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Der bayerische Jahresrückblick 2020: Dröhnende Stille | BR24

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Seit einem Jahr grassiert das Virus. Nicht die erste Krise, die die Menschheit erlebt. Dokumentiert sind sie oft nur mangelhaft. Das wollte das Haus der Bayerischen Geschichte ändern und wirft in einem Sammelband Schlaglichter auf solche Zeiten.

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Der bayerische Jahresrückblick 2020: Dröhnende Stille

Ein seltsames Jahr, nicht nur, aber auch in Bayern. Manchmal schien alles wie immer. Ein unsichtbarer Feind aber hinterließ sichtbare Verwüstungen. Corona veränderte das Leben mehr als alles andere seit 1945 - zum Schlimmen, manchmal auch zum Guten.

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Von
  • Michael Kubitza

Global gesehen ist so: Wüsste die Wissenschaft es nicht besser, man müsste annehmen, die Erde hätte sich in vier Jahren nur einmal um ihre Achse gedreht und wäre 2020 an exakt der gleichen Stelle stehen geblieben wie im "Problemjahr" 2016. In den USA erklärt sich Donald Trump zum Wahlsieger. Die Briten sind mit dem Brexit beschäftigt, die EU mit sich selbst. In Paris, Nizza und anderswo verbreiten Islamisten Terror. Ein Thema aber überlagert auch in Bayern alles andere.

Nur, dass es 2020 nicht um Flüchtlinge aus Syrien geht, sondern um ein Virus aus China, welches das Leben in Bayern in einen ziemlich seltsamen Film verwandelt. Und der Blick vor die Haustür zeigt, dass 2020 alles anders ist als 2016 (oder in jedem anderen Jahr).

Ein Fasching ohne jede Gaudi

Die Menschen laufen mit Masken vor Mund und Nase herum (auf der beklemmend bierzeltfreien Theresienwiese auch mit "Aluhüten" - aber das ist ein anderes Thema). Geschunkelt wird nicht. Man muss genau hinhören, um zu verstehen, was sich die Maskierten - mit gar nicht bayerntypischer Einskommafünfmetersicherheitsdistanz - so zuraunen. Es fallen komische Science-Fiction-Worte wie Covid-19, R-Wert, Superspreader, Lockdown und Systemrelevanz. Die "Warnzahlen" 35, 50, 100 und 19.200 sind wichtiger als die Lottozahlen.

Und wenn man im falschen Moment auf die Straße schaut, ist es dort stiller als auf dem Mars.

Galerie: Bayern zwischen Lockdown und Lockerung

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Bayern im März 2020: Die Straßen menschenleer. Nicht nur in Bamberg. Auch nicht nur nachts.

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Auch am helllichten Tag verlaufen sich (hier: am Münchner Viktualienmarkt) vereinzelte Gestalten zwischen geschlossenen Ständen und Geschäften.

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Würzburg: Die Stille dröhnt.

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Es sind Szenerien, wie sie die Großeltern von den Tageslichtbombardements der letzten Kriegsmonate '45 ausmalen. Schon die Eltern haben ...

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... soviel Nichts an sonst belebtem Ort nur im Ölkrisenjahr 1973 erlebt - autofreie Sonntage. Das Foto von der A95 zeigt einen Märzmontag 2020.

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Dieses Schild im sonst von Touristen aus aller Welt überlaufenen Rothenburg/Tauber verrät den Grund - leider nicht, ob es das Geschäft noch gibt.

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Selbst die wuselige Münchner Stachuspassage machen jetzt nur ein paar Tauben voll.

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Die Regeln des Lockdowns geben (nicht nur) am Anfang manches Rätsel auf. Sport an der frischen Luft: erlaubt.

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Allein auf der Bank sitzen: verboten. "Wo ihr wallet da war sonst Wald und Sumpf" sagt die Inschrift. So findet mancher das ganze Jahr: sumpfig.

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Selbst Zootieren wie diesem Berberäffchen im Freizeitpark Geiselwind wird langsam fad. Wo wohl die haarlosen Zweibeiner bleiben?

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Dieser Angler in Würzburg genießt die seltene Ruhe. Das Passantengewühl, das hier sonst an Sonnentagen herrscht, geht Fischen auf die Kiemen.

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Den kleinen Würzburger freut die Einsamkeit nicht. Was den Buben - ohne, dass ihm das bewusst wäre - mit zu vielen unbesuchten Senioren verbindet

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Wo sind bloß alle? Ab April: Im Baumarkt oder in der Schlange davor.

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Oder unter den Tausenden, die nach Lockerung des Lockdown die Bergeinsamkeit suchen. Auch wenn die Blomberg-Seilbahn hier noch still steht.

