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Trauer um Mariss Jansons: Persönliche Erinnerungen | BR24

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BR-Moderator Tilman Seiler im Gespräch mit Johannes Grotzky zum Tod von Mariss Jansons

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Trauer um Mariss Jansons: Persönliche Erinnerungen

Mariss Jansons zählte zu den bedeutendsten Dirigenten weltweit. Der ehemalige BR-Hörfunkdirektor Johannes Grotzky hat Jansons 2003 in München eingeführt und viele Jahre begleitet. Eine persönliche Würdigung.

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Ein Mann, der offensichtlich nie Schlaf brauchte, ein Mann, der sich für die Musik wie auch für andere Menschen verzehrte, ein Mann, der voller Anteilnahme und Bewunderung für die Leistungen seiner künstlerischen Kollegen war, obwohl er selbst zu den Größten seiner Zunft gehört hat. So habe ich Mariss Jansons in Erinnerung.

Bevor Mariss Jansons zum Bayerischen Rundfunk kam, haben mich der damalige Intendant Albert Scharf und sein Nachfolger Thomas Gruber mit Jansons bei einem Konzert mit den Wiener Philharmonikern bekannt gemacht. Nur ihnen, den Berliner Philharmonikern und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks blieb Jansons bis zu seinem Lebensende verbunden, obwohl er mit Einladungen aus aller Welt bestürmt wurde.

Der Beginn einer langen Freundschaft

Doch bevor die eigentliche Zusammenarbeit begann, stand ich als Anfänger im Amt und unerfahren mit dem Orchesterbetrieb ziemlich hilflos da, zumal auch Jansons' Vorgänger und der Orchestermanager vorfristig ihre Positionen geräumt hatten. In einer konzertierten Aktion nahmen mich Mariss Jansons und der Orchestervorstand unter ihre Fittiche. Jansons wurde zu meinem Ansprechpartner, egal wo in der Welt er sich gerade aufhielt. Seither hatte sich bei mir der Eindruck verfestigt: Der Mann schläft nie und ist immer präsent, wenn man ihn braucht. Umgekehrt konnte Mariss aber auch dasselbe verlangen. Professionalität bei Leitungsaufgaben wie in der Musik hatte für ihn einen hohen Stellenwert.

Bald kamen wir uns persönlich nahe, so dass Jansons mir anbot, ihn überall zu besuchen und zu begleiten, wo er sich zu Hause fühlte oder arbeitete. Der Familienmensch Jansons kümmerte sich mit Hingabe um seine Familie in Sankt Petersburg, förderte junge Künstler, führte mich zu den Stätten seiner Jugend und liebte es, in Anekdoten an die alte Sowjetzeit anzuknüpfen.

Jansons' Anekdote über die Liebe

Seine Lieblingsanekdote bezog sich auf die unerquicklichen Parteiversammlungen, zu denen die Studierenden des Konservatoriums im damaligen Leningrad regelmäßig genötigt wurden. Plötzlich, so die Anekdote von Jansons, prangte ein großer Aushang am Schwarzen Brett des Konservatoriums. "Heute Abend Vollversammlung zum Thema Liebe". Unerwartet freudig strömten alle in den großen Saal. Der Parteisekretär des Konservatoriums kam auf die Bühne und begann mit den Worten: "Heute Abend geht es um das Thema Liebe." Frenetischer Applaus von den jungen Studierenden. Dann fährt er fort: "Wie sie wissen, gibt es drei Formen der Liebe. Erstens die Liebe zu den Eltern, die sie bereits kennengelernt haben. Zweitens die Liebe zwischen Erwachsenen. Dafür sind Sie aber noch nicht reif. Drittens aber gibt es als höchste Form die Liebe zur Partei. Und darüber reden wir heute Abend."

Fußball war neben der Musik seine Leidenschaft

Jansons war vielsprachig, sprach aber als Kind Lettisch. Russisch musste er sehr schnell lernen, nachdem sein Vater aus Lettland nach Leningrad umzog und Jansons sonst in der Schule total isoliert gewesen wäre. Besondere Anerkennung verschaffte er sich aber als Schüler zunächst nicht mit seinen künstlerischen, sondern mit seinen sportlichen Fähigkeiten. Sein Leben lang kam er darauf zurück, dass er eigentlich gerne Profifußballer hätte werden wollen. Und ein gutes Fußballspiel konnte ihn genauso erfreuen wie ein schönes Konzert. Eine besondere Verbindung zwischen uns und auch seiner Frau Irina ist die gemeinsame russische Sprache geblieben.

© privat

Mariss Jansons (l.) und Dr. Johannes Grotzky

Mitfühlend und voller Lebensfreude

Jansons war ein Mensch voller Anteilnahme. Da er mit körperlichem Leid besonders seit seinem ersten schweren Herzinfarkt bestens vertraut war, nahm er auch intensiv am Leid anderer teil. Als ich mit einer etwas größeren Krebsoperation im Krankenhaus lag, verging kein Tag, an dem Jansons nicht anrief, Blumen oder Grußkarten schickte. So etwas kann man einfach nicht vergessen.

Jansons konnte aber auch spitzbübisch und voller Witz sein. Wenn er die richtige Umgebung hatte, konnte er Abende lang noch viele weitere Anekdoten erzählen, herzhaft lachen und sich des Lebens freuen.

Eine weitere Lebensfreude für ihn war das Autofahren. Ich habe ihn in Petersburg und bei seinem Domizil in der Nähe von Locarno nicht nur als guten, sondern auch als zügigen Autofahrer erlebt, nach dem Motto: Immer genau 60 km/h pro Stunde, aber pro Person im Auto.

Familie, Freunde und Fans - er hatte ein Herz für alle

Wenn Jansons auf Tournee war, wurde er von seinen Fans vor allem in Japan und Südkorea wie ein Rockstar gefeiert – und zwar von sehr vielen jungen Menschen. Einmal stellten wir in Tokio die Neuedition eines Zyklus von Beethoven-Symphonien vor. Die Fans standen stundenlang Schlange rund um die Santory Hall und Jansons saß ebenso geduldig stundenlang beim Signieren und hatte für jeden Fan noch ein aufmerksames Wort.

Jansons liebte seine Familie, pflegte seine Freundschaften und war einer der großherzigsten Gastgeber, die ich je erleben durfte. In Petersburg hat er Feste ausgerichtet, die zu Recht in alten Adelspalästen stattfanden. Nur legte Jansons sich selbst größte Zurückhaltung beim Essen und Trinken auf. Für viele wirkte er dabei geradezu asketisch. Er wusste um seine fragile Gesundheit. Seine liebevolle und stets besorgte Frau ließ ihn nie aus den Augen, begleitet ihn nicht nur auf allen Reisen, sondern saß in allen Proben und Vorstellungen, weil sie wusste, unter welchem Stress Mariss Jansons arbeitete und wie gefährlich dieser Stress für ihn werden könnte.

Seiner Frau und seiner Familie gilt das Mitgefühl aller Menschen, die Jansons geschätzt, verehrt und geliebt haben.

© BR

Der Chefdirigent des Chores und Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks Mariss Jansons ist tot. Das bestätigte die Ehegattin des preisgekrönten Dirigenten.