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Der Bayerische Wald und das neue Leben mit dem Wolf | BR24

© BR/Renate Roßberger

Die einen freuen sich, dass sie zurück sind, die anderen fürchten sie: Im Nationalpark Bayerischer Wald leben aktuell wieder zwei Wolfsrudel. Doch was bedeutet das eigentlich genau - für den Nationalpark, dessen Besucher und die Bayerwald-Bewohner?

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Der Bayerische Wald und das neue Leben mit dem Wolf

Die einen freuen sich, dass sie zurück sind, die anderen fürchten sie: Im Nationalpark Bayerischer Wald leben aktuell wieder zwei Wolfsrudel. Doch was bedeutet das eigentlich genau - für den Nationalpark, dessen Besucher und die Bayerwald-Bewohner?

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Im Nationalpark Bayerischer Wald leben zwei komplette Wolfsrudel. Das ist vor Kurzem von der Nationalparkverwaltung bekanntgegeben worden. Die beiden Rudel sind grenzüberschreitend unterwegs, halten sich viel im tschechischen Nationalpark Sumava auf, der größer ist als der bayerische Teil.

Doch noch immer weiß man nicht, wie viele Tiere es genau sind. Es gibt bis heute auch nur indirekte Nachweise, also zum Beispiel Kotspuren, Bilder von selbstauslösenden Wildkameras und das Heulen der Tiere, also den akustischen Nachweis. Gesehen hat die Rudel bisher noch niemand.

Fotofallen-Bilder zeigen Wolfswelpen

Vor allem im Nationalpark Sumava wurde viel nach den Wölfen gesucht und geforscht. Man wertete zum Beispiel Fotofallen-Bilder aus. Auf einem der Fotos waren vier Wolfswelpen zu sehen, der klare Nachweis dafür, dass sich ein Wolfspaar gefunden und Nachwuchs gezeugt hatte. Das ist normalerweise der Beginn eines Rudels.

Zoologen und Forscher spürten dann auf Basis der Bilder in dem Gebiet, wo die Tiere vermutet wurden, den Wölfen nach. Jan Mokrý, Leiter der Abteilung Zoologie im Nationalpark Sumava, erzählt, wie das abgelaufen ist. Ein Experte der Universität Prag sei gekommen und habe in einem Waldstück abends wie ein Wolf geheult:

"Der hat selbst geheult. Das war keine Aufnahme. Der hat Erfahrungen damit und die Wölfe haben ihm dann auch geantwortet." Jan Mokrý, leitender Zoologe im Nationalpark Sumava)
© BR/Renate Roßberger

Martin Starý, stellvertretender Leiter des Nationalparks Sumava (links) und der leitende Zoologe des Sumava, Jan Mokrý (rechts)

Keine Sichtung von Wölfen

Aus diesen Antworten hörte der Experte sogar die Stimmen von Jungtieren heraus. Dasselbe wurde dann am nächsten Tag in einem anderen Waldstück nochmal gemacht, zu weit weg vom ersten, als dass es dieselben Tiere sein könnten. Auch hier antworteten die Wölfe. Das war der akustische Nachweis für das zweite Rudel.

Die tschechischen Forscher spürten außerdem den Wald mit einem speziell auf Wolfsfährten trainierten Hund ab. Es kam aber zu keiner Wolfsbegegnung oder Sichtung.

Schwarzblitz-Kameras sollen weitere Wolfsbilder liefern

Für den Nationalpark Sumava sind die beiden Wolfsrudel ein Erfolg. Sie zeigen, dass das Gebiet eine "große Bedeutung für den Naturschutz hat," und dass es hier genug Ruhe gibt und auch das Wolfsmanagement funktioniert, so der stellvertretende tschechische Nationalparkleiter Martin Starý.

Auch im Nationalpark Bayerischer Wald freut man sich über die Wolfsrudel und hat dort das Fotofallen-Monitoring verstärkt. Weil Wölfe negativ auf den normalen weißen Fotoblitz der Wildkameras reagieren, hat man sogar extra Kameras mit Schwarzblitz installiert, sagt Marco Heurich, der Wildtierexperte im Nationalpark Bayerischer Wald.

Wölfe erbeuten Wild, aber auch Schafe

Die Wolfsrudel ernähren sich im Nationalparkgebiet vor allem von Rotwild und Wildschweinen. Aber weil Wölfe bequeme Beutegreifer sind, gab es auch immer wieder einmal Übergriffe auf Schafe. Der Sumava hat im Unterschied zum Nationalpark Bayerischer Wald deutlich mehr große Wiesen-und Freiflächen, die unter anderem durch Beweidung von Bewuchs frei gehalten werden. Das heißt, es sind dort immer wieder auch Schafe und Rinder ohne Hirten auf den Wiesen: "Die Zahlen bewegen sich bei um die 20 Angriffe pro Jahr. Ab und zu werden dann nur einzelne Schafe gerissen, aber es kann auch passieren, dass da bis zu 20 Stück auf einmal gerissen werden“, stellt Starý fest.