© Fabian Stoffers / BR

Ebenso der Luftverkehr. Doch Dauerparken am Münchner Flughafen ist teuer, besonders für Flugzeuge.

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Stachus, jetzt von oben: Im Sommer kehrt das Gefühl von Normalität allmählich zurück. Allerdings eher daheim als auf Malle. Und auch nur kurz.

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Im November: Fortsetzung folgt. Diesen Blockbuster im Bamberger Odeonkino wollte eigentlich keiner sehen.

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Dafür erlebt das Autokino ein Comeback. Auch das Auto selbst: in Bus und Bahn fahren gerade zu viele andere mit. Nur der Bahn sind es zu wenige.

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"Autotheater" funktioniert leider nicht so gut.

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"Autostammtisch" noch weniger. Obwohl, sagt die Statistik, in Bayern nicht nur wieder viel gefahren, sondern auch getrunken wird.

Lockdown 1, Lockdown 2a, Lockdown 2b ...

Doch, die Wissenschaft hat schon (vergleichsweise) recht: Die Welt bleibt nicht stehen. Und doch fühlt es sich für nicht wenige so an. In der Einsamkeit der Kranken- und Altenheimzimmer dröhnt die Stille. Besonders laut in der schockartig verhängten Isolation des ersten Lockdown; aber auch als viele ihre Angehörigen wieder sehen dürfen, ist alles anders, wie Besucherin Christina aus Unterhaching berichtet: Backen, Basteln, Bingo - so brandgefährlich wie singen im Kinderchor. Nicht zuletzt die Kleinsten müssen verzichten, ebenso die Jugendlichen: Wenn doch mal Freunde vorbeischauen, dann durch die Webcam, um virtuell ein Fern-Glas zu heben.

Richtgeschwindigkeit: Zwischen Null und Zweihundert

Für kurze Zeit wird das Alleinsein, das viele, die daran leiden, sonst lieber für sich behalten, offensichtlich. Verwaiste Spielplätze schauen ähnlich trist aus wie verrammelte Lokale. Und wenn hier und dort oder in einer Passauer Tiefgarage dann doch zusammenfindet, was gerade nicht zusammengehört, ist die Polizei schon zur Stelle. Durch verlassene Einkaufsstraßen bläst der Wind weggeworfene Schutzmasken wie Tumbleweed-Buschen durch eine Geisterstadt. Zu viele Geschäfte laufen nicht mehr, sondern schleppen sich malade dahin. Selbst der Ball im Stadion hält still, und als er wieder rollt, macht er Geräusche, die man sonst nie bemerkt hat.

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Ende Oktober in Rottal: Hier machte der zweite Lockdown zuerst Station

Andere sollen dafür jetzt ohne Tempolimit Gas geben. Ärzte und Krankenpfleger zum Beispiel. Polizisten, die anno 2020 auch alarmiert werden, wenn auf einer Baustelle gearbeitet wird. Eltern im Homeoffice, die zwischen Schlafzimmer (sein Arbeitsplatz) und Wohnzimmer (ihr Büro) in der Küche einen Behelfsklassenraum improvisieren, weil die Unterrichtsräume im Freistaat sich nicht ganz überraschend als überfüllt und schlecht belüftet erweisen.

Geradeaus laufen, quer denken

War die Politik im Sommer zu sehr damit beschäftigt, vor der zweiten Welle zu warnen, um sich und uns darauf vorzubereiten? Am Rad drehen spätestens ab November auch Behörden, die die krummen Wege des Virus nachverfolgen wollen oder infektionsarme Strecken für Demonstrationszüge mit weitgestreuter Stoßrichtung festlegen müssen. Eltern marschieren da mit Extremisten und Juristen, Regenbogen- neben Reichskriegsflaggen - oft ohne Berührungsängste und gemeinsames Ziel. "Corona-Leugner"? Sind keineswegs alle, die mitlaufen. "Corona-Kritiker"? Sind alle anderen auch.

"Querdenker"? Wäre gerade denken nicht besser? Der alte Spontispruch, der Kopf sei rund, damit das Denken die Richtung ändern könne, verursacht politische Schwindelgefühle.

© picture alliance/dpa | Armin Weigel

"Querdenken"-Demonstration in Regensburg (14.11.2020)

2020 in Bayern: Ein Jahr des Grants - und der Ideen

2020 macht grantig. Die Entscheidungen - Freiheit oder Gesundheit? - fallen schwer, die Verluste sind auf beiden Seiten groß. Von den kleinen und mittelgroßen nur kurz zu reden: Die FDP verliert im Streit um die Corona-Politik ihren einzigen Oberbürgermeister in Bayern. Der Landtag büßt eine Schutz-Plexiglasscheibe ein, die AfD-Fraktionschefin Ebner-Steiner im Streit mit einem Parteifreund aus den Angeln rummst. Der Zirkus Madagascar aus Crailsheim verliert sein Winterquartier und kämpft um Futter für Ali, das Kamel.

