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Der Brummi-Fahrer mit dem großen Herzen | BR24

© Jochen Dürrwanger

Timo Dürrwanger vor einem Lkw

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    Der Brummi-Fahrer mit dem großen Herzen

    Timo Dürrwanger ist Lkw-Fahrer - aber nicht irgendeiner. Als ein Fußgänger im fränkischen Wassertrüdingen Hilfe braucht, zögert der Schwabe keine Sekunde. Er hält das für selbstverständlich. Ist es das? Über eine "kleine große" Tat im Straßenverkehr.

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    Mittwoch, der 9. Januar 2019. Ein Mann fährt mit seinem Lkw durch das winterliche Wassertrüdingen, eine kleine Stadt im Landkreis Ansbach, dort, wo Mittelfranken endet und Schwaben beginnt. In der Lentersheimer Straße sieht er einen anderen Verkehrsteilnehmer, der offenbar in Gefahr ist, der Hilfe benötigt, der auf der Straße unterwegs ist, nicht auf dem Gehweg. Er wirkt orientierunglos.

    Der Mann im Lkw stoppt sein Fahrzeug sofort. Er steigt aus. Zieht eine Warnweste über. Und geht zu dem anderen Verkehrsteilnehmer, bei dem es sich um einem älteren blinden Fußgänger handelt. Fragt ihn, wohin er wolle. Und führt ihn schließlich über hohe Schneebrocken, Eisflächen und Matschpfützen hinweg auf den sicheren Gehweg, wo er ihn in die Obhut einer hilfsbereiten Passantin übergibt.

    Vor ihm waren andere Autofahrer am Fußgänger - trotz dessen offensichtlicher Hilflosigkeit - vorbeigefahren. Nun stauen sich andere Autos hinter dem stehenden Lkw des Mannes. Sie warten, einige werden nervös, hupen. Sie kommen nicht vorbei, die Lentersheimer Straße ist eher schmal als breit und nun durch Laster blockiert. Dennoch: Dessen Fahrer bleibt ruhig. Er denkt nicht daran, seine Hilfsaktion abzubrechen, sollen die anderen noch so drängeln. Erst als er den Fußgänger in Sicherheit weiß, steigt der Mann wieder in das Führerhaus seines Lkw und fährt weiter.

    "Ich helfe, wo ich helfen kann"

    Der Mann mit dem Lkw heißt Timo Dürrwanger. Er ist 37 Jahre alt, Familienvater, kommt aus dem schwäbischen Wechingen, arbeitet für die Bau- und Speditionsfirma Anton Eireiner in Wemding. Die Geschichte, über die in dieser Woche als erstes die "Augsburger Allgemeine" berichtet hatte, ist für ihn keine große Sache. "Ich bin so eingestellt, dass ich helfe, wo ich helfen kann. Das ist doch selbstverständlich", sagt Timo Dürrwanger auf Nachfrage mit BR24.

    Aber: Ist Hilfsbereitschaft im Straßenverkehr wirklich so selbstverständlich?

    Drängeln, Hupen, Auffahren, Lichthupe, Tunnelblick, Ungeduld, Eile, Rücksichtslosigkeit - wer das Verkehrsgeschehen auf deutschen Straßen beschreiben will, liegt mit diesen Worten nicht selten richtig. Für viele kann es niemals schnell genug gehen, das zeigen die sich häufig wiederholenden Meldungen über blockierte Rettungsgassen und attackierte Rettungskräfte. Ist es vielleicht nicht doch eher ungewöhnlich, dass ein Lkw-Fahrer trotz eigenen Termindrucks, schlechten Wetters und des zu erwartenden Unmuts anderer Verkehrsteilnehmer so selbstlos handelt?

    "So etwas gehört für mich dazu!"

    Dürrwanger bleibt dabei. "So etwas gehört für mich dazu", sagt er. Keine Chance also, er will sich nicht zum Helden machen lassen, auch nicht zu einem Helden des Alltags. Muss er ja auch nicht. Seine Geschichte ist auch keine sogenannte "große" Geschichte. Aber eine schöne Geschichte ist sie sicherlich, über eine gute Tat, die einem anderen Menschen den Alltag erleichtert hat.

    Vielleicht könnten sein Verhalten und seine Berufsauffassung zugleich Vorbild sein für andere. Dürrwanger fährt seit rund zehn Jahren Brummi, hat anderen Verkehrsteilnehmern etwa bei Pannen schon öfters geholfen, besitzt umfangreiche Erste-Hilfe-Kenntnisse, kennt sich als Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr auch in Sachen Retten und Bergen aus, identifiziert sich mit seinem Beruf als Lkw-Fahrer wie wohl wenige - auf seiner Facebook-Seite wimmelt es von Lastwagen. Sein Credo: "Ich habe immer die Augen offen, man muss immer mit Fehlern anderer rechnen."

    Übrigens: Genau an dem Tag, an dem Timo Dürrwanger in Wassertrüdingen dem blinden Fußgänger half, machten andere Lkw-Fahrer überregionale Schlagzeilen. Allerdings negative. Nach einem Superstau auf der A9 in Thüringen bildeten viele von ihnen keine Rettungsgasse oder benutzten die dritte Fahrbahnspur. Die Polizei ermittelt nun gegen rund 60 Lkw-Fahrer.

    So "selbstverständlich" wie für Timo Dürrwanger ist Rücksichtnahme im Straßenverkehr nicht für alle.