BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Depressiv in den Lockdown: psychische Leiden oft unbehandelt | BR24

© BR
Bildrechte: BR/Sebastian Grosser

Jeder zweite psychisch Erkrankte hatte während des ersten Lockdowns keinen Zugang zu Behandlungen, so eine Studie der Deutschen Depressionshilfe.

11
Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Depressiv in den Lockdown: psychische Leiden oft unbehandelt

Jeder zweite psychisch Erkrankte hatte während des ersten Lockdowns keinen Zugang zu Behandlungen, so eine Studie der Deutschen Depressionshilfe. Mit teils lebensbedrohlichen Folgen. Psychotherapeuten setzen nun verstärkt auf digitale Behandlungen.

11
Per Mail sharen
Von
  • Sebastian Grosser
  • BR24 Redaktion

Rebecca Ostermeier sitzt in ihrer großräumigen Wohnung. Vor ihr auf dem Tisch, um den mehrere leere Stühle stehen, liegt ein angefangenes Bild. Auf hellbraunen Untergrund zeichnen sich die Konturen eines Schmetterlings ab, dessen Flügel nach und nach blauer werden. Bei jedem Pinselstrich fokussiert die 31-Jährige das Blatt. Die Konzentration hilft der jungen Frau

"Durch mein Krankheitsbild habe ich ganz viele negativen Gedanken im Kopf. Und wenn die überhandnehmen, ist es nicht so wirklich gut für mich. Es könnte sein, dass ich irgendwelche dummen Sachen anstelle." Rebecca Ostermeier, Betroffene

Das Malen bringt ein bisschen Farbe in ihr alltägliches Leben, das sonst durch viel Zeit im Bett geprägt ist. Rebecca Ostermeier wurde eine Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Und sie leidet unter Depressionen. Zehn Wochen wurde sie wegen ihrer Erkrankung in einer Oberpfälzer Klinik behandelt. Seit die junge Frau entlassen wurde, sucht sie einen Therapieplatz.

© BR/Sebastian Grosser
Bildrechte: BR/Sebastian Grosser

Das Malen hilft Rebecca Ostermeier, mit ihrer Erkrankung umzugehen.

Lockdown belastet psychisch Erkrankte

Mit dem ersten Lockdown im Frühjahr hat sich der Gesundheitszustand von Rebecca Ostermeier weiter verschlechtert. "Ich bin in ein großes, tiefes Loch gefallen. Dieses Unwohlsein, was man da spürt, diese Leere, die dehnt sich noch vielmehr aus." Und damit auch die negativen Gedanken. Eine Wahrnehmung, die Ostermeier mit vielen an einer Depression Erkrankten teilt, so das Ergebnis einer Studie der Deutschen Depressionshilfe.

Mehr Isolation verstärkt die Depression

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass depressiv Erkrankte durch die Corona-Maßnahmen besonders belastet sind. Im Gegensatz zur Allgemeinbevölkerung hat die Isolation teils schwere bis lebensbedrohliche Folgen für die Betroffenen, so Professor Ulrich Hegel von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

"Menschen in einer Depression sind hoffnungslos und erschöpft. Eine fehlende Tagesstruktur erhöht das Risiko, dass sich Betroffene grübelnd ins Bett zurückziehen. Lange Bettzeiten können die Depression jedoch weiter verstärken. Ein Teufelskreis beginnt." Prof. Ulrich Hegel, Vorstandsvorsitzender Stiftung Deutsche Depressionshilfe

Therapiemöglichkeiten stark eingeschränkt

Der Lockdown schränkt die Behandlungsmöglichkeiten ein. Laut den Machern der Studie sind gut die Hälfte der Behandlungstermine abgesagt worden. Sie kommen daher zu dem Ergebnis: Bei fünf Millionen Menschen, die unter einer Depression leiden, haben zwei Millionen Betroffene in Deutschland keine ausreichende Behandlung erfahren. Dazu kommt, dass jeder zehnte Krankenhausaufenthalt gestrichen wurde.

Erst seit Frühjahr 2020: Videobehandlungen möglich

Wie gravierend die Folgen einer fehlenden zügigen Behandlung sein können, weiß die Regensburger Psychotherapeutin Maja Böhm. Sie musste mit Beginn des Herbstes wieder vielen Betroffenen absagen, weil sie keinen Therapieplatz mehr hatte.

"Es ist definitiv so, dass durch den Lockdown depressive Menschen sehr zurückgezogen sind. Völlig mit sich allein gelassen. Im schlimmsten Fall kann das bis zum Suizid gehen." Maja Böhm, Psychotherapeutin aus Regensburg

Auch sonst muss Psychotherapeutin Böhm darauf achten, den persönlichen Kontakt zu ihren Patienten so gering wie möglich zu halten. Die Regensburgerin bietet daher Videosprechstunden an. "Ich bin sehr überrascht, wie viel das bringt. Ich merke, dass wir nicht viel Drumherum reden und wir schneller zur Sache kommen, weil man nicht so abgelenkt ist." Erst seit diesem Frühjahr wird die Leistung auch von den Krankenkassen bezahlt. Noch sei die Scheu aber bei vielen Betroffenen groß, so Böhm.

© BR/Sebastian Grosser
Bildrechte: BR/Sebastian Grosser

Psychotherapeutin Maja Böhm bei einer Video-Sprechstunde

Betroffene: Angst vor längerem Lockdown

Auch Rebecca Ostermeier hat das Angebot bereits genutzt. Echten, menschlichen Kontakt ersetzt der Kontakt über den Bildschirm aber nicht. Mit Sorge blickt sie daher in die Zukunft, auf weitere Tage in der Isolation. "Ich habe Angst davor. Angst davor, wirklich einsam zu sein. Angst davor, niemanden zu haben. Angst davor, noch weiter abzustürzen als ich es eh schon bin."

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!