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Hitzige Debatte: Der Wolf, die Alpwirtschaft und der Ämterfilz | BR24

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Bayern hat einen neuen standorttreuen Wolf. Eigentlich eine gute Nachricht - wären da nicht die Konflikte mit der Landwirtschaft. Die Bedenken bei den Bauern sind groß, doch wie ist die Haltung der landwirtschaftlichen Berater zum Konfliktthema Wolf?

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Hitzige Debatte: Der Wolf, die Alpwirtschaft und der Ämterfilz

In Bayern gibt es einen weiteren standorttreuen Wolf. Jedes neue Tier, das vielleicht auch ein Rudel gründen wird, entfacht die Debatte um das Konfliktthema – Wolf und Weidetiere, Landwirte und finanzielle Unterstützung, um die Tiere schützen können.

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Von
  • Doris Fenske

Von vielen begrüßt, von anderen angefeindet: Wölfe in Bayern. Um ein Nebeneinander von Weidewirtschaft und Wölfen zu ermöglichen, brauchen Landwirte finanzielle Unterstützung und konstruktive Beratung, wie sie ihre Tiere schützen können. Doch stimmen die Voraussetzungen dafür?

Insbesondere dort in Bayern, wo Tiere auf die Alm bzw. auf die Alpe geschickt werden, gibt es heftige Debatten um den Wolf.

Alpen sind natürlicher Lebensraum für Wölfe

Auch wenn die alpinen Gebiete seit Jahrtausenden sein natürlicher Lebensraum sind: Dass sich der große Beutegreifer die wieder zurückerobern könnte, lehnen viele Bauern kategorisch ab. Und so heißt es auf Plakaten und Veranstaltungen: "Kommt der Wolf, stirbt die Weide".

Naturschützer gegen "wolfsfreie Zonen"

Verbunden damit ist die Forderung, die streng geschützten Tiere zu töten und sogenannte wolfsfreie Zonen zu schaffen. Die Landwirtschaft bringe das nicht weiter, meint Thomas Frey vom Bund Naturschutz. Denn selbst wenn einzelne Wölfe getötet würden, es kämen immer wieder welche nach.

"Deswegen ist es wichtig, dass die Landwirtschaftsämter, dass die Staatsregierung, dass der Bauernverband, auch wir Naturschutzverbände gemeinsam mit den betroffenen Landwirten da guten Herdenschutz aufbauen." Thomas Frey

Fachzentrum für Alpwirtschaft ist zuständig im Allgäu

Zuständig für den Herdenschutz ist im Allgäu das Fachzentrum für Alpwirtschaft in Kempten. Das gehört zum Amt für Landwirtschaft. Bauern können sich hier beraten lassen, wie sie ihre Tiere am besten schützen und welche Zäune geeignet sind. Und auch Anträge für staatliche Fördermittel stellen. Der Leiter dieses Fachzentrums für Alpwirtschaft verbringt 20 Prozent seiner Dienstzeit in einer anderen Funktion – er ist auch Geschäftsführer des Alpwirtschaftlichen Vereins.

Wolfsgegner in leitender Funktion

Bei einem Anruf teilt er mit: Über seine Freistellung für die Verbandstätigkeit möchte er mit dem BR nicht sprechen. Aber ein Allgäuer Landwirt und ehemaliger Landtagsabgeordneter der bayerischen Grünen äußert sich dazu. Uli Leiner aus Sulzberg spricht von einer unglücklichen Konstellation. Es handele sich um einen Interessenkonflikt. Der Wolf sei gesetzlich geschützt. Aber: "Der Alpwirtschaftliche Verein will den Wolf nicht. Und zwischendrin steht praktisch der Geschäftsführer und der Vertreter von Amts wegen."

Vertritt der Geschäftsführer tatsächlich eine Position, die mit seiner Funktion als Staatsbeamter unvereinbar ist? In der Presse fällt er mit wolfskritischen Aussagen auf. So ist im Allgäuer Kreisboten zu lesen: … beim "anpassungsfähigen Wolf" sieht er keine Möglichkeit für ein Nebeneinander.

"Durch Risse von Nutztieren und den zusätzlichen Aufwand für Herdenschutz ist die Weidetierhaltung existentiell bedroht." Leiter Alpwirtschaftlicher Verein

Auch am oberbayerischen Fachzentrum für Almwirtschaft, am Amt für Landwirtschaft in Holzkirchen gibt es eine solche Verquickung: Der Leiter des Fachzentrums für Almwirtschaft ist Geschäftsführer des almwirtschaftlichen Vereins. Auch er vom Staat freigestellt.

Das Landwirtschaftsministerium hat die Dienst- und Fachaufsicht

Das bayerische Landwirtschaftsministerium erklärt, dass der finanzielle Gegenwert der Freistellung der Beamten jeweils knapp 30.000 Euro im Jahr beträgt. Die Staatsbeamten, die gleichzeitig als Verbandsfunktionäre tätig sind, unterliegen der Dienst– und Fachaufsicht. Irgendwie scheint das Problem aber erkannt worden zu sein. Denn es heißt auch: in Zukunft wolle man zwar daran festhalten, Beamte für Verbandstätigkeit abzustellen, dies aber personell und organisatorisch trennen.

Ganz anders schätzt die derzeitige Situation der SPD-Umweltexperte Florian von Brunn ein. Er könne überhaupt nicht verstehen, wie man seine Dienstzeit damit verbringen kann, für einen Interessenverband zu arbeiten. Für ihn ein Verstoß gegen das staatliche Neutralitätsgebot.

"Das wäre ja fast so, wie wenn ein Geschäftsführer eines Pharmaverbands gleichzeitig in einem Gesundheitsamt arbeitet." Florian von Brunn, SPD (MdL)

Der Freistaat und seine Beamten müssen bestehendes Naturschutzrecht umsetzen.

Biobauer ohne Angst vor dem Wolf

Aber muss man wirklich so gegen den Wolf sein wie der Alpwirtschaftliche Verein? Wenn es nach den Erfahrungen im Allgäu geht, dann wohl eher nicht. Thomas Frey vom Bund Naturschutz erzählt, dass der standorttreue Wolf seit einer ganzen Weile keine Konflikte mit der Nutztierhaltung verursache. "Der hat sich auf Rotwild spezialisiert und macht keine Probleme."

Und auch Biobauer Uli Leiner, selbst Mitglied im Alpwirtschaftlichen Verein, hält es für notwendig, sich auf praxistaugliche Lösungen zu konzentrieren, statt Abschüsse zu fordern: "Weil ich mir denke, dass wir uns einstellen müssen auf die Situation, die auf uns zukommt, mit mehr Wölfen im Allgäu."

Die staatliche Beratung, aber auch die Verbände könnten das unterstützen.

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