Zum Glück gibt es im permanenten Donnergrollen immer wieder auch Geistesblitze. Die Seuche macht erfinderisch - wofür die in München entwickelten Virenschutztürgriffbezüge aus dem 3D-Drucker nur ein Beispiel sind.

Klopapier aus eigener Schlachtung

Corona macht auch hilfsbereit und/oder geschäftstüchtig. Es erinnert daran, dass unser Wort "Ersatz" seit dem Krieg auch im Englischen und Französischen in Gebrauch ist, weil unerschrockene Deutsche Kaffee aus Wurzeln und Unterhosen aus Papier fabrizierten. Im Münchner Osten verkauft eine Metzgerei im April 2020 Klopapier zum Preis eines kleinen Familienschweinebratens. Im Reisebüro gibt es seit dem Sommer Fisch. Die Bücher, die man vor dem Lockdown in der zwangsgeschlossenen Buchhandlung bestellt hatte, kann man nebenan beim Schreibwarenhändler abholen, ebenso die sonst ums Eck hergestellte Ingwerlimonade: Schreibwaren sind "systemrelevant" - Bücher und Ingwerlimo nicht.

Corona-Krisengewinner 1: Das Auto

Fast schon vergessen ist, dass 2019 das Jahr der großen Klimadebatte war. 2020 erleben schmierinfektionssichere Plastikverpackungen ein ungeahntes Comeback. Ebenso wie Bayerns liebste Blech-Umhüllung: das Auto, das jetzt als Virenschutzgehäuse auf Rädern dient.

Die Landshuter kaufen Glühwein, Adventskränze und warme Socken im weltweit wohl ersten Drive-In-Christkindlmarkt. Für die Münchner hat Obstgroßhändler Andretta in seiner Halle am Großmarkt erstmals in 120 Jahren ein Drive-In eingerichtet: Es gibt Bananen und Büffelmozarella frisch auf den Beifahrersitz.

© picture alliance / imageBROKER | Luciana Donatone

Wirtshaus Drive In beim Kirchenwirt in Anzing (Oberbayern)

Das einzige bedrohte Kulturgut, dem es 2020 besser geht als 2019: das Autokino. Gerade mal eines hatte in Bayern überlebt. Seit diesem Jahr kann man von Aschaffenburg und Augsburg bis Wackersdorf und Würzburg überall in Bayern Kinoklassiker durch leicht beschlagene Windschutzscheiben genießen; außerdem alkohol- und aerosolfreie Abifeiern, Gottesdienste und das Autokabarett des arbeitslosen Nockherberg-Predigers Maxi Schafroth.

Corona-Krisengewinner 2: Das Internet

Der zweite Krisengewinner: das weltweite Web. Obwohl die Bits in Bayern oft so zäh fließen wie der Verkehr auf dem Mittleren Ring in München.

Nein, die Reizworte "Videokonferenz", "Amazon" und "Verschwörungstheorie" sollen in diesem Jahresrückblick gar nicht - na gut: ab jetzt nicht mehr - genannt werden. Aber was ist im Freistaat nicht alles viral gegangen! Und was haben wir gelacht, geflucht, gestaunt! Zum Beispiel über ein Video aus dem Nürnberger Land, in dem Pfarrer Hoepfner im Darth-Vader-Kostüm mit Laserschwert am Eingang der Kirche für die Einhaltung der Hygieneregeln kämpft. Oder über den virtuellen Blasmusik-Adventskalener der Blaskapelle Staudach-Egerndach.

Make Bayern great again!

Den erstaunlichsten Web-Auftritt 2020 aber legte ein Modehaus in Eggenfelden hin. Der Textilverkäufer im Lockdown fand sich unversehens im US-Wahlkampf wieder: in einem vielgeschauten Propagandavideo von Donald Trump, dessen Bilder (Fake!) zeigen sollten, wie trist (schwarzweiß!) das Leben in einem Land (it's called "Rottal"! Or Europe?) sein kann, wenn es Corona ernst nimmt.

Ganz so trist nun auch wieder nicht - fanden die Eggenfeldener und antworteten mit einem eigenen Youtube-Video, das mit einem der nettesten Sätze dieses nicht so netten Jahres endet:

"Und eines Tages, werd'n S' scho' seng: wird Eggenfelden great again."

In diesem Sinne: auf ein besseres 2021!

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