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Gedenkstätte Konzentrationslager Dachau
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Autoren

BR24 Redaktion
Thies Marsen
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Gedenkstätte Konzentrationslager Dachau

Das vergangene Jahr 2018 war ein Jahr der Erinnerung: 100 Jahre Ende des Ersten Weltkriegs, 100 Jahre Revolution und Freistaat Bayern – aber auch 80 Jahre Zerstörung der jüdischen Synagoge in München und 80 Jahre Reichspogromnacht. Nach einer Veranstaltung im Alten Münchner Rathaus gab Reichspropagandaminister Goebbels damals den Befehl für die Zerstörung jüdischer Geschäfte, Einrichtungen und Gotteshäuser in ganz Deutschland. Es gibt nur noch wenige, die die Schrecken der Nazi-Zeit selbst erlebt haben, es stellt sich also immer dringender die Frage: Wie gehen Bürgerinnen und Bürger, Städte und Gemeinden in Oberbayern mit der Erinnerung an die Nazi-Verbrechen um?

800.000 Menschen besuchen jedes Jahr die KZ-Gedenkstätte Dachau

Die KZ-Gedenkstätte Dachau, die früher heftig angefeindet wurde, insbesondere aus der Kommunalpolitik, ist mittlerweile akzeptiert. Nicht nur, dass das ehemalige Lager alljährlich rund 800.000 Besucher anzieht – von der Schulklasse über Touristen bis hin zu Nachkommen einstiger Insassen. Auch hochrangige Vertreter des Freistaates und der Bundesregierung, die die Gedenkstätte früher regelrecht mieden, sind inzwischen regelmäßig zu Gast. Wenig voran geht derzeit allerdings bei einigen schon lange geplanten Projekten der Gedenkstätte. So sollen etwa die Nachbauten der Häftlingsbaracken am einstigen Appellplatz neu konzipiert und der einstige Kräutergarten im Norden des Lagergeländes erschlossen werden. Doch die dafür nötigen politischen Beschlüsse und finanziellen Zuschüsse lassen auf sich warten.

Noch lange nicht fertig: Gedenkort nahe Mühldorf am Inn

Nahe Mühldorf, zwischen Ampfing und Waldkraiburg, ist erst im vergangenen April ein Informations- und Gedenkort eingerichtet worden, ebenso eine Dauerausstellung in der Stadt Mühldorf. In der Gegend hatten in einem Außenlager des KZ Dachau tausende jüdische Menschen unter schrecklichsten Bedingungen Zwangsarbeit für die deutsche Bau- und Rüstungsindustrie leisten müssen, viele wurden ermordet. Noch Anfang der 1990er Jahre plante die Bundesvermögensverwaltung, die letzten Spuren dieses Verbrechens dem Erdboden gleichzumachen. Lokalpolitikern und der Geschichtswerkstatt Mühldorf ist es zu verdanken, dass es nicht so weit gekommen ist, sondern nun, nach jahrzehntelangen Auseinandersetzungen, ein Gedenkort geschaffen wurde. Fertig ist das Projekt allerdings noch längst nicht.

In Landsberg geht wenig voran

Auch in Landsberg am Lech waren es vor allem Bürgerinnen und Bürger, die die grausame Geschichte ihrer Stadt vor dem Vergessen bewahrten: Ähnlich wie in Mühldorf mussten auch rund um Landsberg tausende meist jüdische Häftlinge in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs Zwangsarbeit leisten – im KZ-Außenlagerkomplex Kaufering. Nach neuesten Schätzungen wurden hier über 6.000 Menschen ermordet. Auch sonst gibt es in Landsberg so einiges aufzuarbeiten: Hier saß Hitler in Festungshaft, verfasste im Gefängnis den ersten Teil von "Mein Kampf", später wurden in der selben Haftanstalt zahlreiche deutsche Kriegsverbrecher von den Amerikanern hingerichtet.

Doch die Erinnerungsarbeit in Landsberg ist aktuell ins Stocken geraten. Dabei gab große Pläne für ein Dokumentationszentrum in der Stadt oder auch auf einem ehemaligen Lagergelände. Eine teure Machbarkeitsstudie wurde erstellt, eine Arbeitsgruppe unter dem ehemaligen Minister Thomas Goppel gebildet – doch herausgekommen ist bislang nichts. "Das liegt am gesellschaftlichen Rechtsruck", glaubt ein Insider. Schließlich sei auch in Bayern jetzt eine Partei im Landtag, deren führende Vertreter eine Wende in der Erinnerungspolitik um 180 Grad fordern, und der es offenbar gelinge, auch beim Thema NS-Gedenken die gesellschaftliche und politische Debatte zu beeinflussen. Das Projekt NS-Dokuzentrum Landsberg liegt aktuell jedenfalls auf Eis.

Vieles liegt in Dunkeln

Landsberg, Mühldorf, Dachau und München mit seinem NS-Dokuzentrum sind die wichtigsten und bekanntesten Erinnerungsorte in Oberbayern. Tatorte der NS-Verbrechen aber gb es viel mehr, insbesondere KZ-Außenlager. Zum Beispiel in Germering, Allach, Eching oder Emmerting. Nazi-Verbrechen existierten darüber hinaus in fast jedem Ort.

Zum Beispiel sogenannte Arisierungen: Juden wurden enteignet, verjagt, deportiert, ermordet, ihren Besitz rissen sich sich Nazi-Funktionäre oder nichtjüdische Nachbarn unter den Nagel. Manchmal profitierte davon auch der örtliche Schützenverein, der so günstig an ein arisiertes Grundstück kam. Auch die sogenannte "Euthanasie" betraf fast jeden oberbayerischen Ort und viele Familien: Hunderte Menschen wurden interniert, teils zwangssterilisiert oder auch ermordet, weil sie behindert waren, weil sie Krankheiten wie Multiple Sklerose hatten oder weil sie einfach von einem missgünstigen Nachbarn denunziert worden waren. Diese Teile der Geschichte werden aber nur selten großflächig aufgearbeitet.

Dennoch ist in den vergangenen Jahrzehnten viel passiert. Es gibt Ausstellungen, Bücher, Mahnmale und viele Menschen in Oberbayern, Lokalhistoriker und Initiativen, die die Nazi-Zeit in ihren Orten erforschen. Es geht dabei nicht nur um früher – es geht auch ums heute: Wie konnte so etwas passieren, kann es wieder passieren? Können wir es verhindern und wenn ja, wie? Diese Fragen werden immer aktuell bleiben.