BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Zweite Corona-Welle: Kliniken an der Belastungsgrenze | BR24

© BR

Die Belegungszahl der Covid-19-Patienten steigt in den bayerischen Kliniken an. In den letzten 14 Tagen hat sie sich nach Angaben der Bayerischen Krankenhausgesellschaft verdoppelt. Das Klinikpersonal ist am Limit.

98
Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten
  • Artikel mit Video-Inhalten

Zweite Corona-Welle: Kliniken an der Belastungsgrenze

Es ist alles vorbereitet: Schutzausrüstung, Betten und Beatmungsgeräte. Was fehlt, ist der pflegende Mensch am Bett eines Covid-19-Patienten. Die Zahl der Infizierten steigt. Gleichzeitig müssen immer mehr auf den Corona-Stationen versorgt werden.

98
Per Mail sharen

Die Belegungszahl der Covid-19-Patienten steigt in den bayerischen Kliniken an. In den letzten 14 Tagen hat sie sich nach Angaben der Bayerischen Krankenhausgesellschaft verdoppelt. Auch im Klinikum Nürnberg. Hier befinden sich derzeit sechs Patienten auf der Corona-Intensivstation, 26 auf der Covid-19-Normalstation (Stand 22.10. 17 Uhr). Die Krankenhäuser sind technisch und materiell gut ausgestattet, doch bei steigenden Zahlen gibt es ein großes Problem: Es fehlt nach wie vor an Personal.

Arbeiten unter großer Belastung

Wenn Florian Polster seinen Dienst im Nürnberger Klinikum antritt, beginnt seine Schicht mit dem aufwendigen Einkleiden. Bevor er die Patienten auf der Covid-19-Intensivstation versorgen kann, zieht er über seine Bereichskleidung einen weiteren Kittel, streift sich die OP-Maske und einen Mund-Nasen-Schutz über, setzt eine Schutzbrille und das Face-Shield auf, streift sich einen weiteren Plastikkittel über und zieht drei Paar Handschuhe an. Es darf keine freien Stellen geben, wo ein Keim eindringen könnte. Die Arbeit ist anstrengend in der Montur.

Bereits nach zwei Stunden ist er vollkommen durchgeschwitzt. Florian Polster ist seit Beginn der Pandemie auf der Covid-19-Station im Einsatz. Die Arbeit hier unterscheidet sich stark vom Dienst auf einer "normalen" Intensivstation, erklärt er.

"Das Schlimme an Covid ist, dass das halt so drastisch und so schnell verlaufen kann. Also, an einem Tag ist der Patient noch gut kontaktierbar, atmet noch substantiell selbst und dann am nächsten Tag schon nicht mehr und ist auf eine Form von Beatmung angewiesen und das macht das Ganze auch so anstrengend für uns." Florian Polster, Pflegekraft am Klinikum Nürnberg
© BR

Florian Polster, Pflegekraft auf der Covid-19-Intensivstation des Klinikums Nürnberg.

Die Pflegekräfte haben auf der Covid-19 Intensivstation große und vor allem mehr Verantwortung als auf anderen Stationen. Da das Einkleiden so aufwendig ist, arbeitet das Team mit Tablets. Florian geht damit in die einzelnen Patientenzimmer.

Vor der Sperrlinie steht Oberarzt Matthias Baumgärtel mit einem zweiten Tablet. Gemeinsam gehen sie die Werte der einzelnen Patienten durch. Der diensthabende Arzt gibt so der Pflegekraft Anweisungen von außen, was getan werden muss. Er lässt sich die Beine des Patienten zeigen, den Urinbeutel und die Beatmungswerte. Vorbereitete Spritzen für die Infusionspumpen werden auf einen Tisch am Rande des Sperrbereichs abgelegt, dann tritt Florian vor und holt sich die Medikamente. Alles, was die Station verlassen soll, wird desinfiziert und in spezielle Tüten verpackt.

Viel gelernt seit der ersten Welle

Die Arbeit auf der Intensivstation ist auch für den Oberarzt Matthias Baumgärtel eine ganz andere und neue Herausforderung. Der große Unterschied zu der sonstigen Intensivmedizin sei, dass die Genesung der Patienten viel, viel länger dauere. "Und das macht es uns so schwer, weil man dann natürlich auch ab einer gewissen Phase eine gewisse Frustration hat, wenn es gar nicht mehr vorangeht und das muss man jeden Tag immer wieder aufs Neue überwinden", erzählt Baumgärtel.

Seit der ersten Welle hat sich viel in bayerischen Kliniken getan. Abläufe und Prozesse seien verbessert worden, so Siegfried Hasenbein von der Bayerischen Krankenhausgesellschaft. Das Lagermanagement sei verändert, die Vorräte seien aufgestockt worden.

Auch die Intensivkapazitäten wurden ausgebaut, die Hygieneregeln überarbeitet. In den Krankenhäusern gibt es jetzt Pandemie-Beauftragte, doch sei das oberste Ziel, Krankenhauseinweisungen möglichst zu verhindern. Die neuen Regeln, die durch die Politik erlassen wurden, unterstützt Hasenbein, doch das Wirrwarr an neuen Maßnahmen sei kontraproduktiv. Er befürchtet, dass die unterschiedlichen Regeln den einzelnen Bürger inzwischen überfordern, weil er den Überblick verlieren könnte. "Eine klare, verständliche, nachvollziehbare Kommunikation würde die Akzeptanz der Maßnahmen erhöhen und damit vielleicht auch die Zahl der Krankenhauseinweisungen reduzieren."

