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Teilnehmer von Anti-Corona-Demos wollen die angebliche "Corona-Diktatur" stoppen. So werden sie womöglich selbst zur Gefahr für die Demokratie.

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    Demokratiefeindliche Corona-Leugner-Szene: Beobachter berichten

    Ein Aufruf zum Systemsturz auf Telegram – damit sorgte eine AfD-Politikerin vor ein paar Tagen für Aufsehen. Kein Einzelfall, sagen zwei Beobachter der Anti-Corona-Szene. Digital und auf Demos bemerken sie einiges an Demokratiefeindlichkeit.

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    Von
    • Julia Ruhs

    "Wir haben ein zweites 1933. Wir sind wieder so weit wie damals", so die besorgt klingende Frauenstimme. Zu hören ist diese in einer weitergeleiteten Sprachnachricht auf Telegram. Seit mehreren Tagen kursiert die häufig geteilte, etwa neun Minuten lange Nachricht im Netz. Die Stimme ist die von Andrea Haberl, AfD-Politikerin des Kreisverbandes Freising-Pfaffenhofen, die die Sprachnachricht auch aufgenommen und in Umlauf gebracht hat.

    AfDlerin: Demos brächten nichts, das System müsse gestürzt werden

    "Es ging noch nie um Corona. Corona ist ein Vorwand. Es geht darum, die Weltbevölkerung zu reduzieren", behauptet die Lokalpolitikerin. Der Impfstoff sei absolut lebensgefährlich. Alles sei von langer Hand geplant. Nach circa sechs Minuten Sprachnachricht fällt der Satz: "Demos, wo man tanzt und singt und springt, bringen überhaupt nichts. Das einzige, was uns noch retten kann, ist, dieses System zu stürzen." Der Aufruf zum Systemsturz hatte in der Lokalpresse für Schlagzeilen gesorgt.

    Verschwörungsmythen und Diktaturvergleiche in Szene normal

    Auch Daniel Kastan und Gerald Hetzel sind im Netz auf die Sprachnachricht gestoßen. Die beiden Passauer Studenten haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Corona-Leugner-Szene zu beobachten. Die Äußerungen der AfD-Lokalpolitikerin überraschen sie nicht. Denn in bestimmten Telegram-Gruppen seien solche Aussagen recht normal.

    Nicht nur digital beobachten Daniel Kastan und Gerald Hetzel die Szene, sondern auch vor Ort auf Anti-Corona-Demonstrationen. Dort filmen und fotografieren sie, unter anderem für die Organisation "Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus." Kastan ist mehrmals im Monat in ganz Deutschland als Fotograf auf den Demos präsent.

    Rechtes und antisemitisches Gedankengut dokumentieren

    Die Motivation der beiden Studenten: Ganz genau im Auge behalten, welche Redner dort auftreten und, ob sie sich rechtsextrem oder antisemitisch äußern. Auch die Symbolik der Demonstranten spiele dabei eine wichtige Rolle: Wie Armbinden und Plakate gestaltet sind, ob Demonstranten sich Davidsterne anheften, welche Fahnen sie hissen. Kurzum: Welches Gedankengut auf den Demos verbreitet wird.

    Klar demokratiefeindliche Parolen

    Denn staatsfeindliche Parolen verbreiten sich nicht nur im Netz: Ende Februar filmte Gerald Hetzel auf einer Anti-Corona-Demo in Deggendorf, hier trat ein ehemaliger NPD-Bundestagskandidat auf. Dieser phantasierte von "seinem Traum": In diesem würde ein "mutiger Oberstaatsanwalt oder ein Bundeswehrgeneral mit ein paar Einheiten nach Berlin" marschieren, um die Politiker dort einzusperren. Eine weitere Rednerin verkündete ins Mikrofon, dass "Amerika das Vorbild einer Demokratie sein muss, die durch einen Bürgerkrieg fällt".

    Auch wenn das Extrembeispiele seien: Die beiden Beobachter der Szene erkennen bei vielen Äußerungen der Verschwörungsideologen eine Gefahr. Ähnlich wie bei der Sprachnachricht der AfD-Politikerin gebe es einen Hang zu kruden Vergleichen, meint Daniel Kastan. Gerade in den Telegram-Gruppen, durch die er sich regelmäßig wühlt, sind die an der Tagesordnung.

    Die eigentliche Gefahr sind die vermeintlichen Widerstandskämpfer

    "Jana aus Kassel, die sich so fühlt wie Sophie Scholl, ist kein Einzelfall. Die Verschwörungsideologen sehen sich alle als Widerstandskämpfer gegen ein neues faschistisches System. Dieses wird angeführt von einer Elite, die alle Menschen zwangsimpfen und eine neue Weltordnung einführen will", so der Student der Staatswissenschaften. Das Problem sei auch, dass die Menschen, die an eine Verschwörung glauben, nur noch bestimmten Medien und Kanälen folgen. "Alles andere ist Lügenpresse".

    Anfeindungen auf Telegram: "Bitte verprügelt den mal wer"

    Weil Daniel Kastan und Gerald Hetzel regelmäßig auf den Demos vor Ort sind und filmen, sind sie keine Unbekannten mehr für die niederbayerische Anti-Corona-Szene. Einige der Demonstranten kennen mittlerweile ihre Gesichter. Deshalb kursieren Fotos von ihnen in öffentlichen Telegram-Chats, gerade Gerald Hetzels Name fällt immer wieder, samt Anfeindungen. Der BR berichtete vergangenen Dezember über diesen Fall. Mittlerweile läuft ein Strafverfahren wegen Beleidigung. Damit endete die Sache für den Studenten jedoch nicht. Nach dem Dreh auf der rechtsextremen Demo in Deggendorf kam es in einer der Telegram-Gruppen wieder zu Ausfällen: "Bitte verprügelt den mal wer", schrieb ein Nutzer. "Kenne genug Leute die Lust haben", stand kurze Zeit später darunter im Chatverlauf.

    Wen die Corona-Krise hart trifft, ist leicht zu ködern

    Von Corona-Leugnern einschüchtern lassen, wollen sich Gerald Hetzel und Daniel Kastan jedoch nicht. Beide werden die Szene auch weiterhin beobachten, sagen sie.

    Für beide ist jedoch auch klar: Nicht alle Anhänger solcher Verschwörungsmythen sind gleich rechtsextrem und wollen einen Systemsturz. Die Bewegung ziehe auch viele Menschen an, die durch Corona ihren Job verloren haben, wenig Angespartes und große Sorgen haben. Außerdem sei die Bewegung nur eine kleine Minderheit der Gesellschaft. "Dass es tatsächlich zu einem Umsturz oder einer Gefahr für das demokratische System kommt, sehe ich nicht. Aber es ist trotzdem absolut beängstigend, wie sehr diese Verschwörungstheorien an Zulauf bekommen haben", findet Jura-Student Hetzel.

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