wohnung. Du kannst da irgendwie nicht normal weiterleben. Das funktioniert nicht."

    "Jeden Tag gibt es neue Probleme"

    Helga Rittersporn lebt in einer Wohnung im zweiten Stock. Seit der Brandnacht habe sie 100 Tage bei einer ihrer Töchter überbrückt, 100 Tage habe die Versicherung ein Hotel bezahlt und nochmal rund 100 Tage sei sie bei ihrer zweiten Tochter untergekommen. Erst jetzt wohnt sie wieder in den eigenen vier Wänden. Die 65-Jährige ist im Rückblick froh, dass sie das Ereignis überlebt hat.

    "Ich bin aber auch wütend", macht die Wohnungseigentümerin klar. "Erst seit einer Woche bin ich wieder zurück. Drei Tage vorher haben wir die Freigabe von der Hausverwaltung bekommen. Aber es gibt noch ein Problem mit dem Wasser, das dürfen wir nicht zum Trinken und nicht zum Kochen nehmen, weil die Wasserleitungen noch nicht in Ordnung sind." Das Internet gehe nicht. Der Festnetzanschluss sei abgemeldet. Jeden Tag gebe es neue Probleme. "Das macht mich wütend, weil es mich auch ein Stück weit überfordert", so Rittersporn.

    Psychische Schäden deutlich schlimmer als Gebäudeschäden

    Nachdem das Haus so lange leer stand, haben sich Legionellen in den Wasserrohren festgesetzt. Rittersporn hält nichts davon, über diese Dinge zu schweigen.

    Sie erwähnt auch das Nachbarsmädchen, das immer wieder frage, warum der Täter das Feuer gelegt habe. Sie kenne Nachbarn, die mit einem Trauma kämpften, sagt sie. Und auch ihr selbst sei es psychisch nicht gut gegangen. "Ich hatte Zeiten, im August, September, da war es schlimm. Ich habe auch drei, vier Monate Tabletten genommen und war beim Psychologen, weil es mich nervlich schon ganz schön zusammengerupft hat."

    "Man kümmert sich zu wenig um die Opfer"

    Auf die Frage, ob die Geschädigten genug Hilfe bekommen, hat Rittersporn eine eindeutige Antwort: "Nein. Ich finde, man kümmert sich immer nur um die Täter und zu wenig um die Opfer."

    Andere Eigentümer, Mieter, Ladenbesitzer wollen ihre Gedanken nicht öffentlich aussprechen. Das bringe doch nichts, sagen einige, trotz aller Berichte, habe man ihnen nicht wirklich geholfen. Die Baustelle mit den Ladengeschäften im Erdgeschoss ist sowas wie der schweigende Beweis für ihre Resignation. Die Geschäfte des türkischen Bäckers, auch des türkischen Obst- und Gemüsehändlers sehen fast noch wie ein Rohbau aus. Einzugstermin? Wiedereröffnung? Lässt sich nicht sagen. Alle rechnen damit, dass das noch Monate dauern wird.

    "Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!