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Bildrechte: dpa-Bildfunk/Boris Roessler

Auch in Bayern wird es Zeit, sich daran zu gewöhnen, dass Wölfe dauerhaft hier leben. Und dass sie nicht die Wildnis brauchen, sondern auch in der Kulturlandschaft zurechtkommen. Das gefällt vielen Bauern nicht.

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Der Wolf in Bayern: Gekommen, um zu bleiben

Auch in Bayern wird es Zeit, sich daran zu gewöhnen, dass Wölfe dauerhaft hier leben. Und dass sie nicht die Wildnis brauchen, sondern auch in der Kulturlandschaft zurechtkommen. Das gefällt vielen Bauern nicht.

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Von
  • Hermann Scholz
  • Doris Fenske

Der 30. April ist der Tag des Wolfs. Inzwischen sind die Tiere in Bayern heimisch geworden. Die einen freut's, die anderen - Landwirte vor allem - laufen Sturm gegen die Rückkehr des Wolfs.

Große Mehrheit für den Wolf

Nabu und Landesbund für Vogelschutz haben gemeinsam eine Umfrage in Deutschland zum Wolf durchführen lassen. Ergebnis: 73 Prozent der Befragten in Gegenden, in denen der Wolf schon lebt, begrüßen die Rückkehr des Beutegreifers. 76 Prozent finden, dass Wölfe selbst dann hier leben sollten, wenn es zu Problemen kommt.

In Bayern ist der Wolf inzwischen in acht Regionen dauerhaft heimisch: Einzeltiere leben in der Rhön, in den Allgäuer Alpen und auf den Truppenübungsplätzen Grafenwöhr und Hohenfels. Rudel gibt es im nördlichen und südlichen Nationalpark Bayerischer Wald, im Manteler Forst in der Oberpfalz und im Veldensteiner Forst in Oberfranken. Aber im Grunde, sagen Experten, ist ganz Bayern Wolfserwartungsland: Sichtungen gibt es fast überall, meist durchziehende Tiere.

Bauernverband fordert Wolfs-Höchstgrenze

Für den Bayerischen Bauernverband ist die Lage klar: Weidetierhaltung und Wolf nebeneinander - das sei schwierig, sagt Philip Bust, Referent für Wildtiermanagement beim Bayerischen Bauernverband. Denn, wer Weidetiere wie Schafe, Ziegen oder Rinder vor dem Wolf schützen will, muss dafür Zäune bauen oder sich Herdenschutzhunde anschaffen. In manchen Gegenden, etwa im Gebirge, seien Zäune auch schlicht nicht machbar: Der Untergrund ist zu steinig. Busts Forderung: Abschuss von Wölfen.

"Wir haben eine Verdoppelung des Bestandes der Wolfspopulation alle drei Jahre. Und dementsprechend sehen wir das so, dass dieser Bestand gemanagt werden muss. Auf der anderen Seite muss es eine Möglichkeit geben, Problemwölfe zu entnehmen." Philip Bust, Bayerischer Bauernverband

Problemwölfe - das sind für Bust Wölfe, die gelernt haben, Weidetiere als Beute zu sehen. Solche Wölfe zu entnehmen, ist aber im Bundesnaturschutzgesetz längst vorgesehen. Einzeltiere dürfen getötet werden, wenn Herdenschutzmaßnahmen wiederholt überwunden werden, oder Menschen in Gefahr wären.

Philipp Bust fordert generell eine Höchstgrenze für die Zahl der Wölfe in Deutschland. Alles über einer bestimmten Zahl müsse geschossen werden.

Umweltverbände: Abschuss bringt keine Sicherheit für Weidetiere

Uwe Friedel, Wolfsexperte des Bund Naturschutz in Bayern, glaubt nicht, dass der Abschuss von Wölfen den Weidetierhaltern Sicherheit bringen kann. Erstens lässt das Bundesnaturschutzgesetz Abschüsse nur zu, wenn alle Alternativen ausgeschöpft sind - also zum Beispiel der Schutz der Herden durch spezielle Zäune. Friedel sagt, Weidetiere würden vor allem von durchziehenden Wölfen gerissen. Und die kommen immer wieder nach. Einen Wolf zu schießen, bringe also gar nichts.

"Das Nebeneinander von Mensch und Wolf in Bayern kann so funktionieren wie in allen anderen europäischen Ländern, wo es den Wolf schon lange gibt. Also, da gewöhnt sich die Bevölkerung irgendwann dran. Es wird auch verstanden, dass der Wolf keine Gefahr für die Menschen darstellt. Da existieren ja in Bayern auch diverse Ängste. Da müssen wir viel aufklären." Uwe Friedel, Bund Naturschutz

Herdenschutz und staatliche Förderung

Friedel sagt, die Lösung für den Konflikt mit den Weidetierhaltern sei Herdenschutz - also vor allem stromführende Zäune, oder Herdenschutzhunde.

René Gomringer hält selbst 20 Mutterschafe in Biberbach bei Beilngries und berät andere Weidetierhalter beim Wolfsschutz. Er sieht es realistisch: Der Wolf werde bleiben, und Tierhalter müssten lernen, wieder mit ihm zu leben - wie vor 200 Jahren, bevor der Beutegreifer bei uns ausgerottet wurde. Schutz brauchen laut Gomringer alle Tiere auf der Weide. Pferde beispielsweise werden zwar nicht gerissen, geraten aber in Panik und brechen aus der Weide aus, wenn sie den Wolf wittern.

"Sie müssen auf jeden Fall Herden schützen, und zwar eigentlich in ganz Bayern jetzt, und zwar alles, was draußen ist - also nicht nur Schafe, Ziegen und Mutterkühe, sondern eben auch Gehegewild und Pferde. Man kann sie schützen durch verbesserte Zäune." René Gomringer, Herdenschutzberater

Erst seit einem Jahr übernimmt der Staat die Investitionskosten für Zäune. Auch die Anschaffung eines Herdenschutzhundes soll künftig mit bis zu 3.000 Euro gefördert werden. Bezahlt wird aber nur in Gebieten, die als Wolfsgebiete vom Landesamt für Umwelt anerkannt sind. Gomringer würde sich wünschen, dass die Investitionskosten für Herdenschutz in Bayern übernommen werden - und dann auch der teure Unterhalt für die Schutzzäune gefördert wird.

2020: Zwölf Wolfs-Übergriffe

Das Problem ist bisher allerdings überschaubar. 2020 gab es nach Angaben des Landesamtes für Umwelt zwölf Wolfsrisse an Weidetieren in Bayern, mit 34 toten und fünf vermissten Tieren (meist Schafe) - Schaden: rund 8.000 Euro.

Angriffe auf Menschen hat es seit 1996, also seit der erste Wolf wieder in Deutschland gesichtet wurde, nicht gegeben. Übrigens: Nach Angaben der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf sind in Deutschland 2021 schon 39 Wölfe überfahren worden, im vorigen Jahr waren es 99.

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