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Der Instagram-Wahnsinn in Bayern | BR24

© picture alliance / dpa Themendienst

Symbolbild: Jugendliche beim Fotografieren für Social Media

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Der Instagram-Wahnsinn in Bayern

Instagram erfreut sich reger Beliebtheit. Über eine Milliarde Nutzer posten täglich unzählige Fotos und Videos - auch von Urlaubsorten. Für diese kann dies Werbung sein. Bayerische Orte nutzen diesen Effekt - oder sie versuchen gegen ihn anzukämpfen.

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Dicke Wolken hängen an den steil abfallenden Bergwänden. Der Regen tröpfelt. Doch der Königssee bietet sogar bei diesem Wetter eine atemberaubende Kulisse. Am Malerwinkl lässt er sich bildstark und vor allem gefahrlos in Szene setzen. Für ein Foto weiter oben bei den Wasserfällen bringen sich einige Urlauber aber teilweise in Lebensgefahr.

"Einen sehr schweren Unfall haben wir letztes Jahr schon gehabt, wo ein Mädel nur knapp dem Tod entronnen ist. Es führt halt da hinter kein befestigter Weg, du bist auf einem alpinen Steig oder im freien Gelände und da mangelt es den Leuten, ich möchte nicht sagen an der Ausrüstung, aber an der realistischen Selbsteinschätzung, was kann ich eigentlich." Lorenz Köppl, Wegereferent Nationalpark Berchtesgaden

Hauptsache Foto - der Rest ist egal

Ein Foto zieht hunderte Nachahmer an. Bei den Königsbachwasserfällen ist es ein Becken im Bachbett, von dem aus man einen Blick über den Königssee hat. Das Wasser ist aber eiskalt und dahinter geht es 50 Meter steil hinab. "Natural Infinity Pool" nennt die Instagram-Gemeinde diesen Ort.

"Da hinten bei diesem "Infinity Pool", der durch die gesamten sozialen Netzwerke kreist, da kannst du auch an Schlechtwettertagen viele Pärchen beobachten, die nur wegen dem Foto da oben sind. Das Mädel muss dann in den Pool hüpfen, im Bikini üblicherweise, der Bub macht das Foto und dann raus und die nächsten zwei. Und die sind dann auch wieder weg. Die Wahl, wo man hingeht, wird nicht mehr davon abhängig gemacht, ob man da einen schönen Tag verbringt, sondern dass man irgendwo ein geiles Foto schießt." Lorenz Köppl, Wegereferent Nationalpark Berchtesgaden

Sicherheit und Naturschutz spielen keine Rolle

Gerade eben beobachtet Lorenz Köppl drei junge Leute, die sich auf den Weg zu den Wasserfällen machen. Da der Weg heute bei Regen teilweise überschwemmt ist, haben sie ihre Schuhe ausgezogen und gehen barfuß durchs Wasser und dann weiter über den scharfkantigen Fels. Kurz vorher warnt ein Schild: Lebensgefahr! Die eigene Sicherheit spielt keine große Rolle, die Natur auch nicht.

"Der Platz war, nachdem er von Influencern entdeckt wurde, sehr schnell komplett zertrampelt. Die ganze Vegetation ist weg, da ist alles braun. Das ist auch jetzt noch so. Es lag eine Zeit lang sehr viel Müll rum, auch menschliche Hinterlassenschaften hast du hinter jedem Baum gefunden. Und es gab auch Feuerstellen." Lorenz Köppl, Wegereferent Nationalpark Berchtesgaden

Keine Reise ohne Instagram-Foto

Ortswechsel: Münchner Marienplatz - auch hier sind viele auf Fotojagd. Die beiden 19-jährigen Freundinnen Kathrin und Lisa nutzen natürlich auch Instagram auf ihren Handys. Auf Reisen gehöre es einfach dazu.

"Dieses typische Eiffelturmbild, wo man die Spitze berührt, das versteh ich auch, denn es ist ein cooles Bild."

Trotzdem hatten die beiden jungen Mädchen auch schon Momente, in denen sie der Hype um die schönen Bilder zum Nachdenken bringt, zum Beispiel auf einer Reise nach Myanmar:

"Dann kommst du an alte Tempel und dort sind 200 Leute oben drauf, so dass du Angst haben musst, dass der Tempel einstürzt. Ich finde es eigentlich hauptsächlich schade für die Einheimischen. Für die sind es ja doch Geburtsstätten."

Während sich Touristen-Ströme im analogen Zeitalter langsam entwickelten und so den lokalen Strukturen Zeit gaben, mit ihnen zu reifen, kann der Einfall fast über Nacht zum Problem werden.

"Deshalb sollte niemand überrascht sein, wenn mal ein schöner Fleck in dieser Erde postet und Tausende zur gleichen Zeit, vielleicht in den Sommerferien, diesen Platz besuchen. Denn eines ist klar, Instagram ist für viele deutsche und für mittlerweile 90 Prozent der Millennials eine Schlüsselinspirationsquelle, um einen Ort zu besuchen." Prof. Armin Brysch, Experte für digitales Marketing

"Instagramability" wichtiger als klassische Reisegründe

Dass der Foto-Faktor beim Reisen immer wichtiger wird, ist belegt. In der Studie eines britischen Ferienhaus-Versicherers von 2017 gaben Menschen zwischen 18 und 33 Jahren an, ihre Urlaubslocation zuerst nach deren "Instagramability" auszusuchen. Billiger Alkohol, lokale Küche oder gar Sightseeing lagen abgeschlagen dahinter.

Einige Urlaubsorte wollen diesen Effekt ganz bewusst einsetzen: In Bad Wörishofen im Unterallgäu hat man sich zum Beispiel ganz bewusst eine digitale Strategie überlegt. Vom Image als "Alte-Leute-Ort" will der Kneippkurort weg. Über ihren Instagram-Auftritt kommuniziert Bad Wörishofen kurze Kneipp-Zitate als Gedankenanstoß im Alltag.

Urlaubsorte können Instagram-Hype für sich nutzen

Sucht man auf Instagram einen Ort, findet man oft die immer gleiche Einstellung davon: Marketing-Experte Brysch rät, bewusst andere Motive zu suchen.

"Instagram ist sehr geeignet, über visuelle Kommunikation Stimmungen und Erfahrung, Gefühle zu positionieren und eben nicht nur menschenleere Plätze in Naturkulisse. Es geht darum, Emotionen, Freude, Leidenschaft, Naturbegeisterung zu kommunizieren." Prof. Armin Brysch, Experte für digitales Marketing

In Bad Wörishofern will man langfristig noch mehr Aufmerksamkeit nach außen schaffen. Rund 1.200 Menschen haben den Kanal derzeit abonniert. Das müssen mehr werden. Dabei soll auch eine Influencerin helfen.

"Ich empfehle in solchen Fällen, zu überlegen, welche Influencer zum Publikum oder der Zielgruppe passt. Teilweise gibt es sehr erfolgreiche Influencer mir 10.000 Followern. Die arbeiten in einer Nische und kommunizieren tolle Botschaften. Auf der anderen Seite haben wir Influencer in der Reisebranche mit zwei Millionen Followern, die Interesse beim breiten Publikum wecken können." Prof. Armin Brysch, Experte für digitales Marketing

Zwei Millionen Follower - sie sehen ein tolles Foto und denken: Dort möchte ich auch hin! In Städten wie München oder Rothenburg ob der Tauber haben sie weniger Probleme mit den fotografierenden Massen. Doch das muss gut überlegt sein. Denn die Massen wieder wegzubekommen, ist viel schwerer.

Fotogene Plätze leiden unter Ansturm der Insta-Generation

Viele fotogene Plätze in den Alpen werden durch die Bilder zu Instagram-Hotspots. Sie erleben einen massenhaften Besucheransturm. Mit Folgen, die vor Ort kaum noch zu bewältigen sind. Am Schrecksee im Naturschutzgebiet Allgäuer Hochalpen gibt es Probleme mit Leuten, die dort verbotenerweise campen, feiern und Müll hinterlassen.

Auch der Geroldsee und der Barmsee in Oberbayern bieten eine perfekte Kulisse. Auf den Posts nicht zu sehen: die Horden, die die Wege zertrampeln, um ein Foto zu schießen. Genau wie an den Wasserfällen vom Königssee. Über ein Verbot wurde bereits nachgedacht, um die sensible Natur zu schützen.

"An Plätzen, an denen es Natur fachkundige Gründe gibt, könnten wir ein zeitlich befristetes Betretungsverbot erheben. Das heißt, wir können diese Flächen komplett aus der menschlichen Nutzung herauszunehmen. Darüber wurde nachgedacht. Es ist nur so, wenn du so ein Verbot nicht auf der Fläche umsetzen kannst, sprich es kontrollieren und sanktionieren kannst, dann ist es wirkungslos. Deswegen haben wir gesagt: Lassen wir es." Lorenz Köppl, Wegereferent Nationalpark Berchtesgaden

Am Königssee haben nun vor kurzem Einheimische etwas gegen den Instagram-Wahnsinn unternommen – sie haben eine Buche, mitten in den Pool, gefällt und damit versucht das Motiv zu zerstören.