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"Deutscher Volksgenozid": Bayreuther AfD-Funktionär tritt zurück | BR24

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Einem Mitglied des Kreisvorstands der AfD in Bayreuth werden antisemitische Verschwörungstheorien vorgeworfen.

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"Deutscher Volksgenozid": Bayreuther AfD-Funktionär tritt zurück

Ein AfD-Kreisvorstand in Bayreuth fällt in Chatgruppen mit fragwürdigen Äußerungen auf. Dem Mann wird vorgeworfen, antisemitische Verschwörungstheorien zu verbreiten. Nach einer BR-Anfrage musste der AfD-Funktionär nun seinen Posten räumen.

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Von
  • Jonas Miller

Der Bayreuther Jürgen O. ist Erster Beisitzer im Bayreuther Kreisvorstand der AfD, zuständig für die Wahlkampfkoordination. Neben seinem Engagement für die Partei ist der ehemalige Krankenpfleger auch Administrator der Telegram-Chatgruppe "Corona Rebellen Bayreuth", in der sich mehr als 200 Nutzer über die Corona-Krise austauschen. Nach BR-Recherchen zu Aussagen von O. musste dieser sein Amt nun aufgeben.

Experte: "Aussagen sind antisemitisch"

Dem BR liegen die Äußerungen von O. im Telegram-Chat vor. Dort behauptet er unter anderem, dass Corona nur ein "Deckmantel" sei, um "unkontrolliert Migration zuzulassen" oder die "Wirtschaft zu zersetzen". Nebenbei finde derzeit ein "deutscher Volksgenozid" statt, also ein Völkermord an Deutschen. Hinter all dem stecke die Regierung. Diese bezeichnete der AfD-Funktionär als "Globalisten-Knechte".

Der Bayreuther Rechtsextremismus-Experte Markus Müller beobachtet die Szene der "Corona-Rebellen" schon seit Monaten. Müller arbeitete mehrere Jahre für die Bayerische Landeskoordinationsstelle gegen Rechtsextremismus. Die Aussagen von O. würden einmal mehr den antisemitischen Charakter der Gruppierung unterstreichen, so Müller.

Beim Wort "Globalisten" handelt es sich um einen von Rechtsextremen international verstandenen Code, schreiben die Politikwissenschaftler Thomas Grumke und Andreas Klärner. Rechtsextreme würden verbreiten, dass von Juden/Zionisten "besetzte Regierungen" die Vernichtung von Kulturen, Traditionen und Werten vorantreiben würden.

Beiträge von Attila Hildmann geteilt

O. spricht in Beiträgen auch von einer angeblichen NWO, einer "Neuen Weltordnung". Hinter dem Begriff verbirgt sich ein Verschwörungsmythos, demzufolge die Machtübernahme durch eine globale Elite bevorstehe. Zudem verbreitete der ehemalige Krankenpfleger in der Bayreuther Chatgruppe auch Postings des Berliner Verschwörungsideologen Attila Hildmann, der sich selbst als "Ultra-Rechter" bezeichnet und behauptete, jüdische Familien wollten die "deutsche Rasse auslöschen".

Bayreuther AfD-Funktionär muss sein Amt räumen

Jürgen O. hat auf eine BR-Anfrage zu seinen Äußerungen in der Chatgruppe nicht reagiert. Dafür antwortete Christian Erdelen, der Vorsitzende des Bayreuther AfD-Kreisverbands. Die Aussagen von O. seien dem Vorstand der AfD nicht bekannt gewesen. An den Veranstaltungen habe O. als Privatperson und nicht als Funktionär der AfD teilgenommen, so Erdelen weiter. Die AfD würde "rechtsextreme Propaganda, Antisemitismus oder Verbreitung von Verschwörungstheorien" ablehnen. Der Bayreuther AfD-Chef ergänzte: "Herr O. ist von seinem Amt als Beisitzer in unserem Vorstand zurückgetreten."

Für Szenekenner Markus Müller kommt die Reaktion der AfD überraschend. Er hält die Argumentation der Partei für vorgeschoben: "Wenn die AfD Bayreuth behauptet, die Einstellung von O. wäre ihr nicht bekannt geworden, ist das ein politisches Armutszeugnis. O. war jahrelang im Vorstand des AfD-Kreisverbands".

Verschwörungsmythen und Reichsbürger-Thesen in Chatgruppe

Laut Müller würden sich in der Telegram-Chatgruppe der "Corona Rebellen" neben besorgten Eltern auch christliche Fundamentalisten, Reichsbürger und Anhänger der QAnon-Verschwörungstheorie sammeln. Diese behaupten unter anderem, dass der Coronavirus nur ein Vorwand der US-Regierung sei, um mit einer geheimen Militäroperation gegen einen angeblichen "tiefen Staat" vorzugehen.

Der Rechtsextremismus-Experte sieht in der Chatgruppe aber auch Ideologiefragmente der sogenannten Reichsbürgerszene. "Neben antisemitischen Verschwörungstheorien diskutieren die Chat-Teilnehmer auch über einen angeblichen Kriegszustand, in dem sich die 'BRiD' angeblich befindet. BRiD steht für 'Bundesrepublik in Deutschland', eine bekannte reichsbürgerliche Phrase." Zudem werde jede Maßnahme zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie als Schritt in Richtung einer Diktatur wahrgenommen. "Im Chat werden auch Gewaltphantasien verbreitet, verbunden mit dem Vorschlag, Listen mit den Daten von 'Linientreuen' zu erstellen", so Müller weiter.

Ehemaliger AfD-Funktionär setzt keine Beiträge mehr ab

Die Bayreuther "Corona Rebellen" vernetzen sich jedoch nicht nur virtuell. An Kundgebungen der Gruppe, die laut Müller unter dem Namen "20plus1" firmiert, nehmen zwischen 20 und 40 Personen teil. Jürgen O. spiele dort eine zentrale Rolle, fungiere als Ordner oder helfe bei der Technik, so Müller. Ob O. nach seinem Rücktritt vom Bayreuther AfD-Vorstand auch seine Aktivitäten in der von ihm administrierten Chatgruppe aufgibt, ist nicht bekannt. Eine entsprechende Nachfrage ließ der ehemalige AfD-Funktionär unbeantwortet. Nach der BR-Anfrage zu seinen Äußerungen hat O. jedoch keine weiteren Beiträge mehr abgesetzt.

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