Thomas Böschen im Texaid-Lager in Apolda
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Thomas Böschen im Texaid-Lager in Apolda

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Das Märchen vom Textilrecycling - und wie es wahr werden könnte

Aus einer weggeworfenen Hose wird wieder eine neue Hose. Das wäre echtes Textilrecycling. Doch die Realität sieht anders aus. Was aus unseren Altkleidern wirklich wird - und wie Augsburger Forscher das durch künstliche Intelligenz ändern wollen.

Über dieses Thema berichtet: Mittags in Schwaben am .

Den Ort, an dem man das Dilemma des Textilrecyclings meterhoch vor Augen geführt bekommt, will sich Thomas Böschen bis zum Schluss aufheben. Zuerst führt der Chef der Firma Texaid im thüringischen Apolda durch riesige Hallen voller Fließbänder und mannshoher Container. Und überall stehen Frauen (und einige Männer), die per Hand sortieren: 90 Tonnen Altkleider. Jeden Tag.

Über eine Stahltreppe steigt man zu Silke Lux und ihren Kolleginnen hinauf. Sie stehen links und rechts einer langen Reihe von Schächten, in die sie wahlweise Bekleidung werfen. Es ist der Ort, an dem sich das Schicksal der Altkleider entscheidet. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen.

Ein großer Teil endet als Putzlappen oder Malervlies

Die schlechten Textilien, das sind Kleidungsstücke, wie das löchrige T-Shirt, das Silke Lux gerade aussortiert. Es taugt nicht mehr für die Second-Hand-Läden, in denen etwa 60 Prozent aller Altkleider ein zweites Leben beginnen. Das T-Shirt gehört zu den restlichen 40 Prozent, die als Putzlappen oder Malervlies enden - oder gleich verbrannt werden.

Downcycling nennt man das im Fachjargon und meint eine Herabstufung oder Abwertung eigentlich hochwertiger Rohstoffe. "Das ist echt schade", sagt Chef Böschen. "Denn um jedes Kleidungsstück herzustellen, werden viele Ressourcen verbraucht." Für eine einzige Jeans etwa 6.000 Liter Wasser.

Echtes Recycling ginge anders

Echtes Recycling ginge anders: Ein Kreislauf, in dem aus den Fasern der weggeworfenen Jeans ein annähernd gleichwertiges oder zumindest hochwertiges Produkt gemacht würde. Doch dafür müsste man die Tonnen an Altkleidern bei Texaid erstmals weiter trennen: In Baumwolle, Polyester und so weiter. Metallknöpfe oder Aufnäher müssten entfernt werden. Doch all das wäre zu teuer für den Markt. Denn sortiert werden müsste hier wieder: per Hand. "Leider, weil es noch keine Maschinen gibt", erklärt Thomas Böschen.

Doch das soll sich ändern. Künstliche Intelligenz (KI) soll künftig die Sortierung übernehmen, entwickelt am Recycling-Atelier Augsburg, wo Studentinnen und Studenten der Technischen Hochschule Augsburg forschen. Schritt eins: Klären, um welches Kleidungsstück es sich handelt. Wichtig, denn: Jeans haben meist bessere Fasern als T-Shirts.

Künstliche Intelligenz soll das Problem lösen

Student Tim legt die Hose unter die Kameras und startet die Analyse, die KI erkennt eine gewebte Hose. Doch so akkurat wie bei dem Versuch wird die Hose in einer Sortierfabrik nicht daliegen. "Wenn ich die Hose einfach mal nehme und so hinwerfe, dann erkenne ich als Mensch, das ist eine Hose." Aber die KI? Tim startet die Analyse: "Jetzt wäre es ein T-Shirt."

Ein anderes Beispiel: Hemden. Die enthalten "Störstoffe" wie Knöpfe, die vor der Zerfaserung des Stoffs entfernt werden müssten. "Die KI könnte denken, dass es Aufdrucke sind, oder Flecken", erklärt Studentin Suzan. Also muss das Team die KI mit Zehntausenden Fotos trainieren, um ihr beizubringen, woran eine Hose zu erkennen ist, wie sich Knöpfe von Flecken unterscheiden und wie sich Gewebtes und Gestricktes unterscheidet.

Das klingt banaler, als es ist. Ein Beispiel: Zu Beginn waren auf den Trainings-Fotos für kurze Hosen Bilder dabei, auf denen ein Mensch die Hose trägt. Nach einer gewissen Zeit dachte die KI, dass zu einer kurzen Hose also auch Beine gehören, die unten rausschauen, und Arme, die links und rechts herunterbaumeln. Eine herumliegende Hose hat die KI daher nicht mehr als solche erkannt. Schließlich fehlte ja das menschliche Beiwerk, sprich Arme und Beine.

Die Sortierung ist das Nadelöhr

Der Trainingssatz fürs Gewebe funktioniert schon zuverlässig. Und nun soll auch das Problem mit der Jeans gelöst werden, sagt Prof. Stefan Schlichter, der das Projekt leitet. "Wir müssen dem System gezieltere Infos über die Jeans geben. Über die Form der Taschen, die Knöpfe, die Nieten, die Nähte. Und dann könnte die KI schon daran erkennen: Das könnte eine Jeans sein."

Bis das System für den Einsatz in einer Sortierfabrik bereit ist, wird es freilich noch dauern. Das Gute: Ist die Sortierfrage einmal gelöst, wäre der weitere Weg leicht zu beschreiten. Die maschinellen Lösungen für das Auffasern der Kleidungsstücke gibt es bereits, sei es durch Reißen oder durch ein chemisches Verfahren.

Haushohe Textil-Ballen, die nicht mehr verbrannt werden sollen

Texaid-Chef Böschen hofft, dass durch die KI ein Teil der meterhohen Stoffberge aus seinem Lager verschwinden wird. Es ist der Bereich, den sich Böschen beim Fabrik-Rundgang für den Schluss aufgespart hat. "Hier sieht man das Ergebnis von ein, zwei Wochen Sortierung", sagt Böschen.

Hoch wie ein Einfamilienhaus türmen sich die Stoffballen. "Hier Produktionsrohstoff für die Wärmegewinnung in der Zementindustrie. Das wird verbrannt", erklärt Böschen und geht zum nächsten Turm aus Stoffballen: "Daraus werden Industrieputzlappen gemacht. Und hier daneben: Der ganze Berg wird direkt in die Müllverbrennung gefahren. Das sind einfach Rohstoffe, die verloren gehen." Unternehmer Böschen setzt auf das Team aus Augsburg. Sobald die Technik ausgereift ist, will er sie einsetzen. Damit aus Weggeworfenem wieder Kleidung wird.

Im Audio: Inwieweit kann KI die Recycling-Branche verändern?

Ein Altkleider-Container.
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Inwieweit kann KI die Recycling-Branche verändern? Antworten darauf gibt Professor Stefan Schlichter.

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