Noch keine große Aufregung in Tschechien

Natürlich gebe es verärgerte Landwirte, betont Starý, aber insgesamt keine große Aufregung in seinem Land wegen der Wolfsrudel. Für die Schafsrisse werden Entschädigungen an die betroffenen Landwirte bezahlt, außerdem gibt es Zuschüsse für wolfssichere Elektrozäune.

Bevor im Sumava Wölfe auftauchten, waren die Schafe oft sogar völlig ungesichert auf den Wiesen unterwegs, und damit leichte Beute für die ersten Wölfe. Kalbsrisse seien dagegen seltener. Denn in der Regel verteidigen die erwachsenen Rinder einer Herde die Kälber recht effektiv, so Starý - je nach Rinderrasse.

Keine Risse auf bayerischer Nationalpark-Seite

Auf der bayerischen Nationalparkseite gibt es bisher laut Marco Heurich noch keinen einzigen Nutztierriss. Entschädigungszahlungen würden für einen nachgewiesenen Wolfsriss aber auch dort gezahlt. Außerdem seien jetzt, wo zwei Rudel nachgewiesen wurden, auch Zuschüsse für Wolfszäune möglich.

Ängste vor dem Wolf sollen abgebaut werden

Nach einer aktuellen Umfrage unter Besuchern des Nationalparks Bayerischer Wald haben rund 20 Prozent tatsächlich Angst vor Wolfsangriffen - und 50 Prozent sind sich nicht mehr so ganz sicher, ob sie weiter in den Wald gehen sollen, sagt Marco Heurich. Deshalb sei jetzt Öffentlichkeitsarbeit ganz wichtig:

"Man kennt den Wolf aus Märchen - Rotkäppchen und der böse Wolf -, aus Fabeln oder aus Filmen auch mit dem Werwolf. Und der Wolf wurde auch immer verteufelt. Wir sagen, der Wolf trägt einen großen kulturellen Rucksack mit sich rum, wo dieser ganze Ballast drin ist. Der wird nicht entspannt gesehen wie zum Beispiel der Luchs als Tier, sondern der ist 'die Ausgeburt des Bösen, frisst kleine Kinder' und deswegen ist da viel Angst auch noch da. Deshalb ist Öffentlichkeitsarbeit wichtig und dass man die Nationalparkbesucher und die Bevölkerung aufklärt, dass es seit dem Jahr 2000 Wölfe in Deutschland gibt und dass seitdem wirklich noch nichts passiert ist." Marco Heurich, Wildtierexperte
© BR/Renate Roßberger

Marco Heurich, Wildtierexperte beim Nationalpark Bayerischer Wald

Bevölkerung im Bayerischen Wald ist eher gelassen

Umfragen bei Einheimischen ergeben meistens ein relativ entspanntes Bild. Einige freuen sich über die Rückkehr des Wolfs als "Zeichen für mehr Natur", verstehen aber die Vorbehalte von Schafs- und anderen Nutztierhaltern. Manche sagen, sie halten für Waldspaziergänger eine Begegnung mit einem Wildschwein für deutlich gefährlicher. Wölfe seien zu scheu , um Menschen zu nahe zu kommen.

Spekulationen über Größe der Wolfsrudel

Die genaue Anzahl der Wölfe ist auch den Experten noch immer nicht klar, mangels Sichtungen. Marco Heurich schätzt das eine Rudel grob auf möglicherweise sieben, das zweite Rudel auf sechs Tiere. Dabei sind aber immer die Welpen schon mit eingerechnet, bei dem einen Rudel nachgewiesenermaßen also vier Welpen.

Auch noch nicht klar ist, wie die Rudel entstanden sind. Man rechnet damit, dass der Ursprung das Wolfspärchen ist, das sich im Nationalpark Bayerischer Wald zusammengefunden hatte und 2017 erstmals Welpen bekam, wahrscheinlich drei.

Von diesen Welpen blieb aber wohl nur ein Jungtier da. Ein junges Männchen wanderte Richtung Ostdeutschland ab, das andere Richtung Hamburg, wo es von einem Auto überfahren wurde. Die jetzigen Rudel könnten sich aus dagebliebenen und neu zugewanderten Tieren gebildet haben. Das muss aber alles noch erforscht werden. Dazu müssen zum Beispiel Kotproben gesammelt und genetisch ausgewertet werden, um eventuelle Verwandtschaftsgrade der Tiere feststellen zu können.

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