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Debatte um Impfpflicht: Söder will abwarten | BR24

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Die Masern könnten laut WHO längst ausgerottet sein – gäbe es überall Impfquoten von über 95 Prozent. Brandenburg und NRW wollen nun eine Impfpflicht einführen. Die FDP fordert dies jetzt auch für Bayern, die Staatsregierung zögert.

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Debatte um Impfpflicht: Söder will abwarten

Die Masern könnten laut WHO längst ausgerottet sein – gäbe es überall Impfquoten von über 95 Prozent. Brandenburg und NRW wollen nun eine Impfpflicht einführen. Die FDP fordert dies jetzt auch für Bayern, die Staatsregierung zögert.

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Ein einjähriger Säugling erkrankte im Februar im Landkreis Rosenheim an den Masern, die Folgen: Das Gesundheitsamt recherchierte 80 mögliche Kontaktpersonen. Ungeimpfte Kinder durften nicht mehr in die Kita, Personal nicht mehr zur Arbeitsstelle.

Bayern-FDP fordert Impfpflicht

All das ließe sich langfristig vermeiden, mit einer Masern-Impfpflicht für Kita-Kinder, sagt Martin Hagen, Fraktionschef der FDP im Landtag. "Ich bin selber Vater von zwei Töchtern, für mich geht’s bei dem Thema um das Recht von Kindern auf körperliche Unversehrtheit, um den Schutz von Kindern vor schweren Krankheiten", so Hagen im BR-Interview. Masern seien eine "schwere Krankheit, die immer wieder auch Todesopfer fordert. Und deshalb ist es unverantwortlich, seine Kinder nicht zu impfen."

Grüne kritisieren Staatsregierung

Aufklärung und Impf-Kampagnen der Staatsregierung hätten zu wenig gebracht, findet auch Katharina Schulze, Fraktionschefin der Grünen. Für sie sei eine Impfpflicht aber nur ein letzter Baustein, wenn man merke, "dass alles andere nicht funktioniert". Dann könne eine Impfpflicht durchaus Sinn machen, so Schulze.

Darum zögert Söder bei der Impfpflicht

Tatsächlich liegt die Impfquote in Bayern bei Schulkindern nur bei 92,2 Prozent. 95 Prozent bräuchte es laut Experten des Robert Koch-Instituts, um die Masern langfristig auszurotten. Die SPD-Gesundheitsexpertin Ruth Waldmann wirft der Staatsregierung eine "wachsweiche Haltung" vor, man drücke sich vor einer Entscheidung.

Denn Ministerpräsident Markus Söder wie auch Gesundheitsministerin Melanie Huml (beide CSU) wollen an der bisherigen Praxis von Aufklärung und Information festhalten. "Wir sind skeptisch, gegenüber einer generellen Verpflichtung", sagt CSU-Chef Söder. Die Impfquote in Bayern sei insgesamt sehr hoch, extreme Ausfälle wie in anderen Ländern gebe es im Freistaat nicht. Solange es so gut funktioniert "ist der Zwang nicht der erste Schritt. Besser ist weitere Aufklärung."

Huml sieht schon viele Fortschritte

Gesundheitsministerin Melanie Huml verweist auf die Erfolge, die es durch Überzeugungsarbeit schon gebe, wie etwa durch verpflichtende Impfberatungsgespräche vor der Anmeldung in der Kita. "Bei den Schuleingangsuntersuchungen 2003/04 hatten wir bei den Masern eine Durchimpfungsrate von 44 Prozent bei den Zweitimpfungen", so Huml. "Jetzt haben wir 92,2 Prozent, das ist eine Steigerung von 48,2 Prozent. Das heißt, wir haben die letzten Jahre schon sehr sehr viel durchs Überzeugen erreicht, und ich würde gerne auf diesem Weg weitermachen."

Die Durchschnittsimpfquote in Bayern ist relativ gut, aber es gibt auch weiße Flecken auf der Impflandkarte, zum Beispiel rund um Rosenheim oder südlich von Starnberg, wo teilweise zehn Prozent der Schulkinder gar nicht gegen Masern geimpft sind.

Was Experten zur Impfpflicht sagen

Die Impfpflicht ist selbst bei Ärzten, die sich klar für das Impfen aussprechen, umstritten. Der Verband der Kinder und Jugendärzte fordert eine Impfpflicht, man erhoffe sich mehr Klarheit für die von Desinformation im Internet verunsicherten Eltern. Andere, wie der Impfexperte Wolfgang Jilg von der Universitätsklinik Regensburg, fürchten, dass eine Impfpflicht eher genau den gegenteiligen Effekt hätte und sich die Impfskepsis dadurch erst recht noch vergrößert.

Außerdem sei die Impfquote bei den Kindergartenkindern gar nicht das Haupt-Problem, findet Jilg: "Denn über die Hälfte der Maserninfektionen spielen sich bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen ab." Durch die Impfungen habe man erreicht, dass der erste Kontakt mit dem Masern-Virus ins spätere Lebensalter verschoben worden ist. Weil früher die Impfraten schlechter waren, würden jetzt die älteren öfter an Masern erkranken als die Kinder. Gerade für Erwachsene sind Kinderkrankheiten wie die Masern besonders gefährlich und folgenschwer im Verlauf.

WHO: Masern weltweit auf dem Vormarsch

Anfang Mai will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) einen Entwurf für eine bundesweit geregelte Impfpflicht präsentieren, bis dahin soll in Bayern erst einmal alles beim Alten bleiben.

Weltweit aber sieht die WHO dringenden Handlungsbedarf. Nach aktuellen Zahlen der Weltgesundheitsorganisation ist die Zahl der Masern-Fälle ist drastisch gestiegen. Sie nahm im ersten Quartal 2019 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum weltweit um 300 Prozent zu.

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Es fehlen nur einige wenige Prozentpunkte, um die Impf-Vorgaben der WHO zu erfüllen. Der Regensburger Mediziner Jilg sieht darin die Kinderärzte in der Pflicht, die Eltern über eine Impfung aufzuklären.