Auch die medizinische Versorgung der Patienten hat sich verändert. Mittlerweile wissen die Wissenschaftler und Ärzte mehr über das Virus und seine Mutationen. Es gibt Strategien für den Einsatz von Medikamenten. "Wir haben viel dazugelernt", meint auch Prof. Dr. Joachim Ficker, Chefarzt am Nürnberger Klinikum. "Wir wissen von vielen Therapien, die wir im März diskutiert haben, dass sie gar nicht viel gebracht haben." Mittlerweile werde standardmäßig im Nürnberger Klinikum eine bestimmte Form der Cortison-Therapie mit Dexamethason eingesetzt.

"Mindestens genauso wichtig ist aber auch die Beatmungsstrategie, die viel besser geworden ist. Das heißt, wenn jetzt heute jemand in die Klinik kommt, dann können wir viel besser helfen als das in der ersten Welle der Fall war." Prof. Dr. Joachim Ficker, Chefarzt am Klinikum Nürnberg

Das Klatschen ist verhallt

Das Hauptproblem ist nach wie vor die Versorgung der Patienten durch ausreichend Personal. Im Frühjahr, meint Siegfried Hasenbein von der Bayerischen Krankenhausgesellschaft, habe jeder Beschäftigte mit großem Einsatz reagiert. Die Wertschätzung von damals wird jetzt vermisst. Die Pflegekraft Florian Polster arbeitet gerne auf der Covid-19-Intensivstation, vor allem weil das Team hervorragend ist. Das würde Vieles kompensieren, meint er. Die Frage ist jedoch, wie lange. Noch immer bleiben Planstellen unbesetzt. Schon jetzt würden die Mitarbeiter "auf dem Zahnfleisch" gehen, beschreibt Florian die Pflegesituation.

"Davor habe ich Angst, dass du wirklich hier Betten sperren musst, weil einfach niemand da ist, der die Betten betreibt und das ist ja das große Problem. Also, es sind soundso viele Betten verfügbar, ja, die Frage ist aber vielleicht, wer steht an dem Bett, wer versorgt den Patienten. Dass da ein Bett ist, ist schön, aber es muss ja auch jemand da arbeiten." Florian Polster, Pflegekraft Klinikum Nürnberg

Es gehe um Anerkennung, um bessere Weiterentwicklungsmöglichkeiten im Beruf, aber auch um mehr Geld. Viel zu lange schon dauere die politische Diskussion an, Lob und Applaus reichten einfach nicht mehr, so Florian Polster. Die Hoffnung, Covid-19 irgendwann in den Griff zu bekommen ist, sei berechtigt, so Chefarzt Prof. Dr. Joachim Ficker. Ihn als Lungenarzt werde die Krankheit noch so lange beschäftigen, bis der letzte Patient in der Region hier behandelt sei, erklärt er. "Und das wird noch viele Jahre dauern. Ich hoffe, wenn die Impfungen im nächsten Jahr kommen, dass dann viele auch schnell geimpft werden können und dann hoffe ich auch, dass ein erstes Abklingen schon bis zum Herbst 2021 da ist. Wenn wir ein bisschen Pech haben, sich das alles verzögert, haben wir aber im Winter 2021/22 noch einmal vielleicht eine dritte Welle."

Kliniken brauchen neuen Rettungsschirm

Seit März erhielten die Kliniken Ausgleichszahlungen, wenn sie planbare Operationen verschoben haben, um Betten für Covid-19-Patienten freizuhalten. Die Regelung galt pauschal für alle 1.900 Krankenhäuser in Deutschland. Seit 1. Juli wurden die Kliniken dann in fünf Kategorien eingeteilt. Anstelle der bisher einheitlichen Zahlung von 560 Euro pro Belegungstag trat eine differenzierte Pauschale, die zwischen 360 Euro und 760 Euro variiert. Zudem bekamen die Kliniken 50.000 Euro für jedes neue Intensivbett mit Beatmungsgerät sowie Pauschalen von 50 Euro je normalem und von 100 Euro je Corona-Patient für Schutzausrüstung.

Doch die Regelung endete am 30. September. Der Aufbau von Kapazitäten sei nicht mehr nötig. Jetzt rechnen die Kliniken die Kompensation individuell mit den Krankenversicherungen ab. Diese Umstellung des Abrechnungssystems kritisiert die Bayerische Krankenhausgesellschaft, BKG. Man habe von Seiten der Politik lange so getan, als wäre die Krise im September oder Ende 2020 vorbei. "Das sei definitiv nicht so", erklärt Siegfried Hasenbein von der BKG.

"Wir brauchen Regelungen für 2021 und ich bin auch mir ziemlich sicher, dass angesichts des Infektionsgeschehens das Bundesgesundheitsministerium das auch einsehen wird und dass wir sehr bald über Maßnahmen in 2021 reden werden." Siegfried Hasenbein, Bayerische Krankenhausgesellschaft

Statt noch mehr Bürokratie in den Kliniken aufzubauen, sei es sinnvoller, die Kliniken von zu komplizierten Abrechnungsvorgaben zu entlasten. Bei der ersten Welle im März seien viele bürokratische Kontrollvorgaben ausgesetzt worden. Das habe den Krankenhäusern geholfen und sie entlastet. "Jetzt über neuerliche Vorgaben zu spekulieren und neuerliche Dokumentations- und Personaleinsatzpflichten zu diskutieren, wie es jetzt ja im Moment der Fall ist, das wird der Pandemie-Lage überhaupt nicht gerecht", kritisiert Siegfried Hasenbein.

© BR

Innerhalb der letzten zwei Wochen hat sich die Zahl der Intensivpatienten auf der Covid-19-Intensivstation des Klinikums Nürnberg mehr als verdoppelt. Wie ist das Krankenhaus auf die steigende Zahl an Neu-Infizierten vorbereitet?

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!