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Ein Kugelschreiber von "die Grünen" und der "CSU".
© Julia Müller/BR
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Ein Kugelschreiber von "die Grünen" und der "CSU".

Die Nachricht aus Bayern fanden am Dienstagmorgen Zeitungsleser in vielen Teilen der Republik in ihrem Heimatblatt: Ob "Lübecker Nachrichten", "Sächsische Zeitung", "Kölnische Rundschau" oder "Stuttgarter Zeitung" - die Ansetzung des TV-Duells zwischen Markus Söder (CSU) und Ludwig Hartmann (Grüne) war vielen Medien eine Meldung wert: Am 26. September lädt das BR Fernsehen den bayerischen Ministerpräsidenten und den Grünen-Spitzenkandidaten zum Wortgefecht.

Insbesondere bayerische Blätter, aber auch überregionale Medien wie die "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und die "Süddeutsche Zeitung", gingen dabei auch auf die Kritik an der BR-Entscheidung ein, den Grünen-Spitzenkandidaten gegen Söder antreten zu lassen. "Die politische Lage in Bayern ist nicht nur komplex, sie ist auch einzigartig. Eine Diskussion wie jetzt war bis vor Kurzem nicht denkbar", schreibt etwa die Süddeutsche Zeitung. Das "Straubinger Tagblatt" kritisierte dagegen die Fokussierung auf CSU und Grüne in einem Duell.

BayernTrend Grundlage für Duell-Entscheidung

Der BR hatte am Montag mitgeteilt, sein umfangreiches Programmangebot zur Landtagswahl um ein TV-Duell und eine "Fünf-Kampf"-Sondersendung zu ergänzen. Grundlage hierfür: Der jüngste BR-BayernTrend von infratest dimap vom 12. September, bei dem die Grünen mit 17 Prozent klar vor den drittplatzierten Parteien (SPD, Freie Wähler und AfD) mit je elf Prozent liegen.

Am 26. September zeigt das BR Fernsehen daher das Duell Söder gegen Hartmann. Der schwarz-grüne Schlagabtausch wird eine Premiere sein. 2008 und 2013 standen sich jeweils die Spitzenkandidaten von CSU und SPD gegenüber: Beim ersten TV-Duell vor zehn Jahren waren es Günther Beckstein und Franz Maget, vor fünf Jahren dann Horst Seehofer und Christian Ude.

Auf das Duell folgt ein "Fünf-Kampf"

Heuer muss SPD-Spitzenkandidatin Natascha Kohnen zunächst zuschauen. Jedoch gibt es zwei Tage später einen "Fünf-Kampf" für die Spitzenvertreter aller weiteren Parteien, die dem aktuellen BayernTrend zufolge Chancen haben, in den Landtag einzuziehen: Neben SPD, Freien Wählern und AfD (mit je 11 Prozent) sind das die FDP und die Linke, die in der Umfrage bei je fünf Prozent lagen.

SPD nennt Entscheidung "absurd"

Söder und Hartmann reagierten erfreut auf die BR-Einladung zum Duell: "Freue mich sehr", twitterte Markus Söder. "Wird sicher interessant." Und Hartmann schrieb: "Schön! Endlich Zeit über Inhalte zu reden. Freu mich drauf."

Ganz anders die Reaktion der SPD. Die Entscheidung sei "völlig absurd", kritisierte der bayerische SPD-Generalsekretär Uli Grötsch. Es sei das erste Mal, "dass die Teilnehmer an einem Duell im öffentlichen Rundfunk nicht auf Basis von tatsächlichen Wahlergebnissen, sondern ausschließlich auf Basis von Meinungsumfragen festgelegt werden". Der BR greife damit "massiv in den Wahlkampf und die Chancen der Parteien zur Kommunikation mit den Wählerinnen und Wählern ein".

BR-Chefredakteur weist Kritik zurück

Den Vorwurf, der BR greife in den Wahlkampf ein, weist BR-Chefredakteur Nitsche "deutlich zurück". Die SPD stehe mit elf Prozent auf einer Stufe mit FW und AfD und werde "somit nicht als Herausforderer wahrgenommen".

Das Gesamtkonzept des BR trage auch der politischen Bedeutung der SPD in angemessenem Umfang Rechnung, betont er. Die Zusammensetzung des Duells von einem fünf Jahre alten Wahlergebnis abhängig zu machen, werde der "komplexen aktuellen politischen Lage nicht gerecht".

Ein anhaltender Umfrage-Trend

Die "Süddeutsche Zeitung" verweist auf die BR-Argumentation, dass die Grünen in dem "aussagekräftigen" BayernTrend "klar zweitstärkste Kraft hinter der CSU" seien. "Ein Trend, der sich schon in mehreren Umfragen verfestigt hat", so das Blatt.

Denn ein sehr ähnliches Bild wie die BayernTrend-Umfragen des Meinungsforschungsinstituts infratest dimap der vergangenen Monate zeichnen auch Erhebungen weiterer Institute für andere Medien: Die CSU liegt überall gleichermaßen bei historisch niedrigen Werten von deutlich unter 40 Prozent, zweitstärkste Kraft sind klar die Grünen. Zuletzt kam auch die Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF-Politbarometer zu sehr ähnlichen Zahlen wie der BayernTrend: Dort lag die CSU bei 35 Prozent, die Grünen hatten mit 18 Prozent fünf Punkte Vorsprung auf die SPD.

