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Der Wolbergs-Prozess und die Medien | BR24

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Die beiden Hauptangeklagten im Regensburger Korruptionsprozess, der suspendierte OB Wolbergs und der Bauunternehmer Tretzel, wehren sich offensiv. Aber nicht nur im Gericht - auch die Berichterstattung über den Prozess wird angegriffen.

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Der Wolbergs-Prozess und die Medien

Die beiden Hauptangeklagten im Regensburger Korruptionsprozess, der suspendierte OB Wolbergs und der Bauunternehmer Tretzel, wehren sich offensiv. Aber nicht nur im Gericht - auch die Berichterstattung über den Prozess wird angegriffen.

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Der Regensburger Wolbergs-Prozess geht kommende Woche nach rund 60 Verhandlungstagen zu Ende. Auch die Berichterstattung stand im Verfahren immer wieder im Fokus.

Stefan Aigner betreibt das Online-Nachrichtenportal "Regensburg Digital". Detailliert ist der Verlauf des Mammutprozesses auf seiner Seite nachzulesen. Fast ein Jahr Gerichtsverhandlung, das kann auch zermürben, sagt Aigner. Vor allem, wenn man versuche, den Leuten die Detail-Fragen zu erklären.

Interesse an der Berichterstattung ist groß

Rund ein Dutzend Journalisten verschiedener Medien verfolgen den Prozess regelmäßig. Der lokale Fernsehsender TVA berichtet von jedem Prozesstag. Die "Mittelbayerische Zeitung" aus Regensburg hat neben den Artikeln im Blatt auch einen Podcast zum Prozess. Dazu betreibt die Zeitung auch einen Liveblog im Netz. Informationen direkt aus dem Gerichtssaal, fast in Echtzeit.

Trotz der langen Dauer des Verfahrens ist das Interesse bei vielen in Regensburg nach wie vor groß, sagt Stefan Aigner. Der Prozess habe seinem Nachrichtenportal genutzt und "etwas zu Renommee verholfen."

Medienanwalt auf Tretzels Verteidigerbank

Doch die Journalisten stehen auch unter Druck. Gleich zu Beginn des Prozesses hat der mitangeklagte Immobilienunternehmer Volker Tretzel auf seiner Verteidigerbank einen bekannten Medienanwalt positioniert. Dieser versucht in mehreren Fällen auch juristisch gegen die berichtenden Medien vorzugehen. Mal mit netten Bitten, mal mit Unterlassungserklärungen.

Stefan Aigner meint, der Medienanwalt sitze im Verfahren, um subtilen Druck aufzubauen. Er habe sich davon jedoch nicht beeindrucken lassen.

© pa/dpa/Armin Weigel

Joachim Wolbergs (r) und Volker Tretzel auf dem Weg zum Verhandlungssaal, 25.6.2019

Wolbergs beklagt Berichte als einseitig und falsch

Der angeklagte Oberbürgermeister Joachim Wolbergs hat dagegen keinen Medienanwalt engagiert. Doch auch er wehrt sich öffentlich gegen die aus seiner Sicht oft falsche und einseitige Berichterstattung. Einzelne Medien, darunter auch den Bayerischen Rundfunk, hat Wolbergs daher wiederholt kritisiert: im Gericht, in Videobotschaften auf seiner Facebookseite, aber auch in TV-Interviews. Besonders ein Artikel aus einem Nachrichtenmagazin macht Wolbergs noch heute sichtbar zu schaffen.

"Im 'Focus' ist ein Artikel über meine Verhaftung erschienen. Jeder Satz ist falsch. Jeder Satz." Joachim Wolbergs

Wolbergs sei von einer SEK-Einheit mit Maschinenpistolen im Anschlag festgenommen worden. In Handschellen sei der Oberbürgermeister abgeführt worden, heißt es im Artikel. Die Hauptverhandlung hat gezeigt: Nichts davon stimmt.

"Der das geschrieben hat, der hat keinen Funken Anstand. Keinen Millimeter Anstand, denn das ist eine erfundene Geschichte. Ich habe mich immer gefragt: Warum machen die bei dem Relotius so einen Aufschrei. Ich habe am eigenen Leib erlebt: eine erfundene Geschichte." Joachim Wolbergs

Wolbergs: Vertraue Medien nicht mehr

Auch andere Medien hätten sich von Anfang an auf ihn eingeschossen. Ihn vorverurteilt, sagt Wolbergs. Trotz Unschuldsvermutung sei er laufend in die Schublade des korrupten Politikers gesteckt worden. Die gravierenden Ermittlungsfehler der Staatsanwaltschaft – darunter Grundrechtsverstöße, die auch das Gericht kritisiert hat – seien dagegen viel zu wenig thematisiert worden. Wolbergs sagt, er glaube Nachrichten nicht mehr uneingeschränkt, wegen seiner Erfahrungen mit den Medien.

Journalisten dürfen nicht empfindlich sein

Auch wenn er einzelne Berichte wie den "Focus"-Artikel ähnlich kritisch sieht wie der Oberbürgermeister, weist Online-Journalist Aigner Wolbergs Pauschal-Kritik – auch an seiner Arbeit – zurück. Große Fehler sehe er bei sich nicht, auch wenn er vielleicht aus heutiger Sicht die ein oder andere Schlagzeile anders formulieren, oder ein anderes Bild auswählen würde. Er sagt aber auch, als Journalist dürfe man "kein Glas-Kinn haben" - die Reaktion von Wolbergs auf die Medienberichte gehöre zum "Spiel".

"Das ist halt ärgerlich für Wolbergs und die anderen, dass sie jetzt so eine große Berichterstattung erfahren, das liegt aber nicht an den Medien, sondern an den Vorwürfen." Stefan Aigner

Auch Wolbergs selbst räumt ein, dass er die Berichterstattung nur aus seinem eigenen Blickwinkel sieht: "Natürlich bin ich da teilweise in der Beurteilung auch ungerecht. Denn als Betroffener ist man immer ungerecht. Ist doch klar, bei mir kommt das immer subjektiv an." Um seine Sicht auf den Fall deutlich zu machen, nutzt er einen eigenen Kanal: Videobotschaften auf Facebook.

Nach dem Prozess ist vor dem Prozess

Kommende Woche soll der Prozess zu Ende gehen. Egal wie es ausgeht, Wolbergs fürchtet, dass auch danach noch viel über ihn berichtet werden wird. Stefan Aigner hofft hingegen, sich auf seiner Internetseite auch wieder mehr um andere Themen kümmern zu können. Doch die Vorwürfe gegen Wolbergs werden ihn schon bald wieder einholen. Eine zweite Korruptionsanklage gegen den Oberbürgermeister ist vom Gericht bereits zugelassen worden.