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Das Problem mit den Tagestouristen: Was tun gegen den Kollaps? | BR24

© dpa-Bildfunk/Armin Weigel

Ein Schneeräumfahrzeug fährt auf der Straße am Großen Arber an parkenden Autos vorbei.

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    Das Problem mit den Tagestouristen: Was tun gegen den Kollaps?

    Bayerns Ausflugsregionen haben seit Jahren mit einem Ansturm von Tagestouristen zu kämpfen. Corona hat die Lage jetzt noch zugespitzt. Die Berge und Seen locken viele an die frische Luft. Immer noch gibt es keine Hilfe für die betroffenen Kommunen.

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    Von
    • Katrin Bohlmann

    Tief durchatmen tut gut. Erst recht jetzt in Zeiten der Pandemie. Am besten in der Natur, am See oder in den Bergen. Die Ruhe genießen und vom Corona-Alltag entspannen. Das Problem: Diese Idee haben viele - zu viele. Die Folge: nervenaufreibende Staus, volle Parkplätze und überfüllte Wanderwege. Davon lassen sich die Tagesgäste vor allem aus München und Umgebung aber offenbar nicht abschrecken.

    Corona hat Tagestouristen-Ansturm verschärft

    Auch wenn immer mehr Landkreise in Bayern wegen der hohen Infektionszahlen schon die Einreise von Tagestouristen untersagt haben, bleibt grundsätzlich die Frage: Wie sollen die beliebten Ausflugsregionen zukünftig mit dem Ansturm von Tagesgästen umgehen? Erst vergangene Woche hatten betroffene Bürgermeister und Bürgermeisterinnen in einer Videokonferenz das Problem "Münchner Tagestouristen" besprochen.

    Konzepte in der Schublade kommen nicht zum Einsatz

    Seit Jahren ringen Politik, Tourismus- und Umweltverbände um eine Lösung, suchen Konzepte, um die Touristenströme besser zu lenken. Eine App zur Besucherlenkung ist angekündigt worden. Aber Corona hat die Lage nun zugespitzt.

    Immer noch fehlen durchschlagende Maßnahmen. Einheimische protestieren, auch wenn viele in den Ausflugsregionen vom Tourismus leben. Aber in der Pandemie ist alles anders. Manch einer hat sich mit wüsten Beschimpfungen Luft gemacht. Dabei wollen Politik, Wirtschaft und Umweltverbände mehr Tourismus in der Heimat.

    Offiziell dürfen Ausflugsorte zur Zeit keinen Tourismus betreiben

    Den Ansturm, den die Ausflugsregionen wie das Allgäu, der Bayerische Wald und das Tegernseer Tal in den vergangenen Corona-Wochen erlebt haben, ist wohl rekordverdächtig. Noch liegen keine aktuellen Zahlen vor. Aber schon 2019 kamen rund 8,2 Millionen Tagesgäste in die Alpenregion Tegernsee Schliersee (ATS), teilt ihr Tourismuschef Harald Gmeiner mit. Er geht davon aus, dass es im Corona-Jahr noch mehr sind.

    Dabei dürfen Ausflugsorte aktuell gar keinen Tourismus betreiben. Hotels und Restaurants sind geschlossen. Auch die öffentlichen Toiletten und Parkplätze sind offiziell zu. Es fehlt also die touristische Infrastruktur. Dennoch kommen die Tagestouristen in Strömen, vor allem aus München, aber auch aus Nürnberg, Rosenheim und dem eigenen Landkreis, berichtet ATS-Chef Gmeiner.

    Tourismuschef Gmeiner: "Das ist nicht mehr tragbar"

    Bei allem Verständnis, dass es gerade in der Coronazeit verlockend ist, an die Seen und in die Berge zu fahren: die Lage in den vergangenen Wochen war einfach chaotisch. "Da ist der Verkehr, der sehr spürbar und auch belastend ist für die einheimische Bevölkerung", so Gmeiner. "Dann natürlich die Parkplatzüberfüllung. Es wird ausgewichen zum Teil auf landwirtschaftliche Flächen oder Privatgrundstücke. Das ist nicht mehr tragbar", sagt der Tourismuschef.

    "BayernCloud Tourismus" soll Entlastung bringen

    Es muss endlich etwas passieren - darin sind sich alle betroffenen Kommunen einig. Aussperren ist keine Lösung. Die Besucherströme müssen intelligent digital gelenkt werden, damit der Gast besser planen kann, wohin er fährt. Folgende Maßnahmen sollen dabei helfen:

    • voraussichtlich ab diesem Jahr: BayernCloud Tourismus (BCT): eine Plattform als Datendrehscheibe für Bayerns touristische Akteure
    • Verkehrsfluss und Parkplatz-Auslastung messen mit Hilfe der Cloud
    • aus Wetter- und Kalender-Daten Prognosen für einzelne Tage erstellen, um Überfüllung zu vermeiden
    • alternative Ausflugsgebiete anbieten
    • Ausbau anderer Mobilitätsangebote wie Bus, Bahn, Rad

    Aiwanger: "Nicht auf Knopfdruck Touristen durch Bayern beamen"

    Das Wirtschaftsministerium hat dazu im vergangenen Jahr eine Arbeitsgemeinschaft ins Leben gerufen. Sie soll Lösungen für die Probleme in den Ausflugsregionen finden. "Ein Ziel ist eine gemeinsam abgestimmte Aufklärung der Urlaubs- und Tagesgäste, die nicht auf Verboten gründet, sondern mit Appellen an die Vernunft der Gäste arbeitet. Aber auch der Einsatz digitaler Methoden wird ein wesentlicher Baustein sein und die Besucherlenkung künftig prägen. Als ein erster Schritt wurde daher der Ausflugsticker Bayern gestartet", teilt Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger auf BR-Anfrage schriftlich mit.

    Der Ausflugsticker steht aber in der Kritik, weil er händisch mit Daten gefüttert werden muss, dadurch kaum aktuell ist und deswegen wenig genutzt wird. Voraussichtlich ab diesem Jahr soll es dann die lang erwartete Plattform, die BayernCloud Tourismus geben: eine Art Datendrehscheibe für alle touristische Akteure. Es passiere also sehr wohl etwas, sagt Wirtschaftsminister Aiwanger. "Wir können nicht auf Knopfdruck Touristen durch Bayern beamen, sondern wir informieren über überfüllte Orte und bitten, doch auch andere Regionen zu besuchen, wo weniger los ist. Durch Corona kommt natürlich jetzt erschwerend hinzu, dass viele Menschen kurzfristig an die frische Luft wollen und die nächstgelegene Möglichkeit ansteuern, ohne sich gezielt zu informieren."

    Wunsch an Tagestouristen: Rücksicht nehmen und lenken lassen

    Die Probleme sind häufig sehr komplex und können auch nur vor Ort gelöst werden, so Aiwanger. Momentan sind teilweise eher kommunale und polizeiliche Lenkungsmaßnahmen gefordert. "Als Wirtschaftsminister bin ich nicht für die Parkplätze und Toilettenanlagen in Besucherhotspots zuständig."

    Einheimische in den Ausflugsregionen und Tourismusverbände haben einen Wunsch an die Tagesgäste: dass sie Rücksicht nehmen und sich lenken lassen. Ansonsten wird sich zukünftig nichts ändern. Es wird weiterhin Verkehrs- und Müll-Chaos geben in Bayerns beliebten Ausflugsorten. Dabei wollen doch alle das Gleiche – Einheimische und Touristen: Ruhe und tief durchatmen.

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