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"Ich lebe wieder": Der frühere Domspatz Udo Kaiser erzählt | BR24

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Udo Kaiser

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    "Ich lebe wieder": Der frühere Domspatz Udo Kaiser erzählt

    Udo Kaiser wurde bei den Domspatzen misshandelt und missbraucht. Später wurde er als Nestbeschmutzer beschimpft. Nach einer zehnjährigen Lebenskrise ist der Opernsänger wieder da – und macht mit den heutigen Domspatzen Präventionsarbeit.

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    Udo Kaiser hat alles erlebt. Bis Anfang der Sechzigerjahre war der gebürtige Münchner bei den Regensburger Domspatzen, trat als Sopransolist mit dem Chor in den Konzerthäusern Europas auf. Neben dem Glanz und dem Erfolg erlebte er als Kind aber auch die Abgründe menschlichen Handelns in der katholischen Vorzeige-Einrichtung: Erniedrigungen, Schläge, sexuellen Missbrauch.

    Kirchenvertreter bezeichneten ihn als Lügner

    Trotz dieser traumatischen Erfahrungen studierte Kaiser Gesang, wurde Tenor. Doch um das Jahr 2010 holte ihn die Vergangenheit wieder ein: Er verlor die Stimme und musste seinen Beruf als Sänger aufgeben. Viel schlimmer noch: Als er sich als eines der ersten Missbrauchs-Opfer bei den Domspatzen an die Öffentlichkeit wandte, glaubte die katholische Kirche ihm nicht und teilt ihm mit, sein Fall sei kein sexueller Missbrauch gewesen. "Es ist nicht so schlimm, dass man mir die Kindheit genommen hat", sagt Kaiser heute bitter.

    "Viel schlimmer war, dass man mich als erwachsenen Mann als Lügner bezeichnet hat. Das ist viel schmerzhafter, das muss man überwinden." Udo Kaiser

    Kaiser wurde depressiv, schaffte es erst nach vielen Jahren, mit Hilfe von Freunden, durch Therapien und durch die Mitarbeit im Aufarbeitungsgremium aus dem dunklen Tunnel wieder heraus zu kommen. Am Ende dieser Arbeit stand die Anerkennung seines Leides durch die Kirche – nach Jahren, in denen Aufklärung und Aufarbeitung nicht vorankamen.

    Im Februar 2019 geschieht das Unvorstellbare

    Heute ist er darüber hinweg, macht sogar Präventionsarbeit mit den Schülern im Domspatzen-Gymnasium. Keinem jungen Sänger solle passieren, was ihm passiert sei vor mehr als 60 Jahren. Der offene Umgang der Domspatzen-Verantwortlichen mit der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle hat das möglich gemacht.

    Im Februar 2019 geschieht dann das Unvorstellbare: Die Schüler des Domspatzen-Gymnasiums laden ihn und zwei andere Ehemalige ein, damit sie über ihre traumatische Vergangenheit im Domchor als Opfer von Missbrauch und Misshandlungen sprechen.

    Bei der Begrüßung sagt der damalige Schulleiter Berthold Wahl über die Verbrechen der Vergangenheit: "Es ist Teil unserer Geschichte, zu der wir stehen, für die wir uns schämen müssen. Wir dürfen sie nicht verbergen und unsere Schüler wollen es wissen und haben das Recht, es zu wissen." Für Kaiser ist wichtig, dass Wahl sich bei ihm im Namen der Institution entschuldigt. Die Präventionsarbeit mit 400 Domspatzen ist für ihn eine späte Genugtuung.

    "Ich sehe das Haus offen"

    Der Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt, die Fragen der Schüler zu dem, was in der Domspatzen-Institution in der Vergangenheit passiert ist, nehmen kein Ende. Am Schluss der Veranstaltung ist Kaiser tief bewegt, ihn hat besonders die fundierte und kritische Diskussion mit den Schülern überrascht.

    "Ich kann nur den Hut ziehen, vor der Schule, vor den Pädagogen: Dass sie nämlich solche Menschen herangebildet haben. Ich sehe das Haus offen." Udo Kaiser

    Für den ehemaligen Domspatzen lautet die wichtigste Erkenntnis nach 60 Jahren:

    "Ich fühle mich wieder aufgenommen, ich fühle mich wieder willkommen." Udo Kaiser

    Seit diesem Jahr steht Kaiser auch wieder auf der Bühne, er hat Opern-Engagements vor ausverkauften Häusern und sagt mit neuem Selbstbewusstsein: "Ich lebe wieder."