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Der Fall Sophia: Lkw-Fahrer wegen Mordes vor Gericht | BR24

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Im Sommer 2018 will die 28-jährige Sophia nach Amberg trampen und steigt in den LKW eines marokkanischen Fahrers. Eine Woche später wird ihre Leiche in Spanien gefunden.

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Der Fall Sophia: Lkw-Fahrer wegen Mordes vor Gericht

Angeklagt ist ein marokkanischer Lkw-Fahrer - er soll Sophia getötet haben. Die 28-jährige Ambergerin wollte im Juni 2018 in ihre Heimat trampen, doch dort kam sie nie an. Heute beginnt der Prozess vor dem Landgericht Bayreuth.

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Im Juni 2018 wollte die 28-jährige Studentin Sophia von Leipzig nach Amberg zu ihren Eltern trampen. Sie stieg an einer Tankstelle an der A9 bei Schkeuditz in Sachsen in den Lkw eines marokkanischen Fahrers. Dann verlor sich ihre Spur. In ihrer Heimat in der Oberpfalz kam sie nie an.

Angeklagter Lkw-Fahrer bestreitet Sexualstraftat

Der Marokkaner gestand bereits im Ermittlungsverfahren, Sophia bei einer Auseinandersetzung getötet zu haben. Die Staatsanwaltschaft Bayreuth legt dem 1977 geborenen Angeklagten zur Last, die junge Frau im Führerhaus seines Lkw angegriffen, in seine Gewalt gebracht und letztlich ermordet zu haben. Er soll damit eine zuvor begangene Straftat verdeckt haben. Dass es sich dabei um eine Sexualstraftat handelt, bestreitet der Angeklagte. Die Leiche von Sophia wurde eine Woche nach ihrem Verschwinden nahe einer Autobahn in Spanien gefunden.

Sophias Eltern und Bruder sind Nebenkläger

Die Eltern und der Bruder der getöteten Sophia treten in dem Verfahren als Nebenkläger auf. Sie wollen damit eine voll umfängliche Akteneinsicht erreichen, und die Chance in Revision gehen zu können. Ihr Bruder Andreas L. erklärte im BR-Interview: "Wir erwarten alle, die Familie und der Freundeskreis, dass die Wahrheit ans Tageslicht kommt". Noch empfinde weder er noch seine Familie Hassgefühle gegenüber dem Angeklagten. "Der Verlust überdeckt das alles noch", so Andreas L.

Umfangreiche Beweisaufnahme: Zeugen in Spanien per Video

Für den Prozess sind zwölf Verhandlungstage angesetzt. Die 1. Strafkammer des Landgerichts Bayreuth wird 17 Zeugen vernehmen, zudem sind zwei Sachverständige aus dem Gebiet der forensischen Psychiatrie und der Rechtsmedizin anwesend. Außerdem ist ein Brandsachverständiger des Landeskriminalamts München geladen. Es ist auch eine umfassende und aufwendige Videovernehmung von Zeugen in Spanien beabsichtigt. "Die Beweisaufnahme wird sicherlich nicht einfach, auf jeden Fall umfangreich werden," so Gerichtssprecher Clemens Haseloff im Gespräch mit dem BR.

Nur wenige Stunden, nachdem Sophia im Juni 2018 in den Lkw gestiegen und nicht mehr zu erreichen war, starteten Angehörige und Freunde eine umfangreiche internationale Suche nach der 28-Jährigen. Die Leipziger Polizei leitete erst am 18. Juni, vier Tage nach ihrem Verschwinden, eine öffentliche Suche ein. Eine Woche später wurde ihre Leiche im Norden Spaniens gefunden. Die Staatsanwaltschaft in Spanien hat den Angeklagten festgenommen, seitdem befindet er sich in Untersuchungshaft.

Sophia wahrscheinlich in Oberfranken getötet

Zunächst war unklar, wo Sophia getötet wurde. Die Ermittlungen haben ergeben, dass es möglicherweise im Landgerichtsbezirk Bayreuth passiert ist. Nach Angaben der Polizei soll die junge Frau auf einem Rastplatz zwischen dem oberfränkischen Pegnitz und dem mittelfränkischen Lauf umgebracht worden sein. Hinweise darauf hatten die GPS-Daten des Lkws gegeben. 

