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Der Kampf um Kies und Sand | BR24

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Sand steckt in vielen Gegenständen: in Glas, Elektrogeräten, Kosmetikartikeln und vor allem im Beton. Sand und sein "großer Bruder" Kies sind so gefragt, dass in einigen Ländern die Sand-Mafia ganze Strände abträgt. Warum wird Sand knapp? fragBR24

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Der Kampf um Kies und Sand

Sand und Kies sind wegen des Baubooms in Bayern gefragt wie nie. Da bestehende Gruben aber nach und nach leergebaggert sind, halten die Unternehmen Ausschau nach neuen Flächen. Aber es gibt Widerstand.

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Der Bauboom in Bayern hat Sand und Kies wertvoll gemacht. Die Rohstoffe sind heiß begehrt. Der Bedarf in Bayern an heimischen mineralischen Rohstoffen für die Bauwirtschaft liegt bei ca. 150 Mio. Tonnen pro Jahr, allein Sand und Kies machen, Branchenschätzungen zufolge, rund 85 Mio. Tonnen aus.

Und der Rohstoff wird immer wichtiger und wertvoller. Denn in ganz Bayern werden zahlreiche neue Wohnungen errichtet und das Straßennetz ausgebaut. Aus wirtschaftlicher Sicht sei es dabei aber wichtig, dass der Kies regional gewonnen werde, betont IHK-Rohstoffexperte Björn Athmer. Kies müsse da abgebaut werden, wo er auch gebraucht wird.

"In einem Radius von ungefähr 25 Kilometer macht es Sinn, Rohstoffe abzubauen und dort auch zu verbauen. Bei ungefähr 50 Kilometer Entfernung wird es unrentabel. Dann übersteigen die Transportkosten die Kosten für den Rohstoff." Björn Athmer, IHK München/Oberbayern

Bayerischen Unternehmen fehlen aber nicht nur Sand und Kies

38 Prozent der befragten Unternehmen in Bayern berichten im aktuellen "Rohstoffreport" von Versorgungsengpässen bei heimischen Rohstoffen wie Tonerde, Granit, Sand oder Kies. Auch das Bauunternehmen Glöckle in Grafenrheinfeld in Unterfranken ist betroffen und fürchtet, dass ihm in den nächsten Jahre der Kies ausgeht, so Gesellschafter Klaus Glöckle.

"Wir werden nur noch etwa für vier bis fünf Jahre Kiesvorräte haben. Das geht aber nicht nur uns so, sondern auch den umliegenden Kiesunternehmen. Wenn wir die Genehmigung nicht bekommen, muss der Kies aus 50 oder 250 Kilometer angefahren werden." Klaus Glöckle, Gesellschafter der Firma Glöckle

Auch andere Unternehmen klagen. Beispielsweise die Lenz Ziegler Reifenscheid GmbH (LZR), eines der größten Rohstoffunternehmen in der Volkacher Mainschleife. Laut der LZR reichen ihre Vorkommen nur noch für die nächsten fünf bis sechs Jahre.

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Grafenrheinfeld: Der Firma Glöckle geht hier in den nächsten vier bis fünf Jahre der Kies aus.

Zunehmender Widerstand gegen Kies- und Sandabbau

Unter anderem aber der wachsende Widerstand in der Bevölkerung mache es den Unternehmen schwer, neue Fläche zu finden, klagt Hermann Reifenscheid von der LZR-Kitzingen. Dort sollen an der Mainschlaife neue Abbaugebiete entstehen.

"Das Problem in Bayern ist, dass zwei Drittel der Landesfläche geschützt ist durch Naturschutz. Wir haben Bürgerinitiativen gegen uns laufen. Es wird also immer schwieriger an die entsprechenden Grundstücke ranzukommen." Hermann Reifenscheid, Seniorchef der LZR-Kitzingen

Abbaugebiete in der eigenen Gemeinde sind höchst unbeliebt - Lärm, Gefahren durch Lkws und die Zerstörung der Landwirtschaft sind die Argumente gegen derartige Projekte. Und es sind auch die Kritikpunkte der Gemeinde in Grafenrheinfeld gegen die Pläne der Firma Glöckle.

Diese plant, auf dem Gebiet der Gemeinde Grafenrheinfeld Sand und Kies im Nassabbauverfahren zu gewinnen. Das Vorhaben umfasst eine Fläche von ca. 85 Hektar, auf denen rund 4,8 Mio. Tonnen Sand und Kies abgebaut werden sollen. Der Abbau soll abschnittsweise über einen Zeitraum von insgesamt 25 bis 30 Jahren erfolgen. Derzeit läuft ein Raumordnungsverfahren bei der Regierung von Unterfranken, die das Vorhaben prüft.

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Die Gemeinde Grafenrheinfeld hat eine Fläche von 85 Hektar mit Schildern abgesteckt, auf der die Firma Glöckle bald Kies abbauen möchte.

Was passiert nach dem Abbau?

Der gesamte Gemeinderat von Grafenrheinfeld ist gegen einen Ausbau des Kieswerks der Firma Glöckle. Aus Protest wurden rote Schilder aufgebaut. Diese sollen die Größe des geplanten Abbaugebietes demonstrieren.

Laut dem Bund Naturschutz-Kreisvorsitzenden Edo Günther würden dauerhaft 24 Hektar landwirtschaftliche Flächen verloren gehen. 55 Hektar sollen wieder verfüllt werden. Es werde jedoch laut Günther vier bis fünf Jahre dauern, bis die eingebrachte Erde wieder eine normale Bodenfunktion übernehmen kann. Zudem sei keineswegs gesichert, dass für die Verfüllung der abgebauten Flächen genügend geeignetes Material beschafft werden könne und dass die aufgefüllten Flächen wieder die jetzige Bodengüte erreichen, kritisiert Günther.

Auch Bürgermeister Gerhard Riegler macht deutlich: die Firma sage, es dauere 30 bis 50 Jahre bis alles verfüllt sei. Dann müsse man sich vorstellen, dass zahllose LKW durch Grafenrheinfeld fahren, um das Abbaumaterial wieder zu bringen, um die Fläche zu verfüllen.

Seiner Meinung reicht es. Grafenrheinfeld habe genug Kies hergegeben. Außerdem ist aus seiner Sicht durch den Abbau auch der Grundwasserpegel von Grafenrheinfeld gefährdet. Deshalb wehrt sich nun der gesamte Gemeinderat mit Anwälten und Bürgergesprächen. Das Ziel: Selbst im Falle einer Genehmigung durch die Regierung, soll das Land nicht an die Firma verkauft werden. Die Landwirtschaft soll geschützt werden, weitere Seen in der Gemeinde Grafenrheinfeld sollen verhindert werden.

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Eine alte Kiesgrube ist nun in der Gemeinde Grafenheinfeld ein See.

Kiesabbau in Bayern - Schätzungen, keine verlässlichen Zahlen

2010 gab es laut dem Bayerischen Industrieverband 1.120 Gewinnungsstätten von Kies und Sand. Das bayerische Wirtschaftsministerium schätzt, dass es aktuell zwischen 1.600 und 1.700 Abbaustätten in Bayern gibt. Konkrete Zahlen kann es jedoch nicht nennen, da Unternehmen im Kiesabbaugewerbe, die weniger als zehn Mitarbeiter beschäftigen, nicht verpflichtet sind, ihre Daten an die Statistikämter zu übermitteln. Laut dem Wirtschaftsministerium bedienen diese Kleinstunternehmen jedoch die Hälfte der Nachfrage.

Auch der "Bayerische Industrieverband Baustoffe, Steine und Erden e.V." verweist darauf, dass aktuell keine genauen Produktionszahlen vorliegen. Jedoch schätzt er die jährliche Fördermenge der bayerischen Sand- und Kiesindustrie auf ca. 85 Mio. Tonnen. Damit ist die Sand- und Kiesindustrie mengenmäßig der bedeutendste Zweig der bayerischen Rohstoffgewinnung.