"Verschiebung im bayerischen Parteiensystem"

Zu einer ähnlichen Einschätzung wie der BR scheint im Übrigen auch der "Münchner Merkur" gekommen zu sein: Für seine Wochenendausgabe (22./23. September) hat das Blatt ebenfalls ein schwarz-grünes Rededuell zwischen Söder und Hartmann veranstaltet. Und in seinem Kommentar schrieb "Merkur"-Politikchef Mike Schier Anfang der Woche: "Mit seiner lange hinausgezögerten Entscheidung, das TV-Duell vor der Landtagswahl lieber mit den Grünen statt mit den Genossen zu veranstalten, nimmt der Bayerische Rundfunk die sich anbahnende tektonische Verschiebung im bayerischen Parteiensystem quasi vorweg."

Aiwanger beklagt Wahlmanipulation zugunsten der Grünen

BR-Chefredakteur Nitsche kontert auch den Vorwurf von Hubert Aiwanger, dem Landeschef und Spitzenkandidaten der Freien Wähler (FW), der auf Facebook unterstellt, der BR wolle Schwarzgrün "mit Gewalt" herbeisenden. Nitsche: "Wir arbeiten unabhängig und reagieren auf den veränderten Wählerwillen, der sich in Umfragen spiegelt. Die Nervosität im politischen Raum ist spürbar. Wir lassen uns davon aber nicht bei gut begründbaren Programmentscheidungen beeinflussen."

Doch ein schwarz-rotes Duell

Die "Nürnberger Nachrichten" haben sich für einen anderen Weg entschieden: Am Dienstag veranstalteten und übertrugen sie im Internet das einzige Duell zwischen Ministerpräsident Söder und SPD-Spitzenkandidatin Kohnen.

Vereinbart hatte das Blatt das schwarz-rote Duell allerdings schon vor Monaten. Dass der BR angesichts der jüngsten Umfragen statt Kohnen nun Hartmann eingeladen hat, stößt bei den "Nürnberger Nachrichten" auf Verständnis: "Die Ausladung der SPD durch den Bayerischen Rundfunk hat da eine gewisse Konsequenz, auch wenn die SPD schäumt."

"Völlig nachvollziehbar"

Auch "Focus Online" bezeichnet die BR-Entscheidung als völlig nachvollziehbar: "Gerade in der aktuellen, sich schnell verändernden politischen Landschaft mit schwächelnden Volksparteien und starken 'kleinen' Parteien ist es sinnvoll, bei der Besetzung eines TV- Duells auf aktuelle Umfrageergebnisse statt auf überholte Wahlergebnisse zurückzugreifen."

Harsche Kritik

Außergewöhnlich scharfe Kritik am BR kommt vom "Straubinger Tagblatt", das quotenstarke Fernsehduelle grundsätzlich für "fragwürdige Veranstaltungen" hält. Dass der BR Söder ausgerechnet gegen Hartmann antreten lasse, sei "reine Willkür", die öffentlich-rechtliche Anstalt greife "damit auf problematische Weise in den Wahlkampf ein". Denn von dem geplanten Duell gehe das Signal aus, das Rennen um den zweiten Platz sei schon zugunsten der Grünen entschieden. Auch dieser Kritik widerspricht BR-Chefredakteur Nitsche: „Es ist alles andere als eine Willkürentscheidung, sondern die Konsequenz aus dem kontinuierlichem Zuwachs der Grünen in den Umfragen. Wir haben unser gesamtes Wahlkonzept eingehend geprüft, es besteht aus einer Vielzahl von Sendungen und wird den aktuellen politischen Machtverhältnissen sehr gut gerecht.“

Auch das "Straubinger Tagblatt" kommt zu dem Ergebnis, dass die Alternative zum schwarz-grünen TV-Duell kein schwarz-rotes wäre. "Einzig und allein die ganz große Runde" wäre dem Blatt zufolge eine "faire Lösung" gewesen.

Große Runde

Eine "große Runde" war im BR Fernsehen schon zu sehen - mit der "Wahlarena", die auch die "SZ" in ihrem Artikel erwähnt. Daran nahmen Spitzenvertreter von sechs Parteien teil: SPD, Grüne, Freie Wähler und FDP schickten ihren Spitzenkandidaten Kohnen, Katharina Schulze, Aiwanger und Martin Hagen, die AfD ihren Landeschef Martin Sichert und die CSU den bayerischen Fraktionsvorsitzenden Thomas Kreuzer. Die Linke war nicht dabei.

Hartmann statt Schulze

Das Medien-Portal "Meedia" erklärt in seinem Artikel, warum für die Grünen beim bevorstehenden TV-Duell nicht Schulze, sondern ihr deutlich unbekannterer Co-Spitzenkandidat Hartmann gegen Söder antreten wird. Die 33-Jährige könne gar nicht Ministerpräsidentin von Bayern werden, "denn laut Landesverfassung braucht es dafür ein Mindestalter von 40 Jahren". Hartmann hat dieses Alter im Juli erreicht.

Die "SZ" jedenfalls kann der bevorstehenden Auseinandersetzung zwischen Söder und Hartmann einiges abgewinnen: "Interessant ist ihr Auftritt auch deshalb, weil die Zuschauer am 26. September nicht nur zwei Politiker beobachten dürfen, die sich einig sind, uneinig zu sein, sondern auch zwei, die bald vielleicht über eine gemeinsame Regierung Sondierungsgespräche führen können."