Im Fall der ermordeten Studentin gab es einige Hürden: So hat sich der Beginn des Verfahrens hingezogen, da es schwierig gewesen sei, möglichst schnell an die übersetzten Akten aus Spanien zu kommen, heißt es seitens des Landgerichts Bayreuth. Es mussten Dolmetscher eingeschaltet werden. Das sei mit einem enormen Aufwand verbunden gewesen.

Instrumentalisierung des Falles durch Rechtsradikale

Die Suche der Angehörigen und Freunde im Internet, speziell nach einem blauen Lastwagen mit marokkanischem Kennzeichen, hat sofort rechtsradikale und rassistische Gruppen auf den Plan gerufen, die im Internet ihre entsprechenden Kommentare dazu verbreiten und den Fall in politische Zusammenhänge setzten. Der Fall Sophia wurde auch von der AfD instrumentalisiert. So hatten beispielsweise Teilnehmer eines sogenannten Schweigemarsches der AfD in Chemnitz im vergangenen Jahr das Foto von Sophia im Großformat durch die Innenstadt getragen.

Sophias Bruder: "Es geht nicht um Gewalt von Flüchtlingen, es geht um Gewalt gegen Frauen"

Die Initiatoren des Web-Suchaufrufes distanzieren sich auf Twitter, Facebook und dem Blog "findsophia.blog" deutlich davon. Und auch der Bruder der getöteten Studentin, Andreas L., betonte im BR-Gespräch: "Wir lassen nicht zu, dass das Andenken meiner Schwester für ausländerfeindliche Zwecke missbraucht wird. Es geht nicht um Gewalt von Flüchtlingen, sondern um Gewalt gegen Frauen."

Angehörige: Vorwürfe gegen die Polizei

Die Angehörigen erheben aber Vorwürfe gegen die Polizei in einem im Internet veröffentlichtem Schreiben. Demnach wurden erste Nachfragen der Eltern, die ihre Tochter als vermisst meldeten, nicht ernst genommen. Auch habe es Tage gedauert, bis es zwischen den verschiedenen Polizeibehörden in Sachsen und Bayern eine Verständigung darüber gegeben habe, wer für den Fall zuständig sei. Die Angehörigen machten in dem Schreiben deutlich, dass sie sich bei der Suche nach der 28-jährigen zunächst allein gelassen fühlten.

"Ich denke, man hat uns nicht richtig zugehört – oder nicht zuhören wollen. Es gibt im Prinzip zwei Vorwürfe: Das Ganze war nie ein Vermisstenfall, sondern von vornherein ein Verdacht auf ein Gewaltverbrechen. Ganz eindeutig. Und da ist von Seiten der Polizei sofort zu handeln. Und nicht erstmal drei Tage gar nichts zu tun. Und das zweite ist die Zusammenarbeit der Bundesländer. Es kann nicht sein, dass sie von einem Bundesland ins nächste verschwinden und dann ist keiner zuständig. Ich erhoffe mir, dass der Prozess dieses Ganze auch noch einmal zur Sprache bringt", so Andreas L. im BR-Interview.

Keine offizielle Stellungnahme der Polizei

Die ersten Ermittlungserfolge kamen demnach nicht durch die Arbeit der Polizei, sondern durch Nachforschungen von Angehörigen und Freunden zustande, so die Familie. Die Polizei war im Vorfeld des Prozesses nicht zu einer Stellungnahme bereit, mit dem Verweis auf die laufenden Ermittlungen. Aus Amberg heißt es aber auf BR-Nachfrage, dass der Fall offenbar hohe Priorität im Innenministerium habe.

Großes Medieninteresse zum Prozessauftakt

Der Fall hat deutschlandweit für Aufsehen gesorgt. Das öffentliche Interesse ist dementsprechend groß. Fast 30 Pressevertreter sind zum Prozessauftakt angemeldet, dazu Fotografen und mehrere Kamerateams. Auch im Umfeld wird berichtet. "Es ist mit einem enormen Medieninteresse zu rechnen", so Gerichtssprecher Clemens Haseloff. Sophie wurde im September 2018 in Amberg bestattet.

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Unter großem Medieninteresse beginnt heute (Dienstag, 23.07.19, 09.00 Uhr) am Landgericht Bayreuth der Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder der 28-jährigen Studentin Sophia L. aus Amberg.

© dpa-Bildfunk / Jesus Andrade

Im Juni 2018 wurde die Leiche von Sophia nahe einer Autobahn im Norden Spaniens